Ab in den Urlaubskoffer
Ab in den Urlaubskoffer
29. August 2014

Zwar lassen sich ihre Vorbilder auf die Hippie-Bewegung zurückführen, doch damit haben die neuen Kaftan-Modelle fast nichts mehr gemein. Sie sind vielmehr zu absoluten Must-haves der Sommermode aufgestiegen und finden daher in jedem Urlaubskoffer ihren fest reservierten Platz.

Er ist längst ein Klassiker der Sommer- und Urlaubsmode und dürfte daher in keinem Koffer fehlen, der in der noch anhaltenden Feriensaison von Damen aller Gesellschaftsschichten gepackt wird. Seine Hippie-Vergangenheit wird dabei heute kaum wahrgenommen, weil der Kaftan wie der Bikini, über dem er meist locker getragen wird, zum festen Bestandteil der femininen Strand-Bekleidung und damit zu einem ultimativen Urlaubs-Basic aufgestiegen ist. Seinen Schnitt haben die Designer über die Jahre immer wieder verändert.

Die originellsten aktuellen Teile kommen schon lange nicht mehr wie ein wallendes, überlanges Hemd daher, sondern eher wie ein elegantes Maxikleid, allerdings typischerweise mit weiten Ärmeln, aus hauchdünnen, leichten Materialien wie Chiffon, Seide oder Leinen. Die schönsten Kaftane sind inzwischen tailliert und verbergen daher im Unterschied zu ihren Vorgängern die weiblichen Formen nicht mehr unter weiten Stoffbahnen, sondern betonen sie geschickt. Trotzdem lässt sich nach wie vor das eine oder andere überflüssige Pfund damit kaschieren, da es sich beim Kaftan ja nicht um ein hauteng anliegendes, sondern luftig getragenes Teil handelt, das den Ladys die erwünschte Bequemlichkeit in den schönsten Wochen des Jahres garantiert.

Ziemlich verwunderlich, dass die Bademoden-Hersteller noch immer das Feld fast gänzlich den Designern überlassen. Obwohl doch Bikini und Kaftan das perfekte Duo für den Strand bilden. Selbst Luxus-Bademoden-Spezialisten wie La Perla haben da kaum ein Bekleidungspendant im Sortiment. Lobenswert allerdings die beiden Designer-Labels Missoni und Emilio Pucci, die beide spezielle Beachware-Linien etabliert haben. Bei Missoni Mare gibt es so ziemlich alles, vom Bikini über Espadrilles bis hin zum Kaftan, natürlich geschmückt mit dem charakteristischen Zickzack-Muster. Puccis lange Strandkleider sind durchaus elegant geschnitten und bieten farbenfroh eine tolle Alternative zu seinen Shorts auf den Riviera-Promenaden dieser Welt.

Wenn frau sich allerdings auf den internationalen Laufstegen nach einer Kaftan-Allzweckwaffe umgeschaut hat, mit der sie nicht nur auf dem Weg zu den Gestaden des Meeres, sondern ebenso beim abendlichen Dinner in einem lauschigen Restaurant oder bei einem Drink in einer schicken Bar eine gute Figur machen kann, dann dürfte ihre Wahl wahrscheinlich auf eines der neuen Teile von Ralph Lauren oder Roberto Cavalli fallen. Beide verzichten auf die trendige Musterung im Ethno-Style und setzen dafür auf Einfarbigkeit bei weiten, fließenden Stoffen mit originellen Details wie One-Shoulder oder tiefem Dekolleté. Während Ralph Lauren auf Knallfarben setzt, wirken die Kaftane von Robert Cavalli fast feenhaft.

