Ein Hauch von Nichts
Ein Hauch von Nichts
16. Juni 2017

Lange Jahre war er hauptsächlich der Stoff für märchenhafte Prinzessinnenkleider, Mädchenröcke, Brautroben oder Tutus. Dank junger britischer Designer ist Tüll inzwischen Streetstyle-tauglich geworden und zu einem der trendigsten Materialien des Sommer 2017 aufgestiegen.

Die war einer der Hingucker der diesjährigen Berlinale: Am 14. Februar 2017 war Sienna Miller, den frostigen Temperaturen zum Trotz, in einem transparenten, mit floralen Patches geschmückten Korsagen-Tüll-Kleid von Dior erschienen. Die 35-Jährige war allerdings beileibe nicht die erste Promi-Lady, die so offensiv ihre Vorliebe für dieses luftige Material bekannt hatte.

Schon Grace Kelly alias Lisa Carol Fremont hatte in dem Hitchcock-Film „Das Fenster zum Hof“ 1954 einen atemberaubenden, von der berühmtesten Kostümdesignerin Hollywoods, Edith Head, entworfenen weißen Tüllrock mit floraler Musterung getragen. Nach der Monegassen-Fürstin sollten Marilyn Monroe, Madonna, Sarah Jessica Parker alias Carrie Bradshaw oder Rihanna in Tüllröcken zu bestaunen sein, die einst der Impressionist Edgar Degas als viel bewunderten Dress der grazilsten Ballerinas auf die Leinwand gebannt hatte.

Mut, mehr Haut zu zeigen oder auf Layering setzen

Seit der vergangenen Wintersaison ist Tüll, ein festes, netzartiges Gewebe mit feiner, gleichmäßiger Oberfläche und steifem, knittrigem Fall, in der Fashion-Welt nicht mehr nur fester Bestandteil der Pariser Haute-Couture-Schauen in Gestalt von märchenhaften Prinzessinnenkleidern, sondern, wie die englische Ausgabe der „Elle“ begeistert schrieb, „tulle has gone mainstream“.

Dazu passte, dass der zarte, durchsichtige Stoff, der nach der südwestfranzösischen Stadt Tulle benannt wurde, in der dieses Gewebe bereits im 19. Jahrhundert hergestellt wurde, von einer ganzen Reihe renommierter Designer in der Winterkollektion 2016/2017 genutzt wurde. Dabei waren vor allem Tüll-Röcke der Renner.

Manche Fashionista dürfte sich schon vor einigen Monaten in Abwandlung von Shakespeares „Hamlet“ die Frage „Enthüllt oder Verhüllt?“ gestellt haben. Für besagte „Elle“ ist die Antwort ganz klar. Denn Frauen sollten unbedingt alle offenherzigen, reichlich Haut und mehr zeigenden Model- oder Promi-Bilder komplett aus ihrem Kopf streichen. Denn die Durchsichtigkeit des Tüllgewebes könne allein durch die Layering-Technik alltagstauglich gemacht werden. Tüll könne nur als „layering tool“ genutzt werden, am besten als Kleid oder Rock über Jeans, Hosen oder Slip Dresses oder auch mal als Grundlage unter Oversize-Strick oder kürzer geschnittenen Röcken. Die wabenähnlich geformten Löcher, die dem Tüll eine luftdurchlässige, aber auch transparente Struktur verleihen, sind übrigens Folge des Produktionsprozesses. Tüll entsteht nämlich, indem jeweils zwei Kettfäden beim Einschießen des Schussfadens so verdreht werden, dass der direkte Anschluss des neuen Schussfadens an den vorhergehenden verhindert wird und eine Lücke als Zwischenraum bleibt.

Auch Tillmann Prüfer hat sich in seiner „Zeit“-Stil-Kolumne Ende Februar 2017 bezüglich des Materials Tülls der obigen Fragestellung ausführlich gewidmet: „Muss Kleidung eigentlich kleiden? Oder darf sie auch das Gegenteil – nämlich enthüllen?“ Speziell vor dem Hintergrund, dass er auf den Laufstegen reichlich tiefe Einblicke registriert hatte, die gerade auch die erotischen Komponenten des Materials wieder vor Augen geführt hatten. Schon die im Tutu bekleidete Tänzerin Marie Taglioni hatte bereits 1832 in der Titelrolle des in Paris uraufgeführten Balletts „La Sylphide“ für einen riesigen Skandal gesorgt. Das hatten sich die Söhne des Begründers der Haute Couture, Charles Frederick Worth, um 1900 mit ersten durchscheinenden Tüllkleidern zu Nutze gemacht.

