Coole Socke
Coole Socke
19. Mai 2017

Was jahrzehntelang als eine der größten Modesünden überhaupt angesehen wurde, soll diesen Sommer endgültig Normalität werden. Vielleicht kann man sich jetzt, wo die Abende noch frisch sind, an den Trend Socken in Sandalen herantasten…

Als 2007 eine Reihe von prominenten Designern mit Miuccia Prada an der Spitze versucht hatte, sich über das No-go „Socken in Sandalen“ in der Herrenmode hinwegzusetzen und die Füße ihrer Models in groben Strick verpackt und in Sandalen reingeschlüpft auf den Laufstegen flanieren ließen, konnten sie damit nur Kopfschütteln ernten. Selbst beim Sockenhersteller Falk wurde seinerzeit nur die Nase darüber gerümpft: „Sandalen sind kein geeignetes Schuhwerk für Herren. Deswegen kommentieren wir die Kombination von Sandalen und Socken oder Strümpfen nicht.“ Auch das Männermagazin „Men’s Health“ konnte dem Versuch nur wenig Positives abgewinnen.

Den Damen jedenfalls versuchten diverse Labels ab dem Sommer 2010 die Kombi Socken, Söckchen oder Nylonstrumpfwaren mit offenen Schuhen schmackhaft zu machen. Bei n-tv versuchte man damals, den Wandel vom No-go zum Must-have zumindest vorsichtig zu erklären: „In der Mode und in der Liebe ist alles möglich. Mit betretenem Schweigen und Wegsehen haben Modemenschen sie bisher quittiert: die Socken-in-Sandalen-Träger… Sie waren bislang das Erkennungsmerkmal deutscher Touristen, jetzt werden sie in Paris zum Modehit. Socken in Sandalen. Im Sommer sollen sie das perfekte Accessoire sein, wenn die Temperaturen etwas kühl sind oder der Nagellack blättert. Modehersteller bieten Strumpfmodelle aus feiner Baumwolle oder im Mix mit Seide an.“ Als erste Promi-Lady wagte die Schauspielerin Chloë Sevigny schon 2010 den Tabubruch, indem sie zum Coachella-Festival mit dicken schwarzen Socken in beigefarbenen Sandalen erschienen war.

Auch drei Jahre später wurde das noch als Fashion-Fauxpas angesehen, wie das Beispiel der seit „Sex and the City“ zur Mode-Ikone aufgestiegenen Sarah Jessica Parker zeigte. In allen Boulevard-Blättern wurden Fotos veröffentlicht, auf denen die Schauspielerin beim Schlendern durch New York in Dreiviertel-Hose mit roten Clog-Sandalen und weißen Socken samt bunten Zierdreiecken zu sehen war. 2014 war immer noch offen, ob dieser Look, den damals vor allem Céline und Burberry präsentiert hatten, tatsächlich Trend-Potenzial haben könnte. Nike Jane vom renommierten Online-Portal und „Vogue“-Partner thisisjanewayne.de brachte ihre diesbezügliche Ratlosigkeit ganz zum Ausdruck: „Darf man jegliche Klischees und Vorurteile im Hinterhof vergraben und ganz selbstbewusst Socken in Sandalen tragen? Wer jetzt einschreiten will, weil selbige Manier doch längst gang und gäbe sei, der hat nur teilweise recht: Söckchen zu Pumps und Plateaus gelten inzwischen zwar als salonfähig, wer sich aber an Célines Furkenstocks herantraut oder gleich auf Original Birkens setzt, hat es weiterhin schwer… Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht, heißt es schließlich, und für Augen und Gehirn ist es nicht einfach, sich von all den gängigen Touri- und Alt-Herren-Klischees zu befreien. Dauert die Eingewöhnungsphase deshalb schon so lange an?“

Im Mai 2014 wurde in hiesigen Medien von einem Grundsatz-Streit New Yorker Top-Stylisten zu diesem Thema berichtet. Die Befürworter sahen in Socken mit Sandalen vor allem für die Übergangszeiten Frühling und Herbst die ideale Lösung. Allerdings sollten einige Regeln unbedingt beachtet werden: Die Socken sollten dunkel, dünn und einfarbig sein. Die Sandalen dazu durften nur zu Minirock oder Kleid flach sein, bei Hosen hochhackig. Doch eigentlich meinten es die Damen-Designer, beispielsweise Tory Burch oder Jean Paul Lespagnard in Sachen Socken-Sandalen-Kombo erst so richtig ernst ab dem Sommer 2015. Die Argumente Pro und Contra boten nichts wesentlich Neues. Unter den Redakteurinnen der „Brigitte“ entbrannte ein Meinungsstreit, obwohl letztlich doch ziemlich konsterniert festgestellt wurde: „Denn die Tennis-Socke in der Trekking-Sandale ist 2015 ein modisches Statement. Ob gerippte Strümpfe in Pumps, feine Seiden-Söckchen in Riemchen-Sandalen oder dicke Woll-Stockings in Sandaletten – im Sommer 2015 ist all das erlaubt!“

