DFB-POKAL: Die Titellosen
DFB-POKAL: Die Titellosen
19. Mai 2017

Für Marco Reus und Thomas Tuchel soll der 27. Mai Endstation Sehnsucht bedeuten. Denn sowohl der Superstar als auch der Coach sind in ihrer Karriere noch ohne Titel.

Man mag es kaum glauben: Marco Reus ist 27 Jahre alt. Er spielt seit acht Jahren in der Fußball-Bundesliga. Er ist eines der größten deutschen Talente, seit fast sechs Jahren Nationalspieler. Er ist laut transfermarkt.de mit einem Marktwert von 40 Millionen Euro der viertwertvollste deutsche Spieler nach Toni Kroos, Thomas Müller und Mesut Özil. Und er spielt schon seit fünf Jahren bei Borussia Dortmund, der auf Strecke zweitbesten deutschen Mannschaft. Doch Marco Reus hat in seiner gesamten Profi-Karriere noch nicht einen einzigen offiziellen Titel gewonnen.

Ja, Marco Reus hat mit dem BVB zweimal den deutschen Supercup gewonnen, doch der wird in den Statistiken nicht als offizieller Titel geführt. Und er hat einige Auszeichnungen erhalten. Allen voran die als Deutschlands „Fußballer des Jahres“ 2012. Oder drei Ehrungen für ein „Tor des Monats“. Doch wenn die wirklich großen Titel verteilt wurden, wenn es wirklich um Silberware ging, wie sie in England sagen, dann war Marco Reus scheinbar von einem Fluch befallen.

Der gebürtige Dortmunder, 2005 als 16-Jähriger vom BVB wegen zu weniger Einsatzzeiten aufgrund von körperlichen Defiziten geflüchtet, kehrte 2012 als große Hoffnung für rund 17 Millionen Euro von Borussia Mönchengladbach zurück. Es sollte eigentlich eine titelreiche Verbindung werden, denn Dortmund hatte in den beiden Jahren zuvor jeweils den Meistertitel gewonnen und die Bayern im DFB-Pokalfinale gerade mit 5:2 gedemütigt. Mit Reus, der Mönchengladbach in diesen zwei Jahren zunächst aus scheinbar aussichtsloser Lage zum Klassenverbleib und dann in die Champions-League-Quali geführt hatte, fühlte sich der BVB auch für die kommenden Jahre gut gerüstet im Duell gegen die Bayern. Doch auch wenn Reus in seiner zweiten Dortmunder Zeit alles andere als enttäuschte, ist eben kein weiterer Triumph dazugekommen. Gleich in seiner ersten Saison erreichten die Dortmunder zwar das Champions-League-Finale – verloren aber 1:2 gegen die Bayern.

Und auch alle fünf Meistertitel seit  der Rückkehr von Reus nach Westfalen gingen an die Münchner, die auch immer mal wieder Interesse am Jungstar hatten. Dreimal – 2013, 2014 und 2016 – wurde Dortmund dabei Vizemeister. Drei weitere Male und sogar dreimal in Folge (2014, 2015 und 2016) erreichte der BVB das Pokalfinale – und verlor es jeweils. Zweimal – natürlich – gegen die Bayern. Und 2015 im letzten Spiel unter Trainer Jürgen Klopp auch gegen den VfL Wolfsburg. Marco Reus, sonst in den vergangenen Jahren oft verletzt, stand in allen vier Endspielen in der Startelf, schoss aber kein einziges Tor. Und das, obwohl er in der Liga, dem Europacup und dem Pokal normal im Schnitt in jedem zweiten Spiel trifft. Gegen Wolfsburg vergab er nach Führung bei einer Riesenchance das 2:0, am Ende verlor der BVB 1:3. Insgesamt stehen für ihn in fünf Jahren nun sieben Vize-Titel in der Statistik. Da schauen selbst in dieser Hinsicht geplagte Leverkusener und Schalker nur mitleidig.

Sieben Vize-Titel in fünf Jahren

Sein Titel-Fluch verfolgte Reus auch bis in die Nationalmannschaft. Bei der EM 2012 kam er im Halbfinale gegen Italien (1:2) erst zur Halbzeit beim Stande von 0:2 ins Spiel. Und als Deutschland 2014 in Brasilien den WM-Titel gewann, saß der noch vom letzten Vorbereitungsspiel verletzte Reus zu Hause vor dem Fernseher. Die Einladung, zum Endspiel gegen Argentinien (1:0 n.V.) nach Rio zu kommen, lehnte er ab. Und dass sein Kumpel, der Siegtorschütze Mario Götze, sein Trikot in die Luft hielt, bekam er gar nicht mehr mit. „Ich hatte den Fernseher zu diesem Zeitpunkt schon aus, bin schlafen gegangen“, sagte er später. Es tat trotz der Freude für die Kollegen einfach zu weh. Auch vor der EM 2016 verletzte sich Reus schließlich. Er verpasste die Europameisterschaft, Deutschland schied im Halbfinale aus. Mit ihm, da sind sich viele Experten sicher, hätte das DFB-Team den Titel geholt.

