Design für jeden Körper
Design für jeden Körper
17. Februar 2017

Meike Rensch-Bergner alias „Frau Crafteln“ kam übers Selbermachen zum Nähen. 2010 startete sie ihren eigenen Nähblog. Seitdem ist viel passiert, nicht nur im Netz, sondern auch im „echten Leben“.

Ist das nicht der Schnitt vom Paprikakleid?“ Fragen wie diese erhält Meike Rensch-Bergner öfter auf ihrem Blog. Sie ist „Frau Crafteln“ und sie ist eine der bekanntesten deutschen Nähbloggerinnen. Und so sind solche Kommentare und Diskussionen über Schnittmuster und Kleider wie zu jenem Jerseykleid, das sie sich unter anderem in Paprikarot nähte und in ihrem Blog präsentierte, keine Seltenheit. Etliche Kleidungsstücke wurden genäht und im virtuellen Schaufenster Blog gezeigt, kollaborative Aktionen wie der „Me Made Mittwoch“ ins Leben gerufen. Meike Rensch-Bergner war in der zweiten Staffel der Sendung „Geschickt eingefädelt“ dabei und veröffentlichte 2015 ihr inzwischen viertes Buch „Nählust statt Shoppingfrust“. Im September 2016 eröffnete die 48-Jährige ihren „Schnittmusterkiosk“, einen Online-Shop mit Designer-Schnitten für Selbstnäherinnen, die in vielen Größen umsetzbar sind.

Das Nähen als „Selbstermächtigung“, mit dem frau sich unabhängiger von Mode, Kleidergrößen und Modeindustrie machen kann, ist Meike Rensch-Bergners Anliegen: „Schöne Kleidung zu nähen, produziert ein enormes Selbstbewusstsein“, sagt sie. „Es ist ein riesiger Selbsterfahrungstrip, zu nähen und sich zu zeigen.“ Sie nahm zunächst den „klassischen Weg“: „Ich habe erst einmal für mein Kind genäht.“ Das Präzise, das konzentrierte Arbeiten am Stoff gefiel ihr, sie blieb dabei. Entdeckte im Internet Nähblogs anderer Frauen. Sie entschied sich, „eine egoistische Für-mich-selbst-Näherin“ zu werden, nicht den Abzweig in Richtung Nähen für Kind und Heim zu nehmen. Der Blogname, abgeleitet aus dem englischen Wort „craft“ für Handwerk oder Kunsthandwerk, ergab sich von selbst.

Bereits vier Bücher zum Thema Nähen auf dem Markt

Wer näht, bloggt und andere Social Media nutzt, ist meist bestens vernetzt und zeigt, was es zu zeigen gibt. So entstand aus einer Linkparty auch der deutsche „Me Made Mittwoch“ im Jahr 2011. Jeden Mittwoch zeigen bis zu 150 Frauen, „und ein, zwei Männer“, selbstgenähte Kleidungsstücke in ihren Blogs. Ein Team von acht Frauen sammelt die Posts zentral. Diese gebündelte Sichtbarkeit beschert den Teilnehmerinnen jede Menge Aufmerksamkeit und Kommentare. Viele Inseln des Wissens und Austausches vernetzen sich so noch besser miteinander. Manches Mal wird zu einem Motto genäht und verlinkt, etwa zu „Tiermustern“ oder „Jeans“. Oder die Teilnehmerinnen verabreden sich zu längeren Gemeinschaftsaktionen, sogenannten Sew alongs, in denen aufwendigere Stücke wie Wintermäntel, Dirndl oder das jährliche „Weihnachtskleid“ genäht und gezeigt werden.

„Die wöchentlichen Beiträge werden bis zu 25.000 Mal abgerufen, Verlinkungen zu eigenen Beiträgen bringen den Teilnehmerinnen 100 bis 2.000 Klicks“, sagt Meike Rensch-Bergner. Das „Paprikakleid“ spielt wieder ganz vorne mit: „Ein rotes Kleid hat mehr Aufrufe als Jeans.“ Zahlen sind schön und gut, sprechen für die Sichtbarkeit. „Die Qualität unserer Beiträge ist aber viel wichtiger“, sagt sie. „Wir geben einander Feedback, das die Nähende weiterbringt.“

Wer keine Schneiderinnen-Ausbildung durchlaufen hat, braucht öfter Infos und Kniffe, etwa, wie Abnäher oder Teilungsnähte gut gesetzt werden können oder welche Futter- und Beleg-Materialien zu welchen Stoffen passen. Seit 2011 war Meike Rensch-Bergner mit im Editoren-Team, soeben kündigte sie ihren Abschied als „Gastgeberin für unser wöchentliches Defilée“ an – andere Aufgaben on- und offline fordern ihre Aufmerksamkeit.

Zeigt frau öffentlich, was sie trägt, landet sie rasch bei grundlegenden Einsichten: „Es gilt nur, ein schönes Kleidungsstück anzufertigen. Maße sind nur Zahlen, die frau zum Nähen braucht“, sagt Meike Rensch-Bergner. Zuschreibungen wie 90-60-90 als „Idealmaße“ und damit Kleidergrößen werden letztlich überflüssig. Zu unterschiedlich sind Rundungen und Längen verteilt.