Die ideale Übergangslösung

Die „Bunte“ meinte damals: „Statement-Socken in Peeptoes: Genau hier lag früher immer das Dilemma. Denn: Waren die Schuhe vorne offen, war selbst eine Feinstrumpfhose tabu. Doch nun ist es viel entspannter. Bei offenen Schuhen wie Peeptoes sind Söckchen – Nähte hin oder her – sogar erwünscht. Probieren Sie doch gleich, den Trend zu kombinieren: Socken mit Printmuster, etwa mit modischer Ananas oder Palmen, können ein langweiliges Outfit sogleich verspielter wirken lassen. Hier sollte man darauf achten, dass die Strümpfe das einzige verrückte Detail bleiben, denn auf die Spitze getrieben könnte man vielleicht wie eine Crazy Cat Lady wirken…“

Selbst die „Bild“-Zeitung beschäftigte sich im vergangenen Herbst ellenlang mit dem Thema. Weil frau dank der Socken ihre offenen Sommerschuhe dann auch im Winter weiter tragen könne: „Zugegeben, Sandalen und Socken zu kombinieren, ist selbst für geübte Fashionistas eine Herausforderung. Obwohl der Mix seit mehreren Jahren auf den Laufstegen zu sehen ist, trauen sich nur wenige die gewagte Kombination auf der Straße zu. Denn niemand will aussehen wie der deutsche Klischee-Tourist auf Mallorca!“ Laut „Bild“ sind nun selbst weiße Nike- oder Adidas-Socken in Sandalen erlaubt und mega angesagt. Das Trendbeispiel war sogar auf der Victoria’s-Secret-Präsentation für den Sommer 2017 präsent, als Models in weißen, überknielangen Sportsocken zu Sandalen mit hochhackigen Heels zu sehen waren. Auf den Fashion-Weeks für die kommende Sommersaison waren Sportsocken in Weiß oder Schwarz zu Sandalen oder offenem Schuhwerk beispielsweise bei Antonio Marras zu bewundern.

Im hellen Licht der Sommersonne der Saison 2017 könnten Makel von Billigwaren in offenem Schuhwerk schnell zutage treten. Kein Wunder, das pfiffige junge Strumpfhersteller-Unternehmen wie Minga Berlin oder Darner Socks aus Los Angeles derzeit Hochkonjunktur haben. Darner Socks hat sich schnell zum Lieblingslabel der Hollywood-Stars entwickelt und wurde von Magazinen von „Vogue“ bis „Elle“ gefeiert, weil die Socken hauchdünn und meistens durchsichtig sind und weil es sie in unterschiedlichen Mustern und Designs gibt. Im Unterschied zur Konkurrenz, die auf unsichtbare Nähte bei den (Nylon-) Söckchen setzt, werden bei Darner die Nähte geradezu betont, die Naht wird zu einem zusätzlichen Design-Statement genutzt. Auch Rihanna mischt kräftig auf dem Socken- und Strümpfemarkt mit, sie hat gerade gemeinsam mit dem Hersteller Stance ihre dritte Strumpf-Kollektion herausgebracht. Und lässt sich natürlich liebend gerne in diesen Socken oder hauchdünnen Nylonteilen zu Sandalen oder High Heels fotografieren.

Auf den Laufstegen für den Sommer 2017 waren Socken, Söckchen oder Strumpfhosen in Sandalen oder offenen Schuhen einer der auffallendsten Trends überhaupt. Durchsichtige Nylons mit Riemchen-Sandalen gab es beispielsweise bei Gucci. Wolliges Strumpfwerk in Sandalen hatten die Models von Alberta Ferretti getragen. Damit mag frau sich ja vielleicht noch anfreunden können.

Zurück zur Herrenmode: Schon für den Sommer 2011 waren Socken in Sandalen auf den Catwalks so präsent wie erst heute in der Damenmode. Wobei Labels wie Bottega Veneta oder Saint Laurent eher auf gedeckte Farben wie Grau gesetzt hatten, während Lanvin oder Hermès sich an hellere Töne gewagt hatten und Vivienne Westwood sogar knallbunte Kniesocken gezeigt hatte. In den Medien wurde der Trend bestenfalls milde belächelt, meist jedoch als völlig stillos abgelehnt.

Das Modemagazin stylebook.de sah das entspannt: „Socken zu Sandalen. Eigentlich ein absolutes No-Go. Doch wie bei allem in der Mode ist es nur eine Frage von Haltung und Stil, wie dieser eigentliche Style-Fauxpas gelingt: 1. Die Sandalen sollten schlicht und von tadelloser Qualität sein (Modell Trekking scheidet definitiv aus). 2. Die Socken sollten keinerlei Löcher aufweisen, bei weißen Modellen blitzsauber sein, weder zu groß noch zu klein ausfallen. 3. Der Gesamtlook entscheidet über Top oder Flop. Und: Was ist schlimmer? Nackte, ungepflegte Füße in Sandalen oder dann doch lieber Socken? Eben…“ Das mögen sich auch die Herren-Designer in Mailand gedacht haben, wo der Trend eigentlich omnipräsent war.

Peter Lempert





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