Take the job
Take the job
2. Mai 2014

Tom Smythe ist der neue Headcoach der Saarland Hurricanes. Der 73-Jährige kann auf eine fast fünf Jahrzehnte lange Karriere als Footballtrainer zurückschauen, in denen er die meiste Zeit an amerikanischen High-Schools beschäftig war. Aber auch in Europa war er viele Jahre als Footballcoach engagiert, unter anderem in Wien, wo er sieben Mal die Meisterschaft der österreichischen Liga mit den Vienna Vikings gewinnen konnte.

Coach Smythe, Sie waren lange als Trainer bei europäischen Vereinen engagiert. Nach Stationen in Wien, Finnland und Kroatien kommen Sie nun zum ersten Mal nach Deutschland. Was zieht Sie immer wieder nach Europa?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Meine Frau und ich haben unsere bisherigen Aufenthalte in Europa sehr genossen, und wir lieben Europa ohnehin. Auch als ich nicht als Trainer in Europa war, haben wir den Kontinent oft bereist. Ein weiterer Grund ist, dass man sich als Trainer einer High-School-Mannschaft in den USA um viele Dinge kümmern muss, die nicht mit Football zu tun haben. Um die Verwaltung und die Eltern der Spieler zum Beispiel. Hier in Europa geht es nur um Football. Hier kann ich das machen, was ich liebe und das machen, worin ich gut bin.

Und jetzt sind Sie also nach Saarbrücken zu den Saarland Hurricanes gekommen. Wie kam das zustande?
Das lief über den letztjährigen Headcoach der Hurricanes, Al Molde. Ich war über die Weihnachtsfeiertage mit meiner Frau bei meinen Bruder zu Besuch in San Francisco und dort rief mich Al Molde überraschend an. Ich kannte ihn vorher nicht, aber er suchte einen neuen Trainer für die Hurricanes und kannte meine Geschichte als Coach in Europa. Er erzählte mir von dem Team, der Gegend um Saarbrücken und berichtete überaus positiv. Ich hatte eigentlich nicht geplant, diesen Sommer eine Mannschaft zu trainieren, aber meine Frau rief mir direkt zu: take the job! Also war diese Entscheidung für mich dann ziemlich einfach.

Warum war Ihre Frau sofort be­geistert von dem Angebot aus Deutschland?
Meine Frau wird morgen hier angekommen und wir werden dann die Zeit gemeinsam im Saarland verbringen. Sie war so begeistert, weil sie schon einmal in Deutschland bei einer Gastfamilie gewohnt hat und dort auch Deutsch gelernt hat. Das war in Stuttgart damals.

Was genau hat sie in Stuttgart gemacht?
Das war noch bevor wir uns kennengelernt hatten. Sie arbeitete auf einer Army Base als Zahnpflegerin. Einer ihrer damaligen Freunde von der Dental-School leistete seinen Dienst bei der Army als Zahnarzt auf einer Base in Stuttgart ab. So kam das zustande. Da sie aber nicht zum Militär gehörte, lebte sie bei einer Gastfamilie und lernte Deutsch.

Coach Smythe, Sie sind bekannt für einen eher ruhigen, gelassenen Trainerstil, der ohne lautstarkes Anbrüllen der Spieler funktioniert. Ist das Teil Ihrer Trainerphilo­sophie?
Wissen Sie, als ich vor 50 Jahren als junger Mann mit diesem Sport angefangen habe, war ich auch noch etwas anders. Ich war auch ein Heißsporn. Aber über die Jahre hat sich das geändert. Ich glaube nicht, dass das ganze Schreien, Fluchen und Einschüchtern, was viele Football- Trainer praktizieren, von Nutzen ist. Man sieht das trotzdem überall im High-School-Bereich aber auch an den Colleges. Ich selbst habe mich als Spieler niemals verbessert, wenn mich jemand angeschrien hat. Deshalb denke ich, dass sich meine Spieler auch nicht verbessern werden, wenn ich sie anschreie. Meine Philosophie ist es daher, immer ruhig zu bleiben, durchweg positiv aufzutreten und meinen Spielern Selbstvertrauen zu vermitteln.

Jetzt haben Sie die Gelegenheit, Ihre Auffassung von Football den Hurricanes nahezubringen. Wie ist Ihr Eindruck vom Verein und dem Team bisher?
Alle, denen ich von den Hurricanes bisher begegnet bin, waren durchweg positiv und sehr hilfsbereit. Es gab keinen Augenblick, in dem ich mir dachte, dass das hier nicht das richtige Umfeld für mich ist. Der Vorstand mit dem Präsidenten (Tobias Bagusche) bis zum sportlichen Leiter (Felix Motzki) sind alle großartig. Durch meine Erfahrungen in Europa weiß ich, dass die Spieler hier alle einfach zu coachen sind. Das ist deshalb so, weil sich alle diese Spieler bewusst für American Football entschieden haben und dieses Spiel erlernen möchten. Als Trainer in Europa bekommt man die volle Aufmerksamkeit seiner Spieler. Das ist in den USA mittlerweile nicht mehr immer der Fall. Und auch deshalb mag ich es, in Europa zu coachen.