Warum also sich beim Nähen auf bestimmte Größen beschränken und Schnitte nicht für alle nutzbar machen? „Es ist schwerer, in größeren Größen zu schneidern“, weiß Rensch-Bergner. „Es gibt bestimmte Sprungwerte in den Maßen, aber auch viel mehr Varianten als in der sogenannten Norm.“ Die Industrie versuche gerade in größeren Größen diese Spannbreite klein zu halten und Produktionskosten zu sparen. Ergebnis: Was gut aussehen sollte, sieht so lala aus; was gut sitzen sollte, wirkt „verrutscht“. Zumal in manchen Lebensphasen auf einmal Körperteile da auftauchen, wo sie vorher nie oder nicht ausgeprägt waren: „In den Wechseljahren gibt es häufig ‚Bauch 1‘ und ‚Bauch 2‘. Das ist alles kein Problem, wenn frau damit umzugehen weiß.“

„Maße sind nur Zahlen...“

Meike Rensch-Bergner machte sich  auf den Weg, das mit ihrem eigenen Online-Shop, dem „Schnittmusterkiosk“, zu ändern. Gemeinsam mit der australischen Designerin Melinda Stokes aus Berlin entwickelte sie die ersten vier Schnitte – das Kimonokleid, das Knitterkleid, den Stadtmantel und den Partyrock. Anfang März erscheint das nächste Schnittmuster für ein Kapuzenkleid oder -shirt für elastische Stoffe. Die Schnitte sind in drei Größengruppen mit je drei bis vier „Einzelgrößen“ per Download erhältlich; die Größen werden über Brust- und Taillenumfang ermittelt.

Die Schwierigkeitsgrade sind derzeit „Level Erfolgserlebnis“ für Anfängerinnen und „Level Meisterklasse“. Ganz ohne Orientierung an der Norm geht es nicht, weiß Rensch-Bergner: „Die Schnittmuster reichen von Größe 34 bis 54/56.“ Auch praktische Hinweise etwa auf die individuelle „Wohlfühl-Bequemlichkeitszugabe“ beim Stoff oder auf höheren Bedarf bei gemusterten Stoffen fehlen nicht. Zudem zeigen Frauen unterschiedlicher Größe und Proportionen die Kleidungsstücke auf den Fotos im Netz – eben „Design for Every Body“. Nicht der Körper wird passend gemacht, sondern die Kleidung. So verwundert es nicht, dass gerade Meike Rensch-Bergners neues Buch zum Thema „Schnittmuster anpassen“ entsteht.

Wer denkt, dass die häufig von Frauen geprägte „Do-it-Yourself“-Szene lediglich individualistisch hobbyverliebt im Netz herumspielt, wird durch die Vielzahl der Blogs, Seitenbesuche und Zugriffe eines Besseren belehrt. Die Übergänge zwischen digital und analog sind zudem fließend: „Wir kennen und treffen uns regelmäßig“, sagt Meike Rensch-Bergner. Die größte Näh-Community Deutschlands reiste in tausendköpfiger Stärke im September zur „Näh-Lan-Party“ in Hannover-Langenhagen zum Lillestoff-Festival an – eigene Nähmaschinen inklusive. „Die Tickets dafür waren in eineinhalb Stunden ausverkauft.“

„Frau Crafteln“ hält auch Lesungen und Vorträge

Dass mit den Selbermacherinnen gute Geschäfte zu machen sind, habe der Handel seit sechs, sieben Jahren erkannt. Amerikanische Labels, japanische Stoffe und Überhänge aus der Produktion seien inzwischen durchaus erhältlich. Langsam positionierten sich auch erste Stoff-Produzenten als Premium-Marken. Der Online-Stoffhandel sorgt dafür, dass interessante Qualitäten und Muster überall erhältlich sind.

Allerdings ist noch längst nicht überall erkennbar, unter welchen Bedingungen diese produziert werden. Stoffe in Bio-Qualität werden wohl gehandelt, kommen aber nicht zuletzt aus finanziellen Gründen nicht für jede in jeder Menge in Frage. So setzen Näherinnen unter anderem aufs Upcycling, die aufwertende Wiederverwendung vorhandener Stoffe.

Wohin das „egoistische Nähen“ einmal im großen Ganzen führen würde, hat sich wohl selbst die Macherin Meike Rensch-Bergner anno 2010 nicht träumen lassen. Ihre Wege führen Meike Rensch-Bergner immerhin häufig genug weg von der heimischen oder mitreisenden Nähmaschine auf Podien oder Bühnen. Sei es zu Lesungen aus ihrem „Nählust“-Buch oder zu einem Vortrag im Umfeld der Internet-Konferenz „re:publica 2016“.

Nähen ist eben viel mehr als das Nähen selbst: „Der politische Aspekt des Selbermachens und Nähens lohnt es, darüber öffentlich zu sprechen. Wir machen uns los vom Selbstoptimierungszwang und unterstützen uns freundlich dabei. Das Internet macht gesellschaftliche Veränderung möglich und das ist wichtig.“

Von Ute Schirmack

www.crafteln.de
www.memademittwoch.blogspot.de

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