Kleider, wie aus einem Märchen als Markenzeichen

„In dieser Saison gibt es auf den Laufstegen viel Durchblick“, so Prüfer weiter. „Burberry bietet ein Kleid aus gestuftem Tüll mit Stickereien an, die belgischen Designer Viktor & Rolf zeigen in ihrer Couture-Kollektion einen Pullover mit Tüllbesatz, bei Gucci gibt es paillettenbesetzte Tüllröcke, und auch bei Alexander McQueen empfiehlt man der Kundin: ein Tüllröckchen.“ Das Burberry-Kleidchen ist übrigens für schlappe 2.195 Euro zu haben, im Preis inbegriffen sind immerhin drapierte Raffungen sowie ein fließendes Seidenfutter.

Genauso wie die „Elle“ sieht Prüfer die Aufgabe des Stoffes – der ursprünglich nur für die Herstellung von Hutschleiern vorgesehen war, aber bereits 1840 für das weiße Hochzeitskleid von Queen Victoria verarbeitet wurde – weniger im erotischen Enthüllen des Körpers als vielmehr im mystischen Verhüllen: „Heute ist die Aufgabe des Tülls eher die umgekehrte. In einer Zeit von allgegenwärtiger Nacktheit verhüllt er etwas. Wenn Kleidung so körperbetont ist, dass sie keine Zweifel mehr zulässt, tut es gut, wenn ein Stoff wieder die Formen verwischt. Der Tüll schafft so eine Ahnung davon, dass ein Mensch gerade deswegen anziehend sein kann, weil es bei ihm noch etwas zu entdecken gibt.“

Laut der englischsprachigen „Elle“ gebührt vor allem zwei britischen Jung-Designer-Labeln das Verdienst, Tüllklamotten Streetstyle-tauglich gemacht zu haben. Da wäre zuerst der 2010 gegründete Brand von Simone Rocha zu nennen, einer kleinen Irin mit asiatischen Wurzeln, die auch im Sommer 2017 wieder mit Röcken und Kleidern zu derb-maskulinem Schuhwerk für Aufsehen sorgt. Und noch mehr machte Molly Goddard von sich reden, die ihr Label 2014 gegründet hatte und im Dezember 2016 mit dem British Fashion Award als beste Nachwuchsdesignerin ausgezeichnet worden war. Sie hat es in kürzester Zeit geschafft, Tüllkleider wie aus dem Märchen zu ihrem persönlichen Markenzeichen zu machen. Ihre Kreationen wirken oft etwas puppenhaft, sind meist in Neonfarben gehalten und oft sehr transparent.

Anlässlich der London Fashion Week für den Herbst/Winter 2017/2018 ließ die rothaarige Designerin jüngst die Besucher ihrer Show von Mitarbeiterinnen in weit geschnittenen Rüschenkleidern aus Tüll in Empfang nehmen, um damit gleich mal die Behauptung zu widerlegen, dass ihre mädchenhafte Prinzessinnenmode abseits des Laufstegs keinesfalls tragbar sei.

Edle Varianten in transparentem Schwarz

Sicherheitshalber wurde wohl auch noch Super-Model Agyness Deyn in der ersten Reihe platziert, die zur schwarzen Tüllrobe einen schmal geschnittenen Hosenanzug trug. Der Look war schick und kein bisschen schräg. Doch neben den beiden genannten Labels mischen im Sommer noch weitere renommierte Designer wie Christian Dior, Saint Laurent, Dries Van Noten oder Bora Aksu beim Tüll-Trend kräftig mit. Das Frauenmagazin „Brigitte“ geriet völlig aus dem Häuschen: „Der luftig-leichte Stoff legt sein Mädchentraum-Image ab und mausert sich zum großen Trendthema für den Sommer 2017. Bei Rochas blitzt Tüll ganz lässig unter einem Midikleid hervor oder fällt als Rock in knalligem Gelb ins Auge. Dries Van Noten tritt den Beweis an, dass auch edle Varianten in transparentem Schwarz alltagstauglich kombiniert werden können (mit einem lässigen Sweatshirt und Plateau-Sandalen), und bei Christian Dior dient der feminine Rock aus Tüll als Konterpart zum coolen Business-Look.“

Auffällig ist zudem, dass Tüll auf den Laufstegen für zwei gegensätzliche Stylings genutzt wurde. Zum einen für einen eher romantischen, unkonventionellen Look mit hellen Farben und kurz geschnittenen Teilen – bei Chloé stark Richtung Babydoll weisend, bei Jacquemus als voluminöser Minirock über weit fallenden Hosen. Zum andern für ein Rock‘n‘Roll-Outfit mit dunklen Farben, langem Schnitt und viel Transparenz, vor allem zu sehen bei Christian Dior und Saint Laurent.

Von Peter Lempert





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