„Fahr vorsichtig, Schweinebacke“
„Fahr vorsichtig, Schweinebacke“
14. Juli 2017

Seit eineinhalb Jahren sind „sprechende Müllautos“ in Deutschland unterwegs. Sie warnen mit Bruce Willis‘ deutscher Synchronstimme vor dem toten Winkel. Doch nun stellt sich die Frage: Ist das überhaupt erlaubt?

Ein Bruce Willis zögert nicht lange. Einfach mal machen. Fragen kann man immer noch stellen, wenn die Munition verschossen ist. Vielleicht war genau das der Gedanke, der ein neues Produkt auf den deutschen Markt katapultierte: einen blinkenden Lautsprecher, der an Müllfahrzeuge montiert wird. Beim Abbiegen warnt er Fußgänger und Radfahrer vor dem toten Winkel.

Doch das ist nicht alles: Statt einer lahmen Computerstimme kommt Bruce Willis zu Wort, genauer gesagt: seine deutsche Synchronstimme. „Vorsicht, das Fahrzeug biegt rechts ab“, raunt es aus dem Lautsprecher. „Bitte Abstand halten.“ Spätestens nach diesem Satz dürfte jeder Fahrradfahrer erschrocken zur Seite springen. Man weiß ja nie, ob Bruce nicht gleich die Knarre hervorholt. Was zunächst ziemlich lustig klingt, hat einen durchaus ernsten Hintergrund. Allein 2015 kamen in Deutschland 383 Fahrradfahrer bei Verkehrsunfällen ums Leben. Ein Szenario wiederholt sich besonders oft: Ein Lastwagen biegt rechts ab und übersieht dabei einen Radfahrer. Häufig ist der sogenannte tote Winkel dafür verantwortlich – jener Bereich rechts neben dem Fahrzeug, den der Fahrer von innen nicht einsehen kann. Nicht nur Lkw und Busse kämpfen mit diesem Problem. Auch sperrige Müllfahrzeuge sind betroffen.


Bruce Willis sollte nun Abhilfe schaffen. „Der Fahrer hat eben nur zwei Augen“, sagt Martin Schulz, Prokurist bei der Paul Wiegand GmbH. Die hessische Firma vertreibt Ersatzteile für Entsorgungsfahrzeuge in ganz Deutschland. So auch den blinkenden Lautsprecher, der von der britischen Firma Amber Valley produziert wird. „In England hat er mehrere Preise gewonnen“, sagt Schulz. „Er ist dort an nahezu jedem Lkw verbaut.“

Der Stückpreis
liegt bei 199 Euro

Die Sache mit Bruce Willis ist allerdings eine deutsche Besonderheit. „Das erregt mehr Aufmerksamkeit“, sagt Schulz. Billig sei der Synchronsprecher nicht gewesen: „Wir haben eine mittlere vierstellige Summe investiert.“ Doch der kleine Zusatz habe sich gelohnt. Laut Schulz hat die Paul Wiegand GmbH bereits mehrere Hundert Geräte in Deutschland verkauft. Der Stückpreis liegt bei 199 Euro.

Besonders stolz war die Stadt Hamm auf die neue Technik. Im Oktober 2016 lud der kommunale Abfallbetrieb die Presse auf den Recyclinghof ein, um zwei sprechende Müllautos zu präsentieren. Der Chef persönlich stellte sich vor die Kameras, um von dem „neuen akustischen und optischen Warnsignal“ zu schwärmen. Die Rechnung ging auf – zunächst. Für einige Tage erregte Hamm bundesweite Aufmerksamkeit. Der WDR berichtete noch am selben Tag über die sprechenden Müllautos, ebenso die Nachrichtenagentur dpa.

Keine offizielle Zulassung für
den Straßenverkehr

Doch dann die Kehrtwende: Nach nur einem Monat baute der Abfallbetrieb die Lautsprecher wieder ab, diesmal ohne Pressekonferenz. Auf Rückfrage schreibt der Pressesprecher der Stadt Hamm eine E-Mail. Der Einsatz der beiden Geräte sei aus Sicht der Kommune ein Erfolg gewesen. Dem Hersteller sei jedoch die „endgültige Betriebserlaubnis“ nicht erteilt worden. Von wem, bleibt zunächst unklar. Zu den Hintergründen wisse er nichts, sagt der Sprecher. Man müsse sich dazu an den Hersteller wenden. Ein Schaden sei der Kommune immerhin nicht entstanden: Die Paul Wiegand GmbH habe die beiden Geräte zurückgenommen und die Kosten erstattet.

