Umschnallen, bitte!
Umschnallen, bitte!
11. August 2017

Mit der Bauchtasche feiert derzeit eine einstige Modesünde ein großes Comeback. Die 80er-Jahre lassen grüßen. Doch die neuen Fanny Packs sind im Gegensatz zu ihren Vorgängern aus hochwertigem Leder gestaltet.

Sie zählte 25 Jahre lang zu den schlimmsten Modesünden und war gänzlich von der Bildfläche des Modekosmos verschwunden. Aber still und heimlich hat es die Bauchtasche, die auch unter den Namen Gürteltasche, Wimmerl, Hip-Bag, Bumbag oder Fanny Pack bekannt ist, wieder auf die internationalen Catwalks geschafft. Diane von Furstenberg beispielsweise hatte schon 2011 einen Versuchsballon mit einer kompletten Bauchtaschen-Kollektion gestartet. Zwei Jahre später war es vor allem Stella McCartney, die für Adidas zeitgemäß aufgepeppte Modelle der wegen ihrer Praktikabilität – Stichwort „hands free“, in manche sportiven und hippen Kreisen (angeblich als ironische Reminiszenz an die eigene Kindheit) – offenbar wieder mehr geschätzten Tasche gestaltet hatte.

2014 hatten dann Chanel (in Glitzeroptik), Givenchy (feminin in zartem Rosa) und Missoni (kastig und in Zitronengelb) ihre Versionen vorgestellt. Vorsichtig wurde in Fashion-Kreisen von einem „Revival“ geredet, das Wörtchen „Trend“ wagte noch niemand in den Mund zu nehmen. Allerdings wurde schon mal darauf hingewiesen, dass frau mit den kleinen Raumwundern nicht nur beim Besuch von Festivals oder Open-Air-Partys irgendwo zwischen Coachella, Glastonbury und Tomorrowland, Stadtfesten oder Konzerten bestens ausgerüstet sein dürfte, sondern dass die Fanny Packs auch im Großstadtdschungel beim Shoppen oder Stöbern ein ideales Accessoire sein könnten. Das Wichtigste immer in greifbarer, diebstahlsicherer Nähe, ohne großes Herumkramen oder Suchen.

Doch obwohl 2015 auch noch Handtaschen-Guru Phoebe Philo mit Céline neben Chanel, Marc Jacobs oder Anna Sui in den Gürteltaschen-Wettbewerb einstieg und Streetstyle-Stars wie Chiara Ferragni die Mini-Bags zu protegieren versuchten, sollte sich noch kein Hype um dieses vermeintliche Fashion-Relikt aus den 1980er- und frühen 1990er-Jahren einstellen. Weil die Bauchtaschen noch immer polarisierten. Denn diese waren seit Mitte der 1990er-Jahre in wenig ansprechende Teile aus billigem Funktionsmaterial verkommen, die allenfalls noch von Kaffeefahrten-Teilnehmern, (vornehmlich männlichen) All-inclusive-Touristen (zum Schutz der Habseligkeiten sowie zum schnellen Zugang zu selbigen; meist kombiniert mit Trekking-Sandalen und Tennissocken), Flohmarkt-Verkäufern, Vorschulkindern (in Knallfarben), Rennradlern, Skifahrern oder kleinkriminellen Dealern geschätzt wurden.

Carrie Bradshaw trug in der Serie eine Gucci-Bag

Schon 2009 war zufällig mal Rihanna bei einem Trip nach London mit einer Bauchtasche von Louis Vuitton gesichtet worden, was allein allerdings nicht ausreichte, um die Fanny Packs in der Modewelt wieder salonfähig zu machen. Zumal Rihanna diesbezüglich schon prominente Vorgängerinnen wie Goldie Hawn und Claudia Schiffer (mit einer Edelversion von Chanel aus gestepptem Leder) in den 1990er-Jahren oder Sarah Jessica Parker alias Carrie Bradshaw in der Kultserie „Sex and the City“ mit Gucci-Bag Anfang der Nullerjahre hatte. Viel Platz oder Stauraum bieten die Bauchtaschen im Unterschied zu den in Sachen Handfreiheit ebenso praktischen Rucksäcken natürlich nicht, aber Portemonnaie, Autoschlüssel, Lippenstift und die wichtigsten Papiere lassen sich darin schon unterbringen, das Smartphone zusätzlich könnte schon problematisch werden.

