Ein neuer Boom?
Ein neuer Boom?
17. März 2017

Mit dem Klassiker Mailand-San Remo beginnt am 18. März die erste heiße Phase der neuen Radsport-Saison. Einiges spricht dafür, dass hierzulande wieder eine neue Begeisterungswelle entstehen könnte.

Was waren das doch für tolle Jahre für eingefleischte Radsportfans? Aber auch für den neutralen Sportzuschauer. Jan Ullrich und Kollegen sorgten Ende der 90er und in den frühen 2000ern für einen Radsport-Boom im Fernsehen, wie ihn zuvor nur Tennis durch Boris Becker und Steffi Graf oder die Formel 1 durch Michael Schumacher erlebt hatten. 2003, als Ullrich sich mit Lance Armstrong um den Tour-Sieg duellierte, schalteten im Schnitt 3,1 Millionen Zuschauer die TV-Übertragungen in ARD und ZDF ein – an Wochentagen mittags. Bei der entscheidenden Bergetappe vor 14 Jahren waren es sogar mehr als sechs Millionen bei einer Quote von fast 50 Prozent.

Doch dann fiel das Kartenhaus in sich zusammen. Doping-Gerüchte um den Radsport hatte es immer gegeben, doch sie wurden immer irgendwie beiseite gewischt. Als dann ein Star nach dem anderen überführt und das Doping als vielerorts flächendeckend entlarvt wurde, bekamen viele Zuschauer das Gefühl, dass ohnehin kein Fahrer sauber sei. Witze von der „Apotheken-Rundfahrt“ kamen auf. Und 2011 schaltete nur noch jeder Zehnte TV-Zuschauer am Mittag die „Tour de France“ ein. Und als ARD und ZDF reagierten und die Live-Übertragungen nach einigen Kürzungen komplett aus dem Programm nahmen, kommentierte das der sechsmalige Gewinner des Grünen Trikots, Erik Zabel, lapidar: „Wenn die Quote nicht stimmt und beispielsweise eine Serie wie Marienhof viel lieber gesehen wird, dann muss der Sender handeln.“

Zumindest die Talsohle hat der Radsport inzwischen überwunden. Die Frage, ob es in Deutschland zu einem neuen Boom kommen wird, verneinen Experten aber derzeit noch recht eindringlich. Der Verdacht fährt eben, trotz zahlreicher Versuche der Verantwortlichen, für Sauberkeit und einen guten Ruf zu sorgen, immer noch mit. Dennoch gibt es Lichtblicke. Neue Stars, erfolgreiche deutsche Fahrer (zumindest im Sprint) und ein zumindest ordentliches TV-Comeback. Einen Sprint an die Spitze der TV-Sportarten wird der Radsport in absehbarer Zeit wohl nicht mehr hinlegen, so manchen kleinen Gipfel erklimmt er inzwischen aber immerhin wieder.

Deutschland-Tour kehrt zurück

Nach dreijähriger Auszeit stieg zumindest die ARD wieder in die Live-Übertragung ein und verlängerte den Vertrag soeben bis 2018. Die Tour 2017, die am 1. Juli in Düsseldorf startet, werde „umfassend“ begleitet, versprach kürzlich ARD-Sportrechte-Intendant Ulrich Wilhelm, sie „fasziniere viele Menschen in Europa“. Im ersten Comeback-Jahr pendelten sich die Quoten bei zehn Prozent ein, ein Wert, mit dem man nach der Sendepause zufrieden war. Im vergangenen Jahr blieben sie stabil, was die ARD mit gemischten Gefühlen betrachtete. Sportkoordinator Axel Balkausky erklärt, er hätte sich gefreut, „wenn das Zuschauerinteresse im zweiten Jahr wieder angewachsen wäre“. Die Tour mit Start in Deutschland soll nun für einen Aufschwung sorgen, und die Riege junger Fahrer diesen fortführen.

