Von wegen hemdsärmelig
Von wegen hemdsärmelig
17. März 2017

Mit der Suche nach kreativen Ärmellösungen haben sich die Designer lange Zeit nicht beschäftigt. Bis jetzt. Denn nun versuchen sie, lange Versäumtes nachzuholen. Es wird bei Ärmeln gebauscht, gerafft, gerüscht – Hauptsache voluminös.

Originelle Ärmel waren in der aktuellen Mode bis jetzt Fehlanzeige. Das war in früheren Zeiten gänzlich anders gewesen, als die Ärmel eines Kleidungsstücks so etwas wie ein Statussymbol waren und daher nicht nur voluminös mit reichlich Stoff gestaltet, sondern auch prunkvoll verziert waren. Im reichen Venedig mussten ab der Wende zum 16. Jahrhundert sogar gesetzliche Verordnungen zur Eindämmung des ausufernden Ärmel-Luxus erlassen werden. Fortan drohten Schneidern erhebliche Bußgelder, wenn sie die dafür maximal zugelassene Stoffmenge bei ihren Schnitten überschreiten sollten. Es gab verschiedenste Formen, von denen die Schinken- oder Hammelkeulenärmel die extravagantesten darstellten. Den Puffärmeln gelang in den 80er-Jahren immerhin ein kleines Revival.

Seit der Sommersaison 2016 schenken immer mehr Designer diesem Teil des weiblichen Oberkörpers steigende Beachtung. Im Sommer 2017 sind Statement Sleeves, wie sie nun allgemein genannt werden, einer der Megatrends für die warme Jahreszeit und prägen die aktuelle Kollektion beispielsweise von Preen, Tibi, Rodarte, Ashley Williams oder Simone Rocha, auch wenn sie sich dabei der starken Konkurrenz schulterfreier Teile oder dem genauen Gegenteil, nämlich kastenförmiger, ausgestellter Schulterpartien im Stil der 80er-Jahre erwehren müssen. Auffällige, reichlich Haut zeigende Bra-Tops nicht zu vergessen, die ebenfalls um die Gunst der Fashionistas werben.

Im kommenden Sommer steckt also gewissermaßen das Detail im Ärmel. Es darf rund um Schulter und Arme aus dem Vollen gerafft, gekräuselt, aufgeblasen, gebauscht oder gerüscht werden. Was weitaus femininer wirkt als die Power-Schultern, mit denen schon die Hauptdarstellerinnen der TV-Serien „Dallas“ oder „Denver Clan“ in ihren Jacken modisch in den 80ern zu punkten versucht hatten und die nun mit einer ziemlich maskulinen Silhouette wieder bei Labels wie Céline, Balenciaga, Michael Kors oder DKNY in der aktuellen Kollektion wieder aufgetaucht sind.


Leg O’Mutton/Gigot/Hammelkeule/Schinken

Auch wenn der Name dieser Ärmelform ziemlich ungewöhnlich klingen mag, so beschreibt er doch ziemlich genau die Assoziation, die sich in der Epoche seiner Entstehung, dem Biedermeier, dem Betrachter aufgedrängt haben mag: Hammelkeule, im Französischen daher nur Gigot, im Englischen Leg O’Mutton genannt. Erstmals wurde die Ärmelform 1824 gesichtet, bis 1833 war sie total angesagt, um dann schlagartig wieder in der Versenkung zu verschwinden. In den 1890er-Jahren erlebte sie eine Renaissance, um nach 1906 wieder unmodisch zu werden. In den 50er-Jahren war sie ein Markenzeichen von Christóbel Balenciaga. Im Sommer 2016 holte sie J. W. Anderson aus den Tiefen der Archive hervor. Aktuell sind Gigot-Ärmel bei einer ganzen Reihe von Labeln zu finden: Saint Laurent (schwarzes Leder-Minikleid), DSquared2, Giambattista Valli oder Ann Demeulemeester.


Ballonärmel

„Pullover müssen jetzt Ballon-Ärmel haben“, jedenfalls wenn frau der Trend-Prognose von „Elle“ glauben möchte, „sozusagen Puffärmel in Übergröße. Schuppt man die Bündchen am Handgelenk ein wenig hoch, werden die Schultern durch den aufgebauschten Stoff besonders betont. Das erinnert an den Powerfrau-Look der 80er-Jahre, jedoch mit einem viel weicheren und modernen Schliff.“ Auf den Laufstegen war der meist ziemlich kurz und weit geschnittene Ballonärmel, der am unteren Saum mit einem Bündchen zusammengefasst wird, bei Gucci, Jil Sander oder Anna Sui zu sehen.

Unbedingt beachten: Die ballonförmigen Ärmel lassen den Oberkörper ziemlich breit wirken, daher die Beine am besten mit einem schmalen Kleidungsstück wie einem Pencil-Skirt oder einer Skinny Jeans optisch zurücknehmen.


Glockenärmel/Bell Sleeves/Trompeten­ärmel

Schlag oder Flared ist im Sommer nicht nur bei Hosen angesagt, sondern auch bei Blusen oder Kleidern, beispielsweise bei Fendi, See by Chloé, Elie Saab oder Roberto Cavalli. Eine Sonderform der Bell Sleeves sind übrigens die Flounce Sleeves, bei denen der glockenförmig ausgestellte Teil als Volant daherkommt. Und wenn die Volants durch Rüschen ersetzt sein sollten, kann frau getrost von Ruffle Sleeves sprechen.


Puffärmel

Diesen Sommer darf es auch bei den Puffärmeln wieder etwas mehr sein. Sprich die Schulterbauschung ist schon ziemlich ausgeprägt, im Unterschied zum Jahr 2015, als diese Ärmelform erstmals wieder auf den Catwalks gesichtet worden war. Die Blicke werden dadurch regelrecht auf den Oberkörper fixiert. Die schönsten Beispiele für Puffärmel, die vor allem Jacken, Kleider und Blusen zieren, konnten wir bei Kenzo, Erdem oder Emilio de la Morena entdecken.


Cinched Sleeves/Zusammengeraffte Ärmel

Während in Mailand vor allem die Keulenärmel für Furore gesorgt hatten, war auf der Pariser Fashion Week ein anderer Ärmel-Trend ganz besonders angesagt: „Cinched Sleeves“. Dabei handelt es sich gewissermaßen um eine Variante der derzeit angesagten überlangen Sleeves-Lösungen. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass durch die geschickte Raffung oder Bauschung des reichlich fließenden Stoffes ein Überschreiten des Handgelenks vermieden wird. Das Ergebnis ist ein etwas dramatisch wirkender Look, der aber auch sehr elegant sein kann, wie es auf den Laufstegen von Giambattista Valli, Ellery oder Oscar de la Renta zu bestaunen war.

Die Cinched Sleeves können übrigens durchaus als moderne Umsetzung der Virago Sleeves angesehen werden, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert eine der angesagtesten Ärmelformen waren. Damit nicht genug, hat frau auch noch die Wahl zwischen jeder Menge weiterer ausgefallener Ärmelformen. Beispielsweise dem Bischofsärmel, der ist voluminös und am Handgelenk fest geschnürt oder dem Fledermausärmel mit weitem Schnitt an den Händen.

Peter Lempert





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