Sie meinen, in den USA wird der American Football von den Spielern nicht mehr wertgeschätzt?
In den USA denken Athleten mittlerweile, dass der Trainer ihnen etwas schuldet. Was nicht der Fall ist. Außerdem gibt es so viele Ablenkungen dort. Hier in Europa bezahlen die Spieler dafür, dass sie Football spielen können. Sie bezahlen die Trikots und Busfahrten selber. Das ist die Bereitschaft, alles für seinen Sport zu tun. Ich sage nicht, dass es in den USA schlechter ist als hier, es ist aber mit Sicherheit sehr verschieden.

Haben Sie Erwartungen an die erste Saison mit den Hurricanes?
Meine Auffassung war immer, dass man so gut sein sollte, wie man kann. Ob man ein Spiel gewinnt oder zehn ist dabei nicht so wichtig, wenn man nur sein Potenzial voll ausschöpft, wenn man jede Woche bereit ist zu kämpfen. Außerdem kenne ich die Liga hier in Deutschland nicht und weiß nicht, wie gut wir sein müssen, um viele Spiele zu gewinnen. Aber ich weiß, dass wir gut aufgestellt sind. Wir haben ein gutes Team, aber vor dem ersten Saisonspiel ist es schwierig zu sagen, wo wir genau stehen.

Vergangenen Woche hat Ihr Team ein Testspiel gegen die Mannschaft der Bonn Gamecocks aus der Zweiten Bundesliga bestritten. Wie fällt Ihr Fazit aus?
Ich denke, dass wir in der Offense wie auch in der Defense gut gespielt haben. Wir haben gezeigt, dass wir über viel Speed im Team verfügen. Ebenso hat man gesehen, dass wir „Big Play“ Potenzial haben (Big Play: im Football ein Spielzug, der, zum Beispiel in der Offensive, einen überdurchschnittlich großen Raumgewinn erzielt, Anm. d. Red.). Wir haben unseren jungen Quarterback noch etwas geschont, weil wir nicht das Risiko eingehen wollten, dass er sich verletzt. Deshalb haben wir nicht unser ganzes Können im Angriff gezeigt. In der Verteidigung sind wir zwar etwas „undersized“, haben aber auf jeder Position gute Athleten.

Planen Sie, länger als ein Jahr als Headcoach der Saarland Hurricanes in Saarbrücken zu bleiben?
Ich habe mit den Verantwortlichen der Hurricanes eine Vereinbarung über zwei Jahre getroffen. Die Wahrheit ist, dass am Ende wohl wieder meine Frau die Entscheidung treffen wird. Aber ich sage ganz deutlich, dass ich mich hier gut aufgehoben fühle, und ich würde diesen Trainerjob gerne länger als ein Jahr machen.

Haben Sie Ihre neue Wahlheimat schon etwas erkunden können?
Ich bin schon ein wenig herumgekommen. Ich war schon in Trier und in Saarlouis, das eine coole kleine Stadt ist. Es ist insgesamt eine sehr ruhige, angenehme Region.

Wie sind Sie auf Saarlouis auf­merksam geworden?
Der Grund, warum ich nach Saarlouis gefahren bin, ist unser Baseball-Coach zuhause in den USA. Er hatte einige Zeit als Trainer in Europa zugebracht, und hatte auch das Team in Saarlouis trainiert. Er sagte mir, dass ich unbedingt diese Stadt sehen müsse.

Und Sie sind selbst gefahren und hatten keine Probleme, sich in der fremden Gegend zu orientieren?
Ja, also den ersten Tag bin ich verloren gegangen. Ich war den Weg nach Saarbrücken mit jemandem gemeinsam gefahren und versuchte es dann alleine. Es dauerte nicht lange, und ich wusste nicht mehr wo ich bin. Ich bin dann für ungefähr zwei Stunden in der Gegend herumgefahren. Aber mittlerweile funktioniert das ganz gut.

Interview: Hendrik Voss

 

INFO:
Die Saarland Hurricanes starten am Samstag, 3. Mai, in die neue Saison. Gast beim Heimspiel sind die Schwäbisch Hall Unicorns. Anwurf ist im Saarbrücker Ludwigsparkstadion um 18 Uhr. Der Gegner wurde in der vergangenen Saison Meister der Süd-Bundesliga und zählt auch in dieser Saison wieder zu den Favoriten.

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