„Ja, es ist viel Positives passiert. Wir haben von der Glaubwürdigkeit her einen großen Sprung gemacht“, sagt Deutschlands Top-Sprinter Marcel Kittel. Er weiß aber auch: „Definitiv gibt es noch Leute, die sagen, das ist ein heißes Eisen. Es sind auch noch sehr viele Zweifel dabei.“ Kittel gewann seit 2013 stolze neun Etappen bei der Frankreich-Rundfahrt, insgesamt holten deutsche Fahrer in diesem Jahrzehnt immerhin den Sieg bei 26 Teilstücken. Noch erfolgreicher als Kittel, der 2017 nach drei Etappensiegen schon die Dubai-Tour gewann, war André Greipel. Der holte seit 2011 immer mindestens einen Tagessieg bei der Tour de France und kommt auf elf Erfolge. Tony Martin siegte fünfmal, Simon Geschke steuerte 2015 einen Etappensieg bei.
Das ist alles durchaus beachtlich und wird in Deutschland auch honoriert. Zumal in den vergangenen vier Jahren auch insgesamt fünf Tage im Gelben Trikot hinzukamen, zehn im Grünen, zwei im Gepunkteten und einer im Weißen. Doch das alles täuscht noch nicht darüber hinweg, dass Deutschland eines fehlt: ein Fahrer, der um den Gesamtsieg mitfahren kann. Bester Deutscher im Gesamtklassement war 2016 der erst 23-jährige Emanuel Buchmann als 21., mit 47 Minuten Rückstand auf Sieger Chris Froome. Doch es gibt Hoffnungsschimmer: Da wären eben zum einen die zahlreichen Etappensiege, die Rückkehr zur TV-Präsenz und der Tour-Start in Deutschland. Aber auch die Tatsache, dass 2017 erstmals seit längerer Zeit wieder zwei Teams der höchsten Kategorie mit deutscher Lizenz fahren (Bora-Hansgrohe und Sunweb) und weitere deutsche Großfirmen als Sponsoren ausländischer Teams fungieren (Alpecin, Lidl). Außerdem kehrt 2018 die Deutschland-Tour in den Kalender zurück. „Wir haben das Potenzial, um an die glorreichen Zeiten anzuschließen“, sagt Bora-Hansgrohe-Teamchef Ralph Denk: „Die stille Begeisterung ist da, aber es braucht eine Initialzündung. Ich hoffe, dass das noch kommt, dass der Funke überspringt.“ Und Kittel setzt durch die Düsseldorf-Startetappe auf „einen Wachstums­impuls, dass Leute sagen: Radfahren ist cool, und ich habe kein Problem, mein Kind da hinzuschicken.“

Doch wie sauber der Radsport denn nun wirklich ist, darüber zweifeln weiterhin viele. Der ehemalige Tour-Sieger Greg LeMond behauptet, dass Motordoping weiterhin eine Rolle spiele. „Ich weiß, der Motor ist immer noch im Radsport“, sagt er: „Es gibt immer ein paar faule Äpfel, weil es um viel Geld geht.“ Der ehemalige Chef der französischen Anti-Doping-Agentur, Jean-Pierre Verdy, beziffert die Zahl der Fahrer mit verstecktem Motor am Hinterrad auf etwa zwölf und berief sich auf Informationen aus Reihen der Fahrer und Teammanager. „Sie schaden ihrem Sport, aber so ist der Mensch“, erklärt er: „Er versucht immer, irgendein Zaubermittel zu finden.“

Es sind also immer auch die Schatten der Vergangenheit und der schlechte Ruf, gegen den die Fahrer kämpfen, auch hierzulande. Doch zumindest ist Deutschland wieder breit aufgestellt, und die Ziele sind auch ohne Chancen auf Gesamtsiege bei Tour und Co. groß. Der viermalige Zeitfahr-Weltmeister Martin (31) setzt voll auf den Sieg im 13 Kilometer langen Zeitfahren in Düsseldorf, der ihm das erste Gelbe Trikot 2017 sichern würde. „So eine Chance“, als Deutscher in Deutschland die Gesamtführung zu übernehmen, „wird in meiner Karriere wohl nicht wiederkommen“, sagt er.

Kittel (28) und Greipel (34) wollen weitere Etappensiege hinzufügen. John Degenkolb (28), der nach einem schweren Unfall 2016 fast komplett ausfiel, scheint wieder fit und gilt als Podiumskandidat bei den großen Klassikern.

Und dahinter scharrt eine Reihe „junger Wilder“ mit den Hufen. Allen voran eben der Ravensburger Buchmann. Der Kletterspezialist will in diesem Jahr noch weiter nach vorne fahren. Zudem ist er einer der wenigen deutschen Spitzenfahrer in einem deutschen Team. Allerdings richtet Bora-Hansgrohe seine Marschroute vor allem auf Sprint-Weltmeister Peter Sagan aus der Slowakei aus. In seine schon vierte Profisaison geht Erik Zabels Sohn Rick (23), wie der Vater ein guter Sprinter. Er muss sich in seinem neuen Team Katjuscha-Alpecin aber erst einmal für die Tour qualifizieren. Sicher dabei ist der fast zwei Meter große Max Walscheid (23), über den Sunweb-Teamchef Iwan Spekenbrink sagt, er sei „ein riesiges Sprinttalent. Was er braucht, ist Zeit, Zeit, Zeit.“ Maximilian Schachmann (23) und Marco Mathis (22) gelten als Zeitfahr-Talente. Mathis ist Weltmeister bei der U23, gleiches gilt für Pascal Ackermann (23) im Straßenrennen. Ja, und vielleicht, vielleicht hat Deutschland in einigen Jahren auch endlich mal wieder einen Rundfahrer, der um Gesamtsiege mitfahren kann. Die besten Chancen dafür werden Lennard Kämna eingeräumt. Der Norddeutsche ist gerade mal 20 und damit der jüngste Fahrer, der je an der UCI World Tour teilnahm. U23-Bundestrainer Ralf Grabsch sagte schon vor zwei Jahren über ihn: „Er hat die körperlichen Voraussetzungen, um bei Etappenrennen vorne mitzufahren.“

Von Holger Schmidt






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