Mit Mut ins Getümmel
Mit Mut ins Getümmel
14. Juli 2017

Geschätzt ist das Spiel 3.000 Jahre alt. Und immer noch begeistert es Millionen von Menschen weltweit, ob Spieler, Zuschauer und Angehörige. Die Rede ist von Hurling. FORUM hat es in Berlin ausprobiert.

Ein Blick zurück in den letzten Herbst: Croke Park in der irischen Hauptstadt Dublin. 82.300 erwartungsvolle, gleichzeitig aber auch tiefenentspannt freundliche Zuschauer füllen das Stadion wie an jedem ersten Sonntag im September. Es stehen sich der Titelverteidiger Kilkenny und Tipperary gegenüber. Es geht um den Titel des All Ireland Senior Hurling Champions 2016. Kilkenny und Tipperary, das sind keine Vereinsnamen: Der wichtigste Titel im Hurling wird von Countyauswahlen ausgespielt, die die Meisterschaft ihrer Provinzen gewinnen können. Nur 80.000 Personen wohnen in Kilkenny, dort, wo das berühmte irische Exportbier herkommt. Unweit liegt Tipperary, wo immerhin gut 160.000 Menschen ihr Zuhause haben. Beide Counties sind ein häufiger Gast in diesem Endspiel: Tipperary gewann den Titel bisher 25 Mal, war seit den 1880er-Jahren mindestens einmal pro Jahrzehnt erfolgreich, Kilkenny möchte seine 37. Meisterschaft erringen.

Die Pfosten gehen
über der Latte weiter

Croke Park ist so etwas wie ein Nationalheiligtum der Iren, vergleichbar mit dem Wembley-Stadion in England. Die Größe des Events ähnelt dem DFB-Pokalfinale im Berliner Olympiastadion, nur ohne die latente Aggression, die beim Fußball alltäglich ist. Zwei Wochen später werden hier Dublin und Mayo vor genauso großartiger Kulisse den Champion im Gaelic Football ausspielen, dem zweiten Leib- und Magensport der Iren. Das Feld ist das gleiche. Ein Rasen mit sehr großen Abmessungen: Hier in Croke Park sind es 144,50 mal 88 Meter. Wie beim Fußball stehen an den kurzen Seiten auf der Linie Tore, die etwas höher und schmaler sind als Fußballtore. Die Pfosten allerdings gehen über der Latte sehr viel weiter. Insgesamt sind sie sechs bis sieben Meter hoch. 15 Spieler stehen pro Team auf dem Feld, jeder trägt einen Kunststoffhelm mit Gesichtsgitter und einen Schläger, der ungefähr hüfthoch ist. Dieser sieht aus, als sei ein Panzer über das Ende eines Hockeyschlägers gefahren. Das Ende hat eine etwas dickere und eine flache Seite. Die flache Seite nimmt man, um den Ball, den Sliotar, gesprochen Schlitter, wieder vom Boden aufzuheben, denn mit der Hand darf man das nicht. Der Sliotar, der aus zwei zusammengenähten Stücken Leder mit Korkfüllung  besteht, ist etwas kleiner als ein Hockeyball und weicher als dieser. Hurling ist eine auf den ersten Blick rauhe Angelegenheit, aber mit klar definierten Regeln. Beide Teams wollen den Ball beim Gegner möglichst oft ins Tor, ersatzweise über der Torlatte zwischen den Stangen durch, schießen. Ein Tor bringt drei Punkte, ein Schuss zwischen die Stangen einen. Wer am Ende mehr Punkte hat, gewinnt. Dazu darf man den Ball mit dem Schläger, dem Hurley, schlagen, mit dem Fuß kicken, mit der Hand passen, aber nicht werfen. Spezialität beim Hurling ist es, in vollem Lauf in Oberkellner-Manier den Ball auf dem Hurley-Ende zu balancieren, während man von drei, vier Gegnern mit dem Schläger bedrängt wird, und dann im rechten Moment aufs Tor zu schießen oder abzuspielen. Zum Schießen wirft man den Ball aus der Hand leicht hoch und bringt ihn per kompaktem Schwung aus dem Handgelenk mit dem Schlägerkopf zielsicher auf die Reise. Man kann so auch passen. Bekommt man den Ball zugepasst, darf man ihn mit der freien Hand fangen. Ex-Baseballer bekommen das gut hin, dennoch tut es ganz schön weh. Gut, dass nicht mit Hockeybällen gespielt wird. Sehr gute Spieler fangen den Ball gleich direkt mit dem Schlägerkopf: Das ist immer wieder verblüffend.

