Fahrrad fürs Handgepäck
Fahrrad fürs Handgepäck
28. Juli 2017

Gerade neu auf dem Markt soll das Hummingbird der neue Star unter den Falträdern werden. Die Chancen für das ultraleichte Hightech-Produkt stehen gut, denn Falträder erfreuen sich wachsender Beliebtheit.

Niemand hat dem zehnjährigen Petre Craciun beigebracht wie man Fahrrad fährt. Trotzdem stand in seinem Kinderzimmer ein metallic-grünes Rad. Die Reifen waren platt, es stand auf dem Kopf neben seinem Bett. Petre drehte verträumt an der Tretkurbel und war fasziniert von dem was er sah: Pedalarm, Kettenblatt, Kettenteile, die nahtlos ineinandergriffen und das Hinterrad in Drehung versetzten. Da Petre damals auch nicht wusste, dass man platte Reifen reparieren kann, blieb das grüne Wunderding lange fahruntüchtig. Trotzdem war diese magische Begegnung mit dem kaputten Drahtesel der Beginn einer wunderschönen Freundschaft, die Petre Craciun wohl sein ganzes Leben lang begleiten wird. Sein erstes gut funktionierendes Rad war später ein Produkt der deutschen Marke Kalkhoff. Der junge Petre wollte nie wieder ohne Fahrrad sein und brachte sich nicht nur bei wie man platte Reifen flickt, defekte Umwerfer austauscht oder Zahnkränze wechselt. Begierig sog er alles auf, was es über Fahrräder zu wissen gibt. Petre wuchs in Bukarest auf und Ersatzteile waren schwer zu bekommen. Ging was kaputt an seinem Gefährt, suchte er oft tagelang in der ganzen Stadt nach Ersatzteilen. Das lehrte ihn Ausdauer. Während seines Produktdesign-Studiums im englischen Bournemouth verkaufte er dann Fahrräder, die er nach Kundenwünschen individuell konfigurierte und selbst zusammenbaute. Jedes Rad ein Unikat. Als er 2012 für seine damalige Freundin ein Faltrad kaufen wollte, merkte er, dass es nicht wirklich Falträder auf dem Markt gab, die seinen technischen Ansprüchen genügten und obendrein leicht genug waren, damit auch weniger starke Radler ihr Faltrad mühelos in die Wohnung im fünften Stock tragen konnten.

Craciuns Faltrad wiegt nur 6,9 Kilogramm

Das war die Geburtsstunde des Hummingbirds, dem leichtesten Faltrad der Welt. Craciun arbeitete fünf Jahre an seiner Idee, entwickelte und verwarf ein halbes Dutzend Prototypen.

Heraus kam ein 6,9 Kilo schweres faltbares Carbonrad – etwa drei Kilo leichter als das leichteste Konkurrenzprodukt und so leicht, dass man es mühelos mit einem Finger auf Brusthöhe heben kann.

Hinter dem Hummingbird steckten nicht nur das Know-how und die Ausdauer eines wahren Fahrrad-Enthusiasten, sondern auch eine durchdachte Geschäftsidee. Der 26-jährige Petre Craciun lebt heute in London und dort ist das Faltrad Teil des urbanen Mobilitätskonzepts und gehört schon lange zum Straßenbild. Geschätzte 200.000 Falträder soll es in der britischen Hauptstadt geben und geht man zu Spitzenzeiten des Berufsverkehrs durch die Stadt, scheint diese Zahl eine konservative Schätzung. Überall britische Gentlemen und Ladys auf Falträdern, fast immer mit Fahrradhelm und Signalweste, manchmal sogar im Nadelstreifenanzug kombiniert mit klassischen schwarzen Oxfordhalbschuhen.

Auf Londons Straßen dominiert noch das klassische britische Brompton-Faltrad die Szene. Das Brompton wurde 1975 von Andrew Ritchie in seiner Wohnung im Londoner Stadtteil South Kensington entworfen. Bis heute wird es in London hergestellt. Mit 45.000 Rädern im Jahr ist Brompton der größte Fahrradproduzent Großbritanniens.

Petre Craciun sieht für sein Hummingbird nicht nur den jungen urbanen Hipster mit verfügbarem Einkommen als Kunden, der dem Fixie-Alter – „Fixies“ sind Eingangräder ohne Freilauf, bei denen oft auf Bremsen verzichtet wird, man bremst durch Gegendruck auf die Pedale – entwachsen ist und der sich statt einer deutschen Luxuskarosse auf vier Rädern, lieber ein teures, hochwertiges Fahrrad als Statussymbol zulegen will. Auch den traditionellen Brompton-Kunden hat der Hummingbird-Erfinder im Auge. Die technisch vielleicht wichtigsten Unterschiede zum Brompton sind neben dem geringeren Gewicht, der extrem zugfeste Carbonrahmen und die 16-Zoll-Hochdruckreifen. Auch Faltradhersteller wie die kalifornische Marke Dahon oder der taiwanesische Hersteller Tern, die von Anfang an auf das Faltradkonzept gesetzt haben, zählen zu den Konkurrenten des faltbaren Carbonrads.

Für sein Hightechprodukt sieht Petre auch in Städten wie Berlin einen Markt. In der deutschen Hauptstadt müssen seit einigen Jahren die Falträder in der Bahn nicht mehr mit einer Tasche verpackt werden, sondern zählen gefaltet, aber ohne Hülle, als Gepäckstück, sodass kein Fahrradticket gelöst werden muss. Und auch unter Berlins Radfreaks gilt: Je mehr edle Teile im Rad verbaut sind und je ausgeflippter es daherkommt, desto mehr ist es ein Hingucker. Wenn Petre in London mit seinem Hummingbird durch die Straßen fährt, wird er von wildfremden Menschen angehalten und zu seinem schicken Rad befragt. Beim Hochheben des kleinen Flitzers kommt es dann regelmäßig zum Wow-Effekt. Das Faltrad ist in Farben wie blau, orange oder kanariengelb zu haben. Mittels eines Schwingarms ist das Rad in Sekundenschnelle auf die Maße 85x55x20 Zentimeter gefaltet und auch dann mit seinen auffälligen Farben und seinen wunderschönen Kurven kaum zu übersehen.

Noch ist das Hummingbird sehr teuer

Petre hofft, dass sein Hummingbird langfristig zum Stadtbild aller fahrradfreundlichen Großstädte gehört und davon gibt es immer mehr. Auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) steht dem Faltrad-Konzept positiv gegenüber. „Das Faltrad wird für all jene, die ihr Rad nicht sicher am Bahnhof abstellen können oder denen ein öffentliches Leihrad nicht zur Verfügung steht, ein wichtiger Baustein in der Mobilitätskette werden“, meint Philipp Poll, der Landesgeschäftsführer des ADFC Berlin.

Für unseren Arbeitsweg kombinieren wir immer öfter verschiedene Verkehrsmittel miteinander. Umsteigen kostet Zeit. Weil seine Nutzung oft ein Umsteigen erspart und zudem der Fußweg von und zum öffentlichen Verkehrsmittel schneller mit dem Rad bewältigt ist, kann das Faltrad viel Zeit sparen.

Das Hummingbird ist vor wenigen Tagen in den allgemeinen Verkauf gