Titan hoch drei
Titan hoch drei
19. Mai 2017

Selten hatte ein einzelner Spieler so großen Anteil am Final-Einzug einer Mannschaft wie Frankfurts Torhüter Lukas Hradecky. Da kann nicht einmal Oliver Kahn mithalten.

Sicher erinnern Sie sich noch an Oliver Kahns Heldentaten bei der WM 2002. Der Torhüter führte eine mittelmäßige deutsche Mannschaft durch Glanzparaden in jedem Spiel quasi im Alleingang ins Finale. Er erhielt von den Medien die Spitznamen „Titan“ oder „King Kahn“, sie schrieben von „übermenschlichen Paraden“. Und Reiner Calmund meinte: „Die besten Spieler bei uns waren Kahn und der Papst“.

Doch gegen Lukas Hradecky ist das alles nichts. Schaut man sich den Anteil des finnischen Nationaltorhüters am Einzug von Eintracht Frankfurt ins DFB-Pokalfinale an, so braucht man neue Superlative. Denn was Lukáš Hrádecký – der Mann schreibt sich korrekterweise gleich mit vier Betonungszeichen – in den ersten Pokalrunden geleistet hat, ist quasi Oliver Kahn hoch drei.

Rückblick: In der ersten Runde spielt die Eintracht beim Drittligisten 1. FC Magdeburg und quält sich nach einem 1:1 ins Elfmeterschießen. Dort hält Hradecky die Schüsse von Gerrit Müller und Jan Löhmannsröben – und wird zum Helden. In der zweiten Runde gegen den Bundesliga-Rivalen FC Ingolstadt reicht, so schmunzelt mancher nachher, schon der „böse Blick“ des Torhüters. Es geht nämlich wieder ins Elfmeterschießen. Und die Eintracht kommt wieder weiter, weil die Ingolstädter Romain Bregerie und Moritz Hartmann über das Tor schießen.

„Ich wollte pünktlich nach Hause“

Im Achtelfinale beim Zweitligisten Hannover 96 setzt sich die Eintracht zwar nach regulärer Spielzeit durch – doch Hradecky wird trotzdem zum Elfmeter-Helden. Beim 2:1-Sieg pariert er nämlich in der sechsten Minute der Nachspielzeit den Strafstoß von Sali Sané. Auch zuvor hat er schon durch starke Paraden geglänzt. Hradecky wird von der Fankurve gefeiert, die „Bild“ betitelt ihn als „Lucky Luke“. Er selbst hat mit trocken-finnischem Humor eine ganz einfache Erklärung: „Ich wollte einfach pünktlich nach Hause“. Auch in der Liga ist er zu diesem Zeitpunkt schon als „Elfmeterkiller“ bekannt: Nur drei von sieben Strafstößen gehen rein.

Im Viertelfinale hat die Eintracht gegen Zweitligist Bielefeld ein vermeintlich leichtes Los erwischt – doch wieder braucht sie Hradecky. Bielefeld ist die bessere Mannschaft, verzweifelt aber am Frankfurter Schlussmann. Die „Bild“ schreibt: „Der überragende Pokal-Held gewann das Duell ‚Einer gegen alle‘“.

Im Halbfinale schließlich bei Borussia Mönchengladbach ist die Eintracht zum ersten Mal im laufenden Wettbewerb Außenseiter – aber sie hat ja Hradecky. Der hält im dritten Elfmeterschießen der Saison wieder zwei Schüsse von Andreas Christensen und Djibril Sow. Die „Bild“ tauft ihn „Finnen-Spinne“. Weil ihm die Paraden erst in der Verlängerung des Elfmeterschießens gelingen – von den ersten sechs Schüssen hält er keinen – lästert Abwehrspieler Bastian Oczipka augenzwinkernd: „Er hätte ruhig vorher mal einen halten können. Keine Ahnung, wieso der Man of the match ist“. Er habe gewusst, dass „die schlechten irgendwann kommen“, sagte Hradecky mit derselben Bierruhe, die ihn auch im Spiel auszeichnet und gab sofort den Party-Befehl: „Heute essen wir sicher keine glutenfreie Pasta. Heute trinken wir nur Bier“.

All das zeigt: Der Torhüter ist nicht nur der Leistungsträger dieser EintrachtMannschaft. Er ist auch die personifizierte gute Laune. Aber auch ein harter Arbeiter. Diese Einstellung gab ihm sein Vater Vlado mit, ein slowakischer Volleyballer, der mit der Familie nach Finnland auswandert, als Lukas ein Jahr alt ist und der Familie dort, ohne zuvor ein Wort finnisch zu sprechen, eine neue Existenz aufbaut. Der Vater ist für Lukas deshalb „mein Held“. Und sein Berater.

„Zum richtigen Zeitpunkt was Größeres“

Doch für die Eintracht ist Hradeckys unglaubliche Pokal-Serie in einer Hinsicht auch ein Fluch. Zahlreiche Vereine wurden so auf den 27-Jährigen aufmerksam. Aus der Bundesliga soll ihn Leverkusen auf dem Zettel haben für den Fall, dass sich Nationaltorhüter Bernd Leno nach der miesen Saison des Vereins mit verpasstem Europacup woanders für die WM empfehlen will. Auch ausländische Clubs haben Hradecky im Visier. Der hat noch Vertrag bis 2018 – heißt, dass er nur noch in diesem Sommer eine Ablösesumme einbringen könnte. „Wir brauchen Lukas. Deshalb wäre es nicht schlecht, wenn er bald unterschreibt“, sagt Trainer Niko Kovac. Hradecky selbst sagt, dass er sich in Frankfurt sehr wohlfühlt: „Ich will gerne bleiben. Aber zum richtigen Zeitpunkt gerne auch was Größeres ausprobieren“.

Doch egal, was im Sommer passiert: Vorher will Hradecky seine Pokal-Mission beenden und den Pott erstmals nach 1987 nach Frankfurt holen. „Egal, wer es wird, ob Bayern oder Dortmund, wir schlagen beide“, sagte er mit einem breiten Schmunzeln schon vor dem prominent besetzten zweiten Halbfinale. Und kündigte sicherheitshalber schon mal an: „Wenn es im Endspiel wieder ein Elfmeterschießen geben sollte – ich bin bereit!“

Für die Eintracht gibt es übrigens ein gutes und ein schlechtes Omen. Das Gute: Zuletzt erreichte vor 20 Jahren ein Team das Endspiel nach drei Elfmeterschießen: Der VfB Stuttgart mit dem heutigen Eintracht-Sportchef Fredi Bobic als Spieler. Der VfB gewann.

Als schlechtes Zeichen gilt derweil die Geschichte von Oliver Kahn. Der wurde nämlich im Endspiel der WM 2002 plötzlich zum „tragischen Helden“, laut Tagesspiegel „wieder zum Menschen“. Kahn war vor dem Finale schon als bester Spieler der WM gewählt worden, er war der erste Torhüter, dem diese Ehre zuteil wurde. Doch dann unterlief ihm im Endspiel ein folgenschwerer Fehler zum 0:1. Deutschland verlor durch zwei Ronaldo-Tore 0:2, und das Bild vom am Pfosten kauernden und ins Leere blickenden Kahn ging um die Welt.

Doch Hradecky war auf dem Weg ins Finale ja sogar noch ein bisschen wichtiger gewesen als Kahn damals.

Holger Schmidt







Merken

Merken

Bild der Woche