Zurück an die Platte
Zurück an die Platte
17. März 2017

Patrick Franziska sieht Licht am Ende des Tunnels. Nach monatelanger Zwangspause kann der Doppel-Europameister vom Tischtennis-Bundesligisten 1. FC Saarbrücken-TT immerhin schon wieder intensiv trainieren. Das Ziel sind die Play-offs und natürlich die Einzel-Weltmeisterschaften ab Ende Mai in Düsseldorf.

Patrick Franziska ist wieder in seinem Element. Endlich. Monatelang war der Tischtennis-Nationalspieler zur Untätigkeit verdammt, Ende Februar allerdings gaben die Ärzte dem deutschen Star von Vizemeister 1. FC Saarbrücken-TT wieder grünes Licht. „Ein großartiges Gefühl“, gab der 24-Jährige in den sozialen Netzwerken einen seltenen Einblick in sein Seelenleben.

Franziskas Erleichterung ist völlig nachvollziehbar. Denn mitten in einer sportlichen Aufwärtsentwicklung kam für den gebürtigen Hessen im vergangenen Spätherbst – nur kurze Zeit nach dem Gewinn des EM-Titels im Doppel in Budapest mit dem Dänen Jonathan Groth – das vorläufige Aus. Wegen auf den ersten Blick mysteriöser Hüftprobleme erteilten die Ärzte Franziska absolutes Trainingsverbot. „Im Hüftkopf hatte sich Wasser abgelagert“, berichtete der Rechtshänder einige Wochen später. Die Ärzte sagten, es bestünde die Gefahr, dass Knochen und Knorpel Schaden nehmen.“ Die Diagnose erfolgte bei einer Routineuntersuchung. Franziska: „Wir haben das Ganze eher zufällig entdeckt, denn Schmerzen hatte ich keine – bis zum Schluss nicht.“
Die gefühlt eine Ewigkeit dauernde Trainingspause war jedoch angesichts der Einschätzung der Mediziner alternativlos. „Ich wollte natürlich nichts riskieren, denn ich will noch zehn bis 15 Jahre Tischtennis spielen und nicht nur noch ein Jahr“, sagt Franziska.

Nun bastelt der frühere WM-Fünfte mit Feuereifer an seiner Rückkehr an die Platte. Nach Wochen und Monaten im Kraftraum pendelt Franziska nun für die notwendigen Sonderschichten bei seinem Club und bei den Lehrgängen der Nationalmannschaft zwischen den Hallen in Saarbrücken und im Deutschen Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf. Die DM am ersten März-Wochenende in Bamberg kam jedoch noch zu früh für eine erste Standortbestimmung, und auch für Saarbrückens ersten Champions-League-Halbfinalhit wenige Tage später gegen das russische Weltklasse-Team von Fakel Orenburg und Franziskas Nationalmannschafts-Kollegen Dimitrij Ovtcharov konnte Franziska noch keine vollwertige Option sein.

Weder Saarbrückens sportliche Leitung um Erwin Berg noch Bundestrainer Jörg Roßkopf setzen Franziska unter Druck. Doch die Zeit zum Aufbau einer ansprechenden Form drängt: Eine Woche vor Ostern beginnen am zweiten April-Wochenende die von Saarbrücken angestrebten Play-offs in der Bundesliga, und Ende Mai steht der Saisonhöhepunkt mit den Einzel-Weltmeisterschaften in Düsseldorf auf dem Programm.

In Saarbrücken hofft Berg – bei aller Geduld mit seinem vor dem Saisonstart vom Meister und Branchenführer Borussia Düsseldorf zu den Blau-Schwarzen gekommenen Top-Spieler – natürlich besonders für die entscheidende Saisonphase auf Franziska: „Auch wenn wir seit seinem Ausfall ebenfalls starke Ergebnisse erreicht haben, brauchen wir Patrick unbedingt. Gesund und in Form ist er ein absoluter Spitzenspieler, der gegen jeden Gegner den Ausschlag geben kann.“

„Wir brauchen Patrick unbedingt“

Bundestrainer Roßkopf geht unterdessen von Franziskas fest eingeplanter WM-Teilnahme aus: „Wir haben zwar seit Jahresbeginn in der Vorbereitung insgesamt spürbar angezogen, aber im Sportleralltag ist auch normal, dass man aufgrund von Verletzungen Rückstände aufholen kann.“

Franziska muss sich auch keine allzu großen Sorgen um seinen Platz im deutschen WM-Team machen. Schon zu Saisonbeginn hatte Roßkopf als Belohnung für Bronze im Mannschafts-Wettbewerb bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro seinem kompletten Team mit Ex-Europameister Ovtcharov, Altmeister und Fahnenträger Timo Boll sowie dem Ex-Saarbrücker Bastian Steger und auch dem nicht eingesetzten Ersatzmann Franziska einen der fünf WM-Plätze für Düsseldorf versprochen. Für seine Teilnahme an der WM benötigt Franziska also mithin wohl nur eine einigermaßen WM-taugliche Verfassung. Entsprechend gelassen will Franziska sein Comeback angehen: „Ich lasse alles auf mich zukommen und versuche, das Beste daraus zu machen.“ Beim Abschlusslehrgang des Nationalteams will Roßkopf mit Franziska zusammen entscheiden, „ob ein WM-Start Sinn macht oder eben nicht. Er bekommt auf jeden Fall bis dahin die Zeit, die er braucht.“

Generell jedoch kann Franziska sich seiner Position in der nationalen Rangordnung wiederum aber auch nicht sicher sein. Jahrelang mit viel Vertrauensvorschuss in seine unbestrittenen Fähigkeiten schon als „Kronprinz“ von Boll gehandelt, ist Franziskas Laufbahn in den letzten rund eineinhalb Jahren ins Stocken geraten.

Seinem sehr wohl beachtlichen Einzug ins Viertelfinale der WM im chinesischen Suzhou folgte eine sportliche Misere, aus der sich der Schlaks nicht zuletzt auch durch seinen Neuanfang in Saarbrücken befreien wollte. Als Resultat der fehlenden Ergebnisse und schon vereinzelter Verletzungen jedoch musste sich Franziska in Rio mit dem Platz auf der Bank begnügen und dem erfahrenen Mittdreißiger Steger die wichtige Rolle als dritter Mann hinter Ovtcharov und Boll überlassen. Zwar ließ Saarbrückens Zugang nach Olympia bei seinem neuen Club rasch durch gute Ergebnisse aufhorchen und bestätigte den positiven Trend mitunter auch international, doch gleichzeitig und eben auch während seiner Verletzungspause drängte die Konkurrenz aus dem eigenen Lager ins Rampenlicht. Allen voran der noch zwei Jahre jüngere Bergneustädter Benedikt Duda machte durch eine Reihe von teilweise herausragenden Resultaten von sich reden.

Düsseldorf soll für Franziska andererseits auch nur eine Zwischenstation sein. Bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio will Saarbrückens Nummer eins Stammspieler in der deutschen Mannschaft sein. Doch hinter Ovtcharov haben sich auch Boll und Steger noch eine weitere Olympia-Teilnahme zum Ziel gesetzt. Deswegen dürfen Franziska auch nicht mehr allzu viele Zwangspausen für längere Zeit außer Gefecht setzen.

Samira Manzke





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