NEUE SAISON, ALTES CHAOS
NEUE SAISON, ALTES CHAOS
29. August 2014

 

Die Ambitionen des TSV 1860 München vor dem Saisonstart der 2. Fußball-Bundesliga waren groß. Zur Aufführung kam bisher lediglich ein weiteres Stück aus dem altbekannten Löwen-Komödienstadl voller Irrungen, Wirrungen und Absurditäten. Hoffnung macht ein Österreicher.

Eigentlich ist so ein Taxi ja ein sehr praktisches Verkehrsmit- tel. Ist einem der Weg von der Disco nach Hause mal wieder zu weit, oder ist die letzte U-Bahn bereits abgefahren, bringen uns die nimmermüden Taxifahrer dieser Nation auch nach einer noch so feuchtfröhlichen Party immer sicher nach Hause. Ungemütlich wird eine Taxifahrt erst dann, wenn die mehr oder weniger prominenten Fahr- gäste eigentlich gar nicht in diesem Taxi sitzen sollten, sie während des Trips auch noch über ihre Vorgesetzten läs- tern und das alles vom Taxifahrer brüh- warm an den Arbeitgeber der fröhlichen Runde weitergegeben wird – genauso geschehen im Fall von Daniel Adlung, Julian Weigl, Vitus Eicher und Yannick Stark, vier Profis in Diensten des traditionsreichen TSV 1860 München. Ein Vorfall, der den geneigten Fan erst ein- mal an der gesunden Berufsauffassung der Profis zweifeln lässt, denn alleine die Tatsache, dass das Quartett nur ei- nen Tag nach der bitteren Niederlage beim FCK bis in die Nacht feiert, treibt vielen Anhängern schon die Zornesröte ins Gesicht – da nützt es auch wenig, wenn man entlastend den jugendlichen Leichtsinn der Kicker oder die Tatsache, dass am nächsten Tag trainings- frei war, ins Feld führt. Alles wäre auch ohnehin nur halb so schlimm, wenn – getreu dem bekannten Motto „Wer feiern kann, muss auch arbeiten können“ – wenigstens die Leistungen der Löwen auf dem Platz stimmen würden. Das Gegenteil war der Fall: Als die Geschichte bekannt wurde, haben die (mal wieder) hochgehandelten 60er nach zwei Spielen keinen einzigen Punkt auf dem Konto.

 

Hartes Durchgreifen hielt nur vier Tage 

Zum noch größeren Skandal wurde die „Taxiposse“ aber erst durch die Reaktionen der Vereinsführung um Sportdirektor Gerhard Poschner und Cheftrainer Ricardo Moniz. Dabei war die Demission von Neu-Kapitän Julian Weigl die einzige völlige unumstrittene Entscheidung der Oberen – hatte Moniz schon mit der Ernennung des 18-Jähri- gen zum Spielführer viel Mut bewiesen, wurde der neue Coach für seinen Mut nicht belohnt. Vom Hoffnungsträger und Stammspieler zum Sündenbock und Degradiertem in rund zwei Wochen – die Fallhöhe für Weigl ist beträchtlich und könnte durchaus dazu führen, dass er unter Moniz keine Zukunft besitzt. Neben Weigl wurden auch Stark, Adlung, Eicher und dazu noch Kultkeeper Gabor Kiraly, der sich während des Heimspiels gegen Leipzig Innenverteidiger Gary Kagelmacher ein bisschen zu heftig zur Brust genommen hatte, zur U 23 verbannt – soweit auch noch nach- vollziehbar. Hochnotpeinlich wurde die Nummer aber spätestens, als Poschner und Moniz nur vier (!) Tage später kurz vor dem Pokalspiel bei Holstein Kiel die Suspendierung wieder auf hoben und sie somit nicht mal für ein Pflichtspiel beibehielten. „Wir haben sie genug bestraft. Die Belange des Vereins sind größer als einzelne Spieler“, gab Moniz zu Protokoll und erntete dafür in Medien und Umfeld viel Hohn, Spott und noch mehr Unverständnis. Was die Löwen mit der Kurzzeit-Verbannung erreichen wollten, blieb komplett im Dunkeln. Letztlich wäre man sicherlich besser beraten den Vorfall intern mit markigen Worten und einer saftigen Geldstrafe zu behandeln – aber das hätte nun mal so ganz und gar nicht zum TSV 1860 München gepasst. Hier hat der Wahnsinn nicht nur Methode, er wird scheinbar immer weiter gehegt und gepflegt – und dabei ist es auch völlig egal, wer die handelnden Personen sind.

