Tschüss Marcelinho!
Tschüss Marcelinho!
17. März 2017

Er hat zu Beginn des neuen Jahrtausends wohl wie kein Zweiter das Spiel von Hertha BSC geprägt und wurde zu einem der besten Bundesligaspieler: Marcelo dos Santos, genannt Marcelinho (41), bestritt von 2001 bis 2006 für die Berliner 165 Spiele und erzielte 65 Tore. Der brasilianische Ballkünstler wurde zum Publikumsliebling und sorgte auch abseits des Platzes immer wieder für Gesprächsstoff.

Am 25. März bekommt er nun doch noch sein Abschiedsspiel im Olympiastadion – zu diesem Anlass werden zahlreiche alte Weggefährten in den Teams „Berlin“ und „Brazil&Friends“ auflaufen.

Wir treffen Sie mitten im Winter bei unangenehmem Wetter in Berlin. Was ist der Anlass Ihres Besuchs?

Ach, ich finde es gar nicht so schlimm. Es ist nicht kalt für die Jahreszeit, und es weht kaum ein Wind. Nein, ich bin immer gerne in Berlin – aber diesmal ist es natürlich wegen meines Abschiedsspiels. Da gibt es viele Termine, um dafür Werbung zu machen.

Also es gibt viel zu organisieren vor dem Spiel, Sie pendeln deshalb öfter zwischen Brasilien und Berlin im Moment. Gibt es eigentlich auch ein Abschiedsspiel in Ihrer Heimat?

Ja, da wird es sicher auch noch ein Spiel geben – aber die Hauptveranstaltung findet hier in Berlin statt.

Ist es denn Ihre Idee gewesen, den Abschied von der Fußballbühne in Berlin zu begehen?

Die Idee ist schon entstanden, weil ich hier die meiste Zeit verbracht und auch die erfolgreichste Station meiner Laufbahn erlebt habe. Dann habe ich mit meinem Berater überlegt, wie wir das Ganze umsetzen können. Wir haben auch bei Hertha BSC angefragt, und dann hat schnell alles gepasst. Der Verein tritt ja als Veranstalter auf, und Michael Preetz (ehemaliger Mitspieler und heutiger Hertha-Manager) hat sich dann um viel gekümmert. Dafür bin ich auch sehr dankbar. Jetzt hoffen wir natürlich, dass alle ihre Zusage einhalten und kommen – wir wollen schließlich eine gute Show für die Zuschauer liefern. Alle sollen ihren Spaß haben.

Sie sind mit Hertha BSC damals nicht ganz im Guten auseinandergegangen, ein Abschiedsspiel kam nicht zustande. Ist diese Partie nun auch als eine Art Schlussstrich unter das Thema zu verstehen?

Ja, das war damals leider kein guter Abschluss. Ich habe ein paar Fehler gemacht, und der Vertrag lief aus, das hatte ich mir schon anders gewünscht. Aber meine Karriere musste nun mal weitergehen. Jetzt bin ich aber froh, dass mich Hertha bei der Organisation unterstützt hat und so alles wieder gut ist zwischen uns.

Sie sind jetzt 41 Jahre alt, haben bis zuletzt im Profifußball gespielt – wie fühlt sich Ihr Körper jetzt nach dieser Belastung an?

Das Alter ist nur eine Zahl. Ich fühle mich noch sehr gut, spiele immer noch Fußball und halte mich auch sonst fit.

Wie ist denn damals der Wechsel gerade nach Berlin zustande gekommen? Sie waren zu dem Zeitpunkt ja sicher auch für andere Vereine interessant.

Ich hatte in Europa zuvor schon ein halbes Jahr bei Olympique Marseille gespielt. Da lief es sportlich nicht so gut, aber zumindest konnte ich schon mal die Bedingungen in Europa kennenlernen. Danach bin ich wieder nach Brasilien zurückgekehrt, wo ich bei Gremio Porto Alegre an zwei Titeln beteiligt war. Dort gab es einen Berater, der Kontakt zu Dieter Hoeneß (damaliger Hertha-Manager) hatte – und so kam die Sache ins Rollen …

Wie schwer ist Ihnen die Umstellung in Berlin damals gefallen?

Sportlich war das kein Problem, Mannschaft und Fans haben mich sehr gut aufgenommen. Das hat mir sehr geholfen, und wir haben schnell erfolgreich gespielt. Abseits vom Fußballplatz war es allerdings nicht ganz so einfach. Ich hatte anfangs vor allem Schwierigkeiten mit der Sprache, ein bisschen auch mit dem Wetter und der anderen Kultur. Aber das wurde Schritt für Schritt besser.

Viele verbinden in Deutschland gefärbte Haare und bunte Fußballschuhe mit Ihnen – wie schwer war es damals für Sie, als Individualist im eher konservativen Umfeld des deutschen Fußballs zu bestehen?

Als ich nach Deutschland kam, hatte ich die Haare blond gefärbt und mein Ausrüster brachte gerade diese speziellen Schuhe auf den Markt. Das sorgte für Aufmerksamkeit, was der Firma natürlich recht war – insofern hat das gepasst. Ansonsten habe ich mir da keine großen Gedanken drüber gemacht – mir hat das einfach gefallen. Und sehen Sie sich heute mal um: Da laufen die meisten Fußballer mit auffälligen Frisuren und bunten Schuhen rum … (lacht)

Sind Sie mit Ihrer Art nicht öfter auch mal angeeckt?

Ich glaube, die Leute haben das geduldet, weil ich hier doch viel Erfolg hatte und gut gespielt habe. Ab und zu mal feiern gehen, das gehörte für mich auch dazu. Letzten Endes aber zählt doch immer die Leistung auf dem Platz – und die hat gestimmt. Da wurde dann über das andere hinweggesehen (lacht) … aber ich empfehle jungen Spielern natürlich, das nicht genau so zu machen (lacht noch mehr).

Gibt es ein Erlebnis aus Ihrer Zeit bei Hertha BSC, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Einmal habe ich drei Tore in einem Spiel gegen Wolfsburg erzielt (beim 3:2-Auswärtssieg im November 2004) – und dann natürlich das „Tor des Jahres“, als ich mit einem Schuss aus dem Mittelkreis traf (der Treffer im April 2005 gegen den SC Freiburg aus 48 Metern wurde später in der Abstimmung bei der ARD ausgezeichnet).

Würden Sie sagen, dass es im aktuellen Fußball – der ja sehr auf das System setzt – überhaupt noch Platz gibt für Typen wie Sie einer waren?

Heute ist der Fußball schon anders – die Trainer und Spieler sind taktisch noch besser geschult. Da ist es schwerer, sich mit individuellen Fähigkeiten durchzusetzen. Das ist das, was mir heutzutage aber auch ein bisschen fehlt – Spieler, die für überraschende Momente sorgen.

Ist das vielleicht auch ein Problem der brasilianischen Nationalmannschaft, dass sie den Übergang noch nicht vollzogen hat – zu diesem Systemfußball, in dem jeder Spieler eine ganz spezielle Aufgabe erfüllen muss?

Nein, Brasilien hat gerade eine gute Mannschaft. Tite, der neue Trainer der Seleçao, legt viel Wert auf Taktik, aber auch auf spielerische und individuelle Fähigkeiten. Dazu kommen auch einige junge Spieler, die vielversprechend sind – also: Bei der nächsten Weltmeisterschaft wird man wieder eine stärkere Seleçao erleben.

Ist das „Trauma“ der WM 2014 mit dem denkwürdigen Aus gegen Deutschland im Halbfinale also überwunden?

Wir sind auf dem richtigen Weg. Mir gefällt die Arbeit von Tite, seine Mentalität und Spielauffassung. Er setzt zum Beispiel einen Schwerpunkt auf die Bewegung ohne Ball. Klar, alle Brasilianer spielen immer gerne mit dem Ball (lacht) – aber wir müssen auch diese andere Seite des modernen Fußballspiels lernen und uns darin verbessern. Dann bin ich sicher, dass der Erfolg auch wieder kommen wird.

Wie viel bekommen Sie denn noch von Hertha BSC in Brasilien mit?

Ich verfolge die Ergebnisse und die Bundesligatabelle, daher weiß ich immer Bescheid. In Brasilien läuft auch immer ein Topspiel aus der Bundesliga im Fernsehen – und wenn Hertha dabei ist, sehe ich natürlich zu.

Wie beurteilen Sie denn den Weg, den der Verein inzwischen eingeschlagen hat? Also: mit einem kontinuierlichen Aufbau und der Einbindung ehemaliger Spieler …

Ich finde das gut. Es ist wieder Ruhe eingekehrt im Verein, und der Erfolg ist zurück. Den Weg sollte Hertha weitergehen: ob Preetz als Manager, Dardai als Cheftrainer oder auch „Zecke“ Neuendorf im Nachwuchsbereich – das sind ja alles auch ehemalige Mitspieler von mir, die den Verein kennen und gute Arbeit leisten.

Haben Sie sich aufgrund der gemeinsamen Erfahrungen damals vorstellen können, dass Pal Dardai mal Trainer werden könnte?

Pal war immer ein akribischer Arbeiter, hat viel richtig gemacht und war immer sehr konzentriert bei dem, was er tat. Insofern war das für mich keine Überraschung, dass er es auch schafft, ein guter Trainer zu werden. Ich hoffe natürlich, dass es gerade bei Hertha für ihn so gut weitergeht.

Wie sehen denn Ihre Pläne nach Abschluss Ihrer aktiven Karriere aus – bleiben Sie dem Fußball erhalten?

Ja, auf jeden Fall. Vielleicht mache ich auch den Trainerschein. Ansonsten bin ich aber auch schon als Berater für einige junge Spieler tätig und werde mich eventuell in diesem Bereich noch stärker betätigen.

Sie sollen auch einen sehr talentierten Sohn (Marcelo Junior) haben…

Ja, er macht das sehr gut. Ich hoffe, dass er wie ich den Sprung zu den Profis schafft.

Würden Sie sagen, dass er mit seinen 14 Jahren weiter ist, als Sie es in dem Alter waren?

Ganz bestimmt. Sehen Sie, als ich jung war, gab es noch keine solche Talentförderung wie heutzutage. Ich habe lange Zeit einfach auf der Straße gekickt. Klar, das war gut für die Technik – aber sonst? Mein Sohn spielt jetzt schon neun Jahre im Verein, hat eine ganz andere Ausbildung als ich damals und somit eine viel bessere Basis. Aber im Fußball weiß man nie, was morgen passiert. Also freue ich mich jetzt vor allem darauf, dass er bei meinem Abschied mitspielen wird.

Interview: Hagen Nickele






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