Hat die Stadt Hamm also Technik angeschafft, die für den Straßenverkehr gar nicht zugelassen ist? Oder hat es der deutsche Vertriebspartner schlicht versäumt, diese unangenehme Tatsache zu erwähnen? Prokurist Martin Schulz sagt dazu, es gebe in Deutschland eine „wahnsinnig komplizierte Rechtslage“. Bis heute wisse er nicht genau, ob der blinkende Lautsprecher nun erlaubt sei oder nicht. „Manche Tüv-Stellen sagen ja, andere nein. Und wenn ich da anrufe, ruft nie jemand zurück.“ Das alles sei sehr frustrierend.


Interessanterweise scheint es in anderen Regionen keine Beanstandungen zu geben. So hat das Entsorgungsunternehmen Suez GmbH im Enzkreis in Baden-Württemberg bereits acht sprechende Müllfahrzeuge im Einsatz. Schwierigkeiten bei der Zulassung? „Höre ich zum ersten Mal“, sagt Teamleiter Gerd Schwedes. „Wir waren damit auch schon beim Tüv – alles kein Problem.“ Die Geräte sorgten für mehr Sicherheit und schindeten bei Fahrradfahrern und Fußgängern gleichermaßen Eindruck. Langfristig wolle das Unternehmen seine gesamte Flotte mit den markanten Lautsprechern ausstatten.

Rechtlich könnte das allerdings schwierig werden. Auf Rückfrage bestätigt der Tüv Hessen, „dass für das Gerät derzeit keine attestierte Verwendbarkeit im Bereich der StVZO (Straßenverkehrszulassungsordnung) vorliegt.“ Mit anderen Worten: Es zu verwenden, ist illegal. Auch nach EG-Richtlinien sei das Gerät nicht zulässig – „auch wenn es vielleicht sinnvoll erscheint“. Der Tüv Süd, der angeblich die Genehmigung in Baden-Württemberg erteilt hat, sieht das ähnlich: Es dürften nur Signaleinrichtungen verbaut werden, die ausdrücklich als Schallzeichen in der StVZO (Paragraf 55) zugelassen sind. Genau das ist bei Bruce Willis aber nicht der Fall. Und auch das Kraftfahrtbundesamt erklärt, dass solche Systeme „nach anwendbaren Vorschriften“ nicht genehmigungsfähig sind.


Bleibt die Frage, warum eine offenkundig sinnvolle Erfindung in Deutschland nicht erlaubt ist. Welf Stankowitz vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) hat eine Erklärung parat: „Die Idee ist natürlich gut, aber was würde passieren, wenn es gar keine Regelungen mehr gibt? Irgendwann bellt eine Hupe. Oder sie miaut. Und ein Porsche fährt durch die Straße und ruft: ,Macht Platz für mich, ich bin ein Porsche.‘“

Ähnliche Diskussionen gebe es seit Langem im Bereich der Elektromobilität. Da E-Autos sehr leise unterwegs sind, sollen sie beim Langsamfahren ebenfalls Warngeräusche von sich geben. „Diese müssen jedoch einheitlich und genau definiert sein“, sagt Stankowitz. „Sonst herrscht Chaos.“

Zumindest in einem Punkt sind sich nun alle Beteiligten einig. Damit Bruce Willis weiterhin sprechen darf, braucht es eine Ausnahmegenehmigung. „Wir werden uns beim Bundesverkehrsministerium dafür einsetzen“, sagt Prokurist Martin Schulz. Das Entsorgungsunternehmen Suez will den gleichen Weg beschreiten. „Alles andere wäre ja auch absurd“, meint der Pressesprecher. „Zum Glück haben wir einen guten Draht zu Dobrindt.“


Steve Przybilla

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