70er Disco- Glamour 
70er Disco- Glamour 
26. Juni 2015

Wenn es nach Hedi Slimane für Saint Laurent geht, wird diesen Sommer auf den Straßen ein neues „Saturday Night Fever“ ausbrechen. Aber auch andere Labels setzen auf den glitzrigen Glam der Seventies.

Mode-Historiker behaupten, dass sich die Fashion-Industrie ihre Inspirationen häufig aus 30 oder 40 Jahre zurückliegenden Dekaden holt. Was die aktuelle Sommersaison betrifft, so wird frau dieser Theorie vollauf zustimmen können. Denn die 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, das wohl vielseitigste und innovativste Jahrzehnt der Mode-Geschichte, wird von den Designern regelrecht ausgeschlachtet.

Es wäre ein grobes Missverständnis, die Fashion der Seventies in einen Topf zu werfen.

Der Look könnte  das Nachtleben  bestimmen 

Denn passend zu den unterschiedlichen Musikstilen dieser Jahre des gesellschaftlichen Auf- und Umbruchs, wie Hippie, Folk, Disco, Glamrock, Hardrock oder Punkrock, waren auch die entsprechenden Klamotten entworfen. Im Zuge der 70er-Retro-Welle haben viele Designer diesen Sommer daher Hippie-de-Luxe-Kreationen vorgelegt. Für Herbst und Winter 2015/2016 kündigt sich bereits ein 70er-Folk-Country-Revival im Stil der legendären Sängerinnen Emmylou Harris oder Joni Mitchel bei Burberry Prorsum, Chloé oder Emilio Pucci an. Überraschend allerdings, dass sich einige Modehäuser diesen Sommer sogar an den schrägsten Look der 70er heranwagen: den Disco-Glamour-Style, der einst mit dem Tanzstreifen „Saturday Night Fever“ für Furore gesorgt hatte. Und schon einige Jahre später eigentlich nur noch beschämt belächelt wurde. Niemand hatte mehr Lust darauf, im Stile einer Diana Ross und ihrer Mitstreiterinnen, den Supremes, oder einer Donna Summer wie eine Discokugel schimmernd auf die Straße zu gehen. Nun ist Glitter, Glamour und Glanz wieder bei einigen Designern angesagt, selbst die unserer bescheidenen Meinung nach unsäglichen Disco-Platform-Shoes wurden, beispielsweise von Tom Ford, Saint Laurent oder Victoria Beckham, zurück auf die Fashion-Bühne gehievt.

Um den Kundinnen den Retro-Flash schmackhaft zu machen, wurden Kultfiguren und Mega-Locations der 70er ins Spiel gebracht. An vorderster Front das 1977 eröffnete New Yorker „Studio 54“, seinerzeit der berühmteste Nachtclub der Welt, der mit wilden Partys, Drogenexzessen oder hemmungslosem Sex die Promis wie die Motten das Licht geradezu magisch anzog. Wer hier als Normalsterblicher rein wollte, musste sich schon mehr als außergewöhnlich gestylt haben. Die Betreiber gaben einfach „dress spectacular“ als Eintrittscode vor. Wobei es gerne gesehen wurde, wenn Männer glitzernde Damen-Klamotten trugen, wie es Musik-Stars, beispielsweise T-Rex, Alice Cooper, David Bowie oder Iggy Pop, auf der Bühne vorgemacht und damit die Geschlechtergrenzen niederzureißen versucht hatten. Auch wenn speziell diese Heroen als Rocker mit Disco-Klängen nichts am Hut hatten. Disco-Tanzmusik war gewissermaßen als Antipode gegen die vorherrschende Rockmusik entstanden, sie wurde erstmals 1973 in einem Artikel des „Rolling Stone“-Magazins thematisiert und bald danach durch Abba, Donna Summer, Gloria Gaynor oder auch die Bee Gees weltweit salonfähig gemacht. Spätestens mit dem Musikfilm „Xanadu“ anno 1980 verschwanden sie wieder in der Versenkung. Seitdem galt in Musik und Mode gleichermaßen das Verdikt: „Disco is dead“.

Ein bisschen  Verrucht kann  nicht schaden 

Dass sich mit Saint Laurent ausgerechnet ein klassisches Haute-Couture-Haus an die Spitze des Disco-Glamour-Revivals setzen würde, mag nur denjenigen verwundern, der die Entwicklung des Labels unter Hedi Slimane in den letzten Jahren nicht so genau beobachtet hat. Slimane hat es sich offenbar zum Ziel gesetzt, modisch die Underground-Szene vergangener Dekaden abzuarbeiten. Dass er nun auf Disco- und Glamrock abgefahren ist, hat sicherlich auch viel mit seinem Wohnsitz an der amerikanischen Westküste zu tun, wo in den 70ern Iggy Pop, Slade oder die New York Dolls regelmäßig zu Gast waren und Edel-Groupies wie Sable Starr oder Lori Maddox mit ihren ausgefallenen Klamotten viele Nachahmerinnen gefunden hatten.

Saint Laurent Kollektion ist fraglos nicht alltagstauglich, sofern frau nicht, wie die „Elle“ es formuliert hat, „hauptberuflich Londoner It-Girl oder Tochter eines Rock-Stars ist“. Am häufigsten in den Medien herausgestellt wird ein goldfarbenes Spaghetti-Träger-Kleid und ein schillerndes Leopardenkleid. Daneben hautenge Lederhosen (ganz im Stil der glänzenden Disco-Pants gehalten), Pailletten-Overalls, Neckholder-Tops, hoch sitzende Miniröcke oder Mini-Kleider in goldener Metallic-Tiger-Optik, Nietengürtel, Pelzjacken, Marabu-Federn, orientalische Turbane, semi-transparente schwarze Strumpfhosen in hohen Plateausandalen. „Verruchter Disco-Glam wie aus dem Karnevals-Verleih“, so die „Elle“ in ihrem Resümee der Slimane-Kollektion. Und doch spricht viel dafür, dass auch diese Saint-Laurent-Kollektion wieder ein großer Verkaufserfolg werden wird.

Abgemilderte  Varianten sind  zu haben 

So tief wie Slimane wollte Raf Simons bei Christian Dior nicht in die Disco-Mode-Kiste greifen, sondern beschränkte sich auf glitzernde Tops und Jumpsuits. Jean Paul Gaultier zeigte mit Pailletten bestickte Glamourkleider im Stil des „Denver Clans“, die durchaus Disco-Feeling ausstrahlten. Bei Isabel Marant gab es ein ultra-kurzes, einschultriges Kleid im glänzenden Lurex-Style zu bestaunen, bei Tom Ford neue Varianten der Disco-Pants.

Glitter-Disco-Look war auch angesagt bei Versace, Moschino oder Louis Vuitton. Auf der Berliner Fashion-Week waren die Labels Glaw, Bobby Kolade und Dimitri auf den Disco-Glam-Zug aufgesprungen. In der kommenden Wintersaison werden Blumarine und Matthew Williamson die Ära des legendären „Studio 54“ wieder aufleben lassen. Und zwar mit Looks, die so glamourös und funkelnd daherkommen, dass die Laufstege gleichsam in ein Blitzlichtgewitter verwandelt wurden. Bei Blumarine vor allem bei Minikleidern aus Seidensatin in glänzendem Rosenholz- und Kupfertönen sowie bodenlangen Röcken und Kleidern, die mit glitzernden Lurexfäden aus schreienden Farben wie Rot, Grün und Gelb durchwirkt sind.

Peter Lempert



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