Hurling ist typisch irisch: rasant wie Lacrosse, man rempelt fast wie beim Rugby, es wird filigran gepasst und präzise geschossen wie beim Hockey.

Mit den Hurleys kommt man sehr weit, man kann von dem Bereich hinter der Mittellinie Punkte erzielen. Für Tore muss man näher an Kasten – und Verteidiger. Daher fallen recht selten Tore. Weil der Torwart außer einem Hurley mit größerem Kopf keine spezielle Ausrüstung trägt, mutet manche Verteidigungsaktion irrsinnig an, doch auf wundersame Art und Weise werden Schüsse mit Tempo 120 bis 150 km/h mit dem Schläger gehalten oder mit der Hand abgelenkt. Bedenkt man, dass Helme erst seit 2010 Pflicht sind, staunt man umso mehr. Klar ist auch: Blaue Flecken sind hier an der Tagesordnung. Die gute Nachricht ist: Auch in Berlin kann man sich mit Mut ins Getümmel mit Hurley, Helm und Sliotar stürzen. Hurling hat durch die vielen ausgewanderten Iren über die Jahrhunderte eine weltweite Verbreitung gefunden. Die größte und sehr aktive Hurling-Kolonie befindet sich in Nordamerika. In Berlin gibt es seit 2014 auch zwei Gruppen, die nicht nur Hurling, sondern auch Gaelic Football und Irish Handball spielen. Die eine Gruppe ist leistungsorientiert und nimmt an den Gaelic Games genannten Turnieren in ganz Europa teil und hat in diesem Jahr die Deutsche Meisterschaft errungen. Sie hatten sich als Erste beim irischen Dachverband, der GAA (Gaelic Athletic Association), registrieren lassen: der Berlin GAA, der auch mit der irischen Botschaft zusammenarbeitet. Ihr – auf Erwachsene abzielendes – Training findet regelmäßig an verschiedenen, aber wiederkehrenden Orten statt, zum Beispiel dem Tempelhofer Feld unweit der Baseballplätze am Columbiadamm und in der Jungfernheide. Auch Neulinge werden gerne gesehen. Hilfreich sind Erfahrung in Ballsportarten, eine gewisse Robustheit und Englischkenntnisse. Irische Trainer loben gerne, ob nun Colin Smyth bei GAA, wenn man einmal einen gepassten Ball stoppen konnte, oder aber David Smyth vom Setanta Berlin Gaelic Club, wenn man den Ball korrekt mit dem Hurley aufgehoben hatte. Bei Setanta geht es um Breitensport, man spielt zurzeit nicht in einem Ligabetrieb, bietet dafür aber Anleitung auch für Kinder und Jugendliche an. Geübt wird unter anderem auf der Schöneberger Wiese am Gleisdreieck, aber auch auf dem sonst als Softballplatz genutzten Defender Field in der Lichterfelder Goethestraße. Seit Kurzem sind auch sie Mitglied der GAA.

Seit 2014 gibt es auch in Berlin zwei Gruppen

Ob (nord-)irische Ex-Pats oder deutsche Studenten, ob europaweiter Turnierbetrieb oder Feierabendvergnügen, Spaß macht dieser anstrengende Sport auf jeden Fall, Trainingsmöglichkeiten gibt es praktisch an jedem Wochentag. Und der eine oder die andere träumt sicher davon, mal in Croke Park vor mehr als 80.000 euphorischen Fans zu spielen und den Liam McCarthy Cup in die Höhe zu stemmen, wie im September 2016 Tipperary. CNN hat das All Ireland Hurling Final an Nummer zwei aufgelistet bei den Sportereignissen, die man mal im Leben live gesehen haben muss. Die nächste Chance ist am 3. September.


Joachim Lißner

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