Ein schmaler Grat
Ein schmaler Grat
19. Mai 2017

Noch ein Punktspiel, dann folgt der Saisonhöhepunkt mit dem Pokalfinale. Die Frankfurter Eintracht sah sich zuletzt in einem sportlichen Tief. Dennoch: Der Weg unter den Kovacˇ-Brüdern aus dem Abstiegskampf bis zum Endspiel-Einzug ist beachtlich.

Der 8. März war von Anfang an ein wichtiger Tag in der Geschichte des Frankfurter Vereins, der am 8. März 1899 gegründet worden ist. 118 Jahre mit vielen Höhen, aber auch mit einigen Tiefen. So auch vor 14 Monaten, als der Fußball-Bundesligist mit nur 24 Punkten aus 25 Begegnungen wieder einmal fast hoffnungslos dem Abstieg entgegentrudelte.

Den Gepflogenheiten im Profi-Fußball entsprechend wurde Armin Veh entlassen, Niko Kovač als neuer Hoffnungsträger präsentiert. Eine Entscheidung, die von vielen Stellen als durchaus mutig angesehen wurde. Schließlich hatte der in Berlin geborene Kroate als Trainer noch keinerlei Bundesliga-Erfahrung vorzuweisen, ja, er hatte noch nie ein hochklassiges Vereinsteam verantwortlich betreut.

Kovač erwies sich aber als Glücksgriff für die Eintracht. Das sagt auch Bruno Hübner: „Wie er uns aus fast aussichtsloser Situation gerettet hat, wie er täglich die Arbeit angeht, wie er den Anspruch hat, seine Spieler täglich zu verbessern, da ist nur ein Fazit möglich: Niko ist ein absoluter Gewinn für Eintracht Frankfurt“. Daran ändern auch die letzten Negativ-Ergebnisse nichts. Ein solches Tief sei völlig normal, hat in dieser Saison auch schon Mönchengladbach und Wolfsburg erwischt, „und die haben den dreifachen Etat von uns“, so Hübner. Der ehemalige Vorstandschef Heribert Bruchhagen habe die Lage schon gut eingeschätzt, als er immer wieder betonte, dass es für die Eintracht ein Erfolg sei, sich langfristig in der Bundesliga zu etablieren. „Wenn die Konkurrenz schwächelt, dann müssen wir da sein. Aber in erster Linie ging es für uns darum, eine stabile Saison zu spielen und möglichst wenig mit dem Abstieg zu tun zu haben“, erinnert Hübner an die eigentlichen Zielsetzungen.

Die Mannschaft ist unter Niko Kovač und dessen Trainerteam über dieses Ziel hinausgeschossen, wobei der Chefcoach auch immer wieder versucht, junge Spieler aus dem eigenen Nachwuchs einzubauen. „Da macht er nicht aus der Not eine Tugend, er macht das aus Überzeugung“, sagt Hübner. Niko Kovač hat in zwölf Monaten viel verändert – zuerst im Zusammenspiel mit Hübner, seit Juni 2016 auch mit dem neuen Sportvorstand Fredi Bobic. Das „Team um das Team“ wurde weitgehend ausgetauscht und ergänzt, wissenschaftliche Erkenntnisse wurden in die tägliche Trainingsarbeit integriert. Aber gerade wegen der guten Ergebnisse und dem zwischenzeitlichen vierten Platz in der Liga ist die Enttäuschung über den momentanen „Absturz“ auf Platz elf im Umfeld durchaus spürbar. Jedoch hat dieser Absturz nicht nur sportliche Gründe. Trainer Niko Kovač muss Woche für Woche improvisieren, teilweise fehlen dem Kroaten zehn bis zwölf Spieler. „Einfach kann jeder“, sagt Kovač mit einem Schmunzeln in einer Pressekonferenz. Zum Lachen ist ihm aber weniger zumute. Denn es sind ja nicht nur die langfristigen Ausfälle, die die sportliche Leistung erheblich beeinträchtigen. Das Lazarett ist zuletzt immer voller geworden. Und da sind ja noch Marco Russ nach seiner Krebserkrankung und Marc Stendera nach einem Kreuzbandriss. Vorgesehen war, sie mit Kurzeinsätzen behutsam heranzuführen, im Grunde waren sie erst für die neue Saison eingeplant. Doch beide sind längst wieder mittendrin statt nur dabei. Das ist gut für die Mannschaft und gerade in den Tagen vor Berlin hilfreich. Ob das auf Dauer trägt, ob es im Endspiel gut geht, bleibt offen. So ist wohl auch der totale Absturz zu erklären, den die Frankfurter nach der tollen Vorrunde hin bis zur schlechtesten Mannschaft der Rückrunde hinter sich haben. Immer mal wieder, so zuletzt im Pokal in Mönchengladbach, kann sich das Team aufgrund großer Charakterstärke und Leidenschaft zu guten Leistungen aufraffen, auf Dauer aber reicht es nicht mehr.

„Es wird kein gutes Endspiel geben, wenn wir vorher keine guten Ergebnisse mehr erreichen“, hat Eintracht Frankfurts Trainer Niko Kovač zwei Spieltage vor Saisonende gesagt. Der Satz steht und hat Gültigkeit für das letzte Bundesligaspiel vor dem Pokalfinale. In Hoffenheim haben sich die Frankfurter an die Aufforderung ihres Trainers gehalten, weiter konzentriert zu Werke zu gehen. Belohnt wurde das nicht, die 0:1-Niederlage war durchaus unglücklich. Ganz anders das Gesicht der Eintracht im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg. Laute Pfiffe hallten nach dem Spiel durchs Stadion, denn die Fans der Eintracht sahen zum ersten Mal eine Frankfurter Mannschaft, die sich ihrem Schicksal ein wenig ergibt. Zuletzt musste Kovač auch an die Ehre seiner Spieler appellieren. „Wir haben auch gegenüber allen anderen Vereinen der Liga eine Verantwortung bis zum Schluss in jedem Spiel alles zu geben.“ Am vergangenen Wochenende setzte es ein 2:4 im Derby gegen Mainz.
Der Absturz in der Tabelle hat aber weitreichende Konsequenzen, die auf den ersten Blick nicht sofort ins Auge fallen. In Sachen Verteilung der TV-Gelder spielt nämlich der Tabellenplatz der Eintracht eine wichtige Rolle. Die Hessen werden in der – für die finanzielle Ausstattung enorm wichtigen – TV-Tabelle wohl keine Plätze gutmachen können. Aktuell rangieren sie im unteren Mittelfeld. „Platz zehn oder zwölf – das sind vier Millionen Euro mehr oder weniger“, erläuterte Finanzvorstand Oliver Frankenbach. Womöglich sogar noch mehr.

Um im TV-Ranking zu steigen, hätte die Eintracht sechs Plätze vor dem FC Augsburg und einen Platz hinter dem 1. FC Köln landen müssen. Das war vor dem letzten Bundesligaspieltag nur noch sehr schwer zu erreichen. Beispielsweise ist Werder Bremen längst vorbeigezogen. Aber: Selbst wenn die Hessen auf Platz 13 in der TV-Tabelle zurückfallen würden, so „können wir unsere Planungen für 2017/2018“ durch den Einzug ins Finale „einhalten“, beruhigt Frankenbach.

Viele Leihspieler mit ungewisser Zukunft

Hinzu kommt: die hohe Anzahl von Leihspielern im Frankfurter Kader und auslaufende Verträge. Zwölf Spieler – inklusive der Winterzugänge Ordonez, Besuschkow und Wolf – waren neu gekommen, in ähnlicher Größenordnung wird sich die Fluktuation auch dieses Mal bewegen. Verlassen werden den Klub definitiv Haris Seferovic (Benfica Lissabon), Slobodan Medojevic und Heinz Lindner, alle drei Verträge laufen im Sommer aus. Dazu sind die Kontrakte der Leihspieler Michael Hector, Shani Tarashaj, Guillermo Varela, Marius Wolf, Jesus Vallejo und Ante Rebic lediglich bis zum Sommer fixiert.

Dass die Eintracht größtes Interesse hat, Abwehrspieler Vallejo ein weiteres Jahr zu binden, ist bekannt. „Auf ihn warten wir bis August“, hat Sportdirektor Bruno Hübner gesagt. Die Zukunft Vallejos liegt aber in der Hand von Real Madrid. Bei Stürmer Ante Rebic (AC Florenz) besitzt die Eintracht eine Kaufoption, sie liegt bei drei Millionen Euro. Viel Geld für einen Angreifer, der viel Wind macht, aber ohne klare Linie spielt und kaum Tore schießt. Hector, Tarashaj und Wolf dürften zu ihren Arbeitgebern zurückkehren, bei Varela (Manchester United) ist man sich noch unsicher; auch für ihn wäre eine Ablöse fällig. Im Grunde verfügt Eintracht Frankfurt im Moment über maximal acht gestandene Bundesligaprofis – und da sind die beiden Sorgenkinder Mijat Gacinovic und Branimir Hrgota schon mitgezählt, nämlich: Lukas Hradecky, Timothy Chandler, Bastian Oczipka, David Abraham, Marco Fabian und Alex Meier, wobei der 34 Jahre alte Kapitän wegen Fersenproblemen auch schon eine Weile fehlt und ohnehin nicht mehr die besten Karten beim Trainerteam hat.

Um dieses Gerüst herum wollen die Frankfurter eine neue Mannschaft aufbauen. „Wir müssen unseren Kader auf Vordermann bringen“, sagt Niko Kovač.

Die Zukunft der Eintracht ist definitiv ungewiss, gerade auch wegen der großen Fluktuation im Kader. Doch Fußball ist eben vor allem Tagesgeschäft. Sollte also der Pokal-Coup gelingen, würde in Hessen der Ausnahmezustand ausgerufen werden. Denn dann hat Niko Kovač es geschafft, aus einem Abstiegskandidaten einen Pokalsieger zu formen, der eine solide Saison in der Bundesliga gespielt hat. Beim Pokalsieg wäre auch das europäische Geschäft garantiert, wodurch die Eintracht zudem für potenzielle Neuzugänge interessanter wird. Somit ist es auch in Frankfurt wie so oft im Fußball. Ein einziges Spiel entscheidet über eine komplette Saison. Der Grat zwischen „Top oder Flop“ ist schmal in Frankurt. Ob Sieg oder Niederlage in Berlin: Der Weg der Eintracht und der Weg von den Kovač-Brüdern darf mit Spannung erwartet werden.

Philipp Häfner



Info:

Erfolge

Deutscher Meister: 1959

Deutscher Pokalsieger: 1974, 1975, 1981, 1988

Uefa-Pokalsieger: 1980

Deutscher Vize-Meister: 1932

Europapokalfinale der Landesmeister: 1960

DFB-Pokal-Finalist: 1964, 2006


Rekorde

Eintracht Frankfurt stellt mit Karl-Heinz „Charly” Körbel den Rekordspieler der Bundesliga-Geschichte. Charly bestritt seine 602 Einsätze nur für die Eintracht und blickt auf 15 Trainer zurück. Nach seiner aktiven Karriere war er selbst zweimal als Trainer bei der SGE tätig.

Jürgen Friedl war bis zum 6. August 2005 der jüngste Bundesligadebütant der Geschichte. Zum ersten Mal Ligaluft schnupperte er im zarten Alter von 17 Jahren und 26 Tagen.





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