Fanny Packs sind allwettertauglich: Im heißen Sommer können sie locker auf der Hüfte beispielsweise zu Shorts getragen, im kalten Winter tailliert über den Mantel geschnallt werden.

2016 wurden die Fanny Packs schon gelegentlich als die It-Taschen des Jahres bezeichnet. Obwohl ihnen immer noch etwas von ihrem schlechten Image anhaftete. „Natürlich sind Fanny Packs wirklich praktisch“, so das Magazin „Harper’s Bazaar“, „aber um die Funktionalität soll es an dieser Stelle gar nicht gehen (denn darum geht es in der Mode ja eigentlich selten). Vielmehr dient dieser Taschentrend als Beweis dafür, dass etwas, das lange als schlechter Geschmack galt, in den richtigen Designerhänden unglaublich chic werden kann.“ Zumal manche Labels auf den Laufstegen auch bewiesen hatten, dass die Fanny Packs mithilfe des dazu gehörigen Gürtels nicht nur konventionell um die Taille geschlungen getragen werden konnten, sondern auch cross-body oder wie eine Clutch in der Hand (zu sehen bei Louis Vuitton).

Im Juni 2017 wurde das Comeback der Fanny Packs dann offiziell verkündet. Angeführt von der „Vogue“ und nahezu im publizistischen Gleichschritt unterstützt von Journalen wie der „Kronen Zeitung“ bis hin zu „Harper’s Bazaar“. Wobei immer wieder Fotos von Kendall Jenner gezeigt wurden, die offensichtlich ein ganzes Arsenal von hochwertigen Fanny Packs (vor allem von Chanel) in ihrem Kleiderschrank gehortet hat. Aber auch andere Promi-Ladys wie Kate Bosworth oder Fergie zeigten sich mit dekorativ umgeschnallten Bauchtaschen auf dem roten Teppich. Das Comeback der Bauchtaschen kann sicherlich im Zusammenhang mit der gerade aktuellen 80er-Jahre-Nostalgie gesehen werden. Die „Vogue“ vermutet jedoch zusätzlich auch eine Verbindung zum neuen „Gorpcore“-Trend, einem von der Wanderer- und Camper-Szene inspirierten Outdoor-Look. Auch wenn bei den Designer-Upgrades der Fanny Packs die klassischen Bauchtaschen, etwa von Eastpack, in Sachen Material oder Ästhetik völlig verändert daherkommen und daher lediglich nur noch entfernt an Gorpcore erinnern.

Hochwertiges Leder (statt Polyester, Plastik oder Leinenstoff) versteht sich von selbst. Die Grundform ist immer dieselbe: Ein Gürtel (oder zuweilen auch eine Kette) samt Beutel, der, wenn er um die Hüfte geschnallt ist, bei jedem Schritt nonchalant mitwippt. Manchmal, beispielsweise bei Stella McCartney oder Marni, kommen die Bauchtaschen auch im Doppelback, was an der Taille sowohl für ein modisches Gleichgewicht sorgen, als auch den Stauraum erhöhen kann. Breit ist das Spektrum, was die Größe betrifft: Von mini beispielsweise bei Tod’s, No. 21, Off-White, DKNY, Gucci, Chanel (ein Modell aus Samt mit Goldkette), Kenzo, Emporio Armani, Stella McCartney oder Jil Sander bis hin zu XL bei Marni oder Victoria Beckham (interessant: Tasche in Kleidung integriert). Auch in der Wintersaison 2017/2018 setzen viele Designer weiter auf Fanny Packs, beispielsweise Louis Vuitton (auch Modelle für mehr als 2.000 Dollar für Herren, die aus einer Kooperation mit Supreme hervorgegangen sind), Nina Ricci oder Gucci.

Übrigens: Im Schatten der Fanny Packs kommt derzeit auch der altbekannte Brustbeutel zu neuen Fashion-Ehren. Sein Ruf war lange fast ebenso schlecht wie der der Bauchtasche. Doch dank zeitgemäßer Umsetzung dürfte er garantiert auch neue Freundinnen unter den Fashionistas finden. Uns gefielen am besten die Modelle von Lanvin und ­Loewe.

Ursula Lübke





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