Geliebte Falten
Geliebte Falten
6. Januar 2017

Seit Gucci-Kreativdirektor Alessandro Michele die Falten im Zuge seines Retro-Looks wieder salonfähig gemacht hat, ist Plissee ein heißer Fashion-Trend, bei dem immer mehr Labels mitmischen.

Dass Karl Lagerfeld im November 2015 mit einem Sonderpreis für sein Lebenswerk bei den British Fashion Awards geehrt wurde, wurde mit allgemeiner Zustimmung zur Kenntnis genommen. Dass aber ausgerechnet Alessandro Michele als bester internationaler Designer ausgezeichnet wurde, dürfte selbst intime Kenner der Fashion-Szene überrascht haben. Zumal keine großen Unterschiede zwischen seiner ersten Kollektion für Gucci, Herbst-Winter 2015/2016, und den Entwürfen für den Sommer 2016 zu erkennen waren. Michele blieb dem Granny-Chic treu, was auch in den Kreationen für den Herbst/Winter 2016/2017 und für den Sommer 2017 der Fall sein sollte. „Seine aufregende, eklektizistische Ästhetik hat sich maßgeblich auf globale FashionTrends ausgewirkt“, so die Begründung der Jury für die Auswahl des Laureaten Michele. Auf jeden Fall hat es Michele geschafft, Gucci wieder zu einem der begehrtesten Labels weltweit zu machen.

Lange Vorrede, kurzer Sinn: Michele hat innerhalb kürzester Zeit die Modebranche gewissermaßen auf den Kopf gestellt und jede Menge Klamotten oder Accessoires, die als spießig oder altbacken verschrien waren, nicht nur salonfähig, sondern zu einem Must-have gemacht. Beispielsweise Nerdbrillen, Anstecknadeln, Pailletten-Klamotten, Schluppenblusen oder, womit wir beim Thema wären, die (glitzernden) Plisseefalten bei Röcken, Kleidern oder Blusen.Alle Beobachter waren und sind sich einig, dass das endgültige Comeback der Pleats letztlich nur Michele zu verdanken war, nachdem sich schon eine ganze Reihe anderer Labels in den Vorjahren daran versucht hatten. Aber mit den steifen Midi-Faltenröcken aus Guccis Sommerkollektion 2016 war die Plissee-Post so richtig abgegangen. Und wird im Sommer 2017 mit pinken, in Falten gelegten Lurex-Schluppenblusen garantiert auf Kurs bleiben. „Ist das schon Kunst, oder werden wir hier nach Strich und Faden veräppelt?“, das fragte sich jüngst Sarah Jane auf ihrer bekannten Online-Plattform thisisjanewayne.de angesichts der Gucci-Sommerkollektion 2017, „Star Wars trifft auf den Sonnenkönig Ludwig XIV. trifft auf die Monegassen der 80er trifft auf … So oder so etwa. Ich überlege die ganze Zeit, wie meine Oma angesichts dieser Looks reagieren würde, weil ich mich an Bilder erinnere, auf denen sie ähnlich aussah.“ Dass Michele mit seinen Looks auch schon mal die Kitschschwelle überschreitet, ist fraglos genau so gewollt.

Wir wundern uns ein wenig, wie sehr alle Blicke in Sachen Pleating noch immer auf Gucci gerichtet sind. Denn speziell im vergangenen Sommer hatte insbesondere Stella McCartney mit mindestens ebenso tollen Metallic-Plissee-Röcken für großes Aufsehen gesorgt, die in ihrem feinen Faltenwurf an den legendären japanischen Meister des Pleats, Issey Miyake, erinnerten. Dessen Label hatte selbst auch schon im Sommer mit einer Plissee-Innovation aufgewartet, die auch in der Herbst-Winter-Kollektion 2016/2017 enthalten ist: Kleider und Röcke, bei denen die Falten nicht mehr streng vertikal fallen, sondern zu psychedelisch anmutenden (3 D-)Mustern angeordnet sind.