Schon seit Jahren wird Reus deshalb in regelmäßigen Abständen gefragt, wie es sein kann, dass ein solch außergewöhnlicher und prägender Spieler wie er noch keinen Titel gewonnen hat. Zumal die persönliche Ausbeute in den vier Finals zwar gegen ihn spricht, er aber insgesamt eigentlich schon ein Mann für die entscheidenden Momente ist. Als er nun im Saisonfinale im April aus der x-ten Verletzung zurückkam, erzielte er in vier Bundesliga-Spielen gleich dreimal das wichtige 1:0. „Ich bin auch ohne Titel glücklich“, sagte Reus auf entsprechende Nachfragen zwar stets. Sein Blick und der leichte Trotz in der Stimme verraten aber: Mit wäre er natürlich noch ein gutes Stück glücklicher. Seine wenigen ausführlichen Antworten zu diesem Thema, wie im Sommer 2016 in einem Interview mit der „WAZ“, klangen dann auch schon ganz schön einschränkend. „Ich mache mein persönliches Glück doch nicht nur abhängig von Titeln“, sagte er. Und stellte klar, dass diese Aussage keineswegs für Gleichgültigkeit stehen soll: „Aber im normalen Leben – darauf beziehe ich mich – bin ich auch ohne Titel glücklich, schon allein deswegen, weil ich den Sport ausüben kann, an dem ich Spaß habe. Das wollte ich immer.“

Nun hat der BVB zum vierten Mal in Folge das Pokal-Endspiel erreicht. Reus ist aktuell fit und gut in Form. Vielleicht wird er endlich auch mal ein Finale prägen können. Und vielleicht dann endlich auch seinen ersten „richtigen“ Titel gewinnen. Sollte es auch gegen Frankfurt nicht klappen – der BVB ist im Endspiel immerhin klarer Favorit – würde gegen seine Titel-Allergie vielleicht nur noch ein Wechsel zu Bayern München oder Juventus Turin helfen.

Dass sein Trainer Thomas Tuchel auch noch keinen Titel bei den Profis gewonnen hat – mit der A-Jugend des VfB Stuttgart und von Mainz 05 war er jeweils Meister –, scheint auf den ersten Blick ein wenig logischer. Tuchel ist schließlich erst im zweiten Jahr in Dortmund. Und mit Mainz, wo er zuvor fünf Jahre lang Cheftrainer war, waren Titel illusorisch. Mit dem BVB verschenkte er im vorigen Jahr durch das dramatische Viertelfinal-Aus in der Europa League beim FC Liverpool mit Vorgänger Klopp eine große Titelchance (3:4 nach 3:1), das Pokalendspiel gegen die Bayern wurde im Elfmeterschießen verloren.

Dissens zwischen Watzke und Tuchel

Doch auch Trainer wie Tuchel definieren sich über Titel. Um diese zu gewinnen, ist er nach Dortmund gekommen. Um diese zu holen, hat man ihn verpflichtet. Es ist aber durchaus wahrscheinlich, dass das Finale gegen Frankfurt auch gleich schon wieder Tuchels letzte Titelchance ist – zumindest mit dem BVB. Die schon im Laufe der zwei Jahre immer wieder aufgetretenen und auch immer wieder an die Öffentlichkeit geratenen atmosphärischen Störungen zwischen dem Trainer, Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportchef Michael Zorc haben sich in den vergangenen Wochen zugespitzt. Tuchel hat die Neuansetzung des Champions-League-Spiels gegen AS Monaco als „unmenschlich“ bezeichnet und moniert, dass er und die Spieler „überhaupt nicht eingebunden wurden“. Daraufhin bestätigte Watzke einen klaren „Dissens“. Und Präsident Reinhard Rauball sprang ihm zur Seite. „Am Folgetag wurde allen, auch dem Trainer, natürlich das Recht eingeräumt, sich gegen den Spieltermin auszusprechen. Ein solcher Wunsch ist an uns nicht herangetragen worden“, sagte Rauball. Er habe alle Entscheidungen mitgetragen, „das gilt bis heute“. Gleichzeitig lobte Rauball Watzke als jemanden, „der in schwierigen Situationen nicht an sich, sondern nur an den BVB denkt“.

Kurzum: Um Tuchel herum wird es immer einsamer, nachdem der BVB schon in den vergangenen Monaten Fragen nach seiner Zukunft stets ausweichend beantwortet hat. Inzwischen scheint klar: Das Pokalfinale wird wohl  Tuchels letztes Spiel als Dortmunder Trainer und damit die letzte Chance auf einen Titel mit dem BVB. Für ihn wäre ein Pokalsieg also ein goldener Abschied, eine Genugtuung. Und zudem – wenn auch vielleicht nicht im selben Ausmaß wie bei Marco Reus – eine Erlösung.

Von Holger Schmidt



Info:

Geldregen

Der DFB-Pokalsieger 2017 kann sich auf eine Siegprämie von 4,54 Millionen Euro vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) freuen. An den Verlierer schüttet der DFB 3,26 Millionen Euro aus. Dies berichtet die „Sport Bild“. Das Endspiel am 27. Mai im Berliner Olympiastadion bestreiten Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt. Insgesamt schüttet der DFB in dieser Saison 65 Millionen Euro im DFB-Pokal aus, verteilt auf die 64 teilnehmenden Vereine. Das sind elf Millionen mehr als noch in der vergangenen Saison.



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