Mal wieder waren vor der Saison die Hoffnungen groß, dass jetzt vor allem sportlich alles besser wird. Erneut hatten mit Poschner und Moniz die sportlichen Verantwortlichen gewechselt – und auch sie sparten eben ganz „löwen-like“ nicht mit großspurigen Ankündigungen. Da möchte zum Beispiel Gerhard Poschner einen Spielstil prägen, der „zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona“ anzusiedeln ist – und das alles mit der Hilfe des Kapitals von Investor Hassan Ismaik. Mit Edu Bedia und Illie Sanchez wurden gleich zwei Spieler vom FC Barcelona II an die Isar gelotst, vom AS Monaco kam Gary Kagelmacher und mit Leonardo stieß auch noch ein hochgelobter Brasilianer zum Team. Moniz tönte vor dem Saisonstart sogar „Wir müssen Meister werden“ und ruderte nach zwei Niederlagen aus den ersten zwei Spielen zurück: „Letzte Woche waren wir tot, und jetzt ist es noch schlimmer. Da schämst du dich kaputt“. Aussagen, die dazu führen, dass der TSV 1860 nicht nur in München, sondern bundesweit mehr als Lachnummer, denn als Mitfavorit auf den Bundesliga- Aufstieg wahrgenommen wird.

Damit sich das kurzfristig ändert, helfen nur Erfolge auf der grünen Wie- se. Immerhin wurde beim 2:2 in Heidenheim nicht nur der erste Punkt in dieser Saison eingefahren, die mitgereisten Fans sahen auf der Ostalb auch die spielerisch beste Vorstellung ihrer Helden in der noch jungen Spielzeit. Allerdings legte das Team erneut eine bemerkenswerte Achterbahnfahrt hin und verspielte wie schon in Kaiserslautern einen vermeintlich sicheren Vorsprung. Der absolute Lichtblick bei den Löwen heißt aber Rubin Okotie. Der von Austria Wien gekommene Angreifer erzielte fünf der sechs Pflichtspieltreffer des TSV 1860 in dieser Saison und hat als einziger der Neuzugänge seine Qualität schon auf dem Platz gebracht.

In Heidenheim musste er allerdings den ersten echten Rückschlag hinnehmen, als er den möglicherweise sieg- bringenden Elfmeter verschoss. Viel schlimmer wiegen aber noch die haar- sträubenden Abwehrfehler, die schon zu insgesamt acht Gegentreffern führten. Ricardo Moniz hat da aber eine andere Auffassung: „Schlussendlich sind wir noch nicht gut besetzt vorne. Wir müssen immer noch mehr Tore machen“, meint der Trainer und lässt zwischen den Zeilen den Wunsch nach weiteren Neuzugängen erkennen.

Sportdirektor Poschner wird dem bis zum Ende der Transferperiode auch noch nachkommen: „Wir haben immer gesagt, dass wir noch einen Stürmer brauchen – und der wird auch kommen. Dann sind wir in allen Mannschaftsteilen individuell sehr gut besetzt“. Das gilt aber nur, wenn die anderen Neuen möglichst schnell zu ihrer Form finden und Moniz auch zu Stammtorhüter Gabor Kiraly wieder Vertrauen findet – zuletzt wurde sogar über einen Wechsel des Ungarn zum FC Fulham spekuliert. Sein Vertreter Stefan Ortega machte besonders in Heidenheim keinen souveränen Eindruck.

Die sportlichen Baustellen, mit denen Moniz konfrontiert ist, sind also enorm zahlreich, vielfältig und anspruchsvoll – da ist es wichtig in kleinen Schritten zu denken und auch die Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben. Das fällt aber im ergebnisorientierten Profisport schwer, und bei den Löwen noch viel schwerer.

 

Trainer Moniz hat zahlreiche sportliche Baustellen 

Schließlich gastiert im nächsten Heimspiel mit dem SV Darmstadt 98 der Überraschungsaufsteiger aus Hessen in der großen Allianz Arena – da muss doch der erste Saisonsieg drin sein, um in der Länderspielpause in aller Ruhe an den Automatismen, der Abstimmung und vielleicht auch der Fitness zu arbeiten.

Das Problem an der Sache: Die Lilien sammelten aus drei Partien sieben Punkte und sind noch ungeschlagen, die Löwen rangieren mit nur einem Punkt auf dem vorletzten Tabellenplatz. Nur wenn die sportlichen Leistungen auch mit den ho- hen Ansprüchen an der Grünwalder Straße mithalten, haben die 60er überhaupt eine Chance, ihre sportliche Entwicklung voranzutreiben – aber darauf hoffen die Löwen-Fans schon seit Jahren vergeblich.

Sicher scheint am Ende ohnehin nur eins: Bei 1860 ist immer etwas los! Die Geschehnisse rund um das Löwenstüberl an der „Grünwalder Straße“ sind unterhaltsamer als der Stoff jeder Seifenoper. Kein Wunder also, dass der TV-Sender Sky gerade an einer um- fangreichen Dokumentation rund um den Kultverein aus Giesing bastelt und dafür die Löwen-Kicker auf Schritt und Tritt begleitet. Bleibt es weiter so ab- wechslungsreich, gibt es sicher genug Material für eine nicht enden wollende Telenovela. Sportlicher Erfolg hin oder her.

Marcel Meinert 

 

 

 

 

 

 

 

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