Während im Sommer sogar Shorts und Culottes mit Plissee ausstaffiert waren, sind es diesen Winter vor allem Röcke, noch mehr Kleider und eine Reihe von Tops. Theoretisch können sie als schmückendes Detail inzwischen bei allen möglichen Kleidungsstücken zum Einsatz kommen. Beispielsweise als Rückeneinsatz oder als Saumlösung bei Kleidern und sogar Hosen. Natürlich spielt Gucci bezüglich Plissee auch diesen Winter wieder die erste Geige. Aber das Label hat kräftig Konkurrenz bekommen durch Marken wie Fendi, Salvatore Ferragamo, Tod’s, Valentino, Diesel Black Gold, Creatures of the Wind, Ralph Lauren oder Bottega Veneta. Besonders Falten-Kleider und -Röcke in hochglänzenden Metallic-Farben oder Glitzer sind angesagt.
Angefangen hat es mit Plissee übrigens schon in der Frühzeit der Mode. Genauer gesagt im Jahr 1907. Ein gewisser, in Spanien gebürtiger Designer namens Mariano Fortuny präsentierte seine legendären „Delphos“-Roben, plissierte Seidenkleider, die körpernah ihre Trägerinnen umflossen und sich gleichsam als Fächer um ihre Füße legten. Frau musste extrem schlank, cool und nackt darunter sein, um in diesem revolutionären Hauch von Schlauch gut auszusehen. Hinsetzen war unmöglich, weil die Falten noch keine Festigkeit besaßen. Fortuny zählte frühe Weltstars wie Isadora Duncan, Sarah Bernhardt, Lilian Gish oder Eleonora Duse zu seinen Kundinnen.

Feste Stoffe wählen, denn die Falten können auftragen

Wenig später sorgte der Pariser Couturier Jean Patou für Furore. Zunächst allerdings nur für einen Skandal. Denn als so etwas wie der Hofschneider der besten Tennisspielerin der Welt hatte er für Suzanne Lenglen weiße Röcke aus Seiden-Plissee entworfen, in denen sich die Sportlerin 1921 auf dem heiligen Rasen von Wimbledon zeigte. Nach dem Krieg war es kein Geringerer als Christian Dior, der in seiner ersten Kollektion 1947, mit der er den „New Look“ schuf, Plisseekleider in den Mittelpunkt stellte. Er selbst bezeichnete seinen Retro-Look damals als „Ligne Corolle“ also „Blütenkelchlinie“.

In den frühen 90er-Jahren sollte dann der japanische Textiltüftler Issey Miyake der Fashion-Welt ein neues Hightech-Verfahren schenken, mit dessen Hilfe Polyesterfasern durch Hitzefixierung in Form gebracht werden konnten. Vor der Erfindung von Miyake musste der Stoff vor der Weiterverarbeitung in Falten gelegt und durch Hitze und Druck fixiert werden. Dank Miyake konnte der Plissiervorgang ans Ende des Herstellungsprozesses gerückt werden. Und ermöglichte dadurch auch ganz feine, kleine Falten. Heute werden die Falten fast nur noch maschinell hergestellt. Es gibt nur noch ganz wenige Traditionsunternehmen, die Plissee auch heute noch von Hand einarbeiten. Beispielsweise die 1956 gegründete bretonische Firma „Plissés de France“, die von Aufträgen der exquisiten Luxus-Couture lebt.

Wichtig: Plissee-Kleider oder -Röcke können schnell auftragen. Vor allem wenn es sich um sehr feinen Stoff handelt, der sich bei Dehnung durch den Körper meist auffächert und dadurch etwaige Problemzonen betont. Daher sind etwas schwerere Materialien die bessere Wahl. Eine Alternative sind Teile, bei denen die Falten erst weiter unten beginnen. Auch mit ganz kleinen, sehr feinen Falten macht frau immer eine gute Figur, auch mit Röcken, die auf der Hüfte sitzen.

Damit der Look nicht zu bieder oder mädchenhaft wirkt, ist es sinnvoll, das Verspielte und die niedliche Optik speziell der Plissee-Röcke oder -Kleider zu brechen und beispielsweise lässige Pullover, Jeansjacken oder knallige Shirts als Kombi-Partner zu wählen.

Peter Lempert





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