Auffällig, dass ausgerechnet bei den meisten Kaftanen das Thema Transparenz keine Rolle spielt. Sie wurden weitgehend alltagstauglich blickdicht geschneidert. Wobei die Modelle bodenlang, bis zum Knöchel reichend oder auch nur wadenlang gehalten sein können. Jasper Conrans Teile haben große Ähnlichkeit mit denen von Ralph Lauren. Riccardo Tisci setzt bei Givenchy auf das Ehtnomuster. Claire Weight Keller hat für Chloé an Blusenschnitte erinnernde knöchellange Teile entworfen – mit Taillenbetonung in fließend leichten Stoffen und origineller Asymmetrie dank langen Seiten und kurzer Mitte. Bei Albert Kriemler für das Label Akris bildeten Sandsteine, Algen, Bienenwaben, Tiger-Muster oder Holzmaserungen die Grundlage für flatterhafte Kaftankleider, die sicherlich auch seine treueste Stammkundin, Charlène von Monaco, die wie immer in der Front-Row seiner Show Platz genommen hatte, begeistert haben dürften. Bei Lala Berlin zählt der Kaftan ohnehin längst zum festen Repertoire. Aktuell führt sie ein bodenlanges Seidenkleid mit korallfarbenem Palmenprint in ihrer Kollektion. Auch bei Marken wie Etro, Topshop oder Gucci (tiefe Ausschnitte) wird frau in Sachen Kaftan fündig werden. Wobei bei den Stücken neben All-Over-Prints oder graphischen Mustern vor allem zarte Cremetöne oder alternativ Knallfarben dominieren.

Hochgeschlitzt mit reichlich Stickereien fernab vom Strand

Als größter Fan des Kaftans hat sich übrigens die Star-Stylistin Rachel Zoe bekannt, aber auch andere Promis wie Sängerin Ciara stehen auf diesen bequemen Sommer-Look. Die Übergänge zur wesensverwandten Tunika sind inzwischen fließend, auch wenn diese letztendlich ihren Ursprung in der römischen Antike hatte, bis ins Mittelalter von Männern und Frauen gleichermaßen getragen wurde und heutzutage meist eher als lange Damenbluse, sprich als Oberbekleidung, in den Läden zu finden ist. Den Wettbewerb mit dem Pareo, dem ursprünglich aus Polynesien stammenden, überlangen Wickeltuch, als beliebteste Strandbekleidung hat der Kaftan aktuell locker für sich entschieden.

Die genauen historischen Ursprünge des Kaftans – der Name wurde aus dem Türkischen entlehnt und bedeutet in Deutsch übersetzt „unter dem Panzer zu tragendes Gewand“ – sind unbekannt. Im 14. Jahrhundert wurde das lange Gewand allerdings schon von den Sultanen des osmanischen Reiches getragen. Auch in der jüdischen Kultur spielte der Kaftan später als zentrales Kleidungsstück der orthodoxen Gläubigen eine wichtige Rolle. In Afrika oder Zentralasien ist er auch heute noch die typische Alltagskleidung von Männern und Frauen gleichermaßen. In die Fashion-Welt fand er Eingang über den Umweg der Hippie-Bewegung der 60er- und 70er-Jahre. Dort symbolisierten die bodenlangen Kaftane gemeinsam mit bestickten Blusen oder zerrissenen Jeans den auch in Kleidern umgesetzten politischen Protest im Hippie- oder Ethno-Look gegen das Establishment.

Dieser Hintergrund dürfte Designern wie Yves Saint Laurent, Emilio Pucci oder Valentino zwar bewusst gewesen sein. Doch sie verwandelten das traditionelle Gewand schon in den 70er-Jahren in Richtung Laufsteg-Tauglichkeit, indem sie hoch geschlitzte Kaftane mit reichlich Stickereien auf ihren Catwalks präsentierten. Und in Ikonen ihrer Zeit wie Brigitte Bardot oder Veruschka begeisterte Vorreiterinnen dieses neuen Kaftan-Styles, der eine neue Ära der Strandmode einleitete, fanden. Letztendlich wurde dadurch die Anti-Mode der 70er-Jahre mit dem Kaftan als Aushängeschild in die Freizeitmode der heutigen Zeit verwandelt. Auch wenn der verspielte Hippie-Look daraus kaum mehr hervor scheint.

Von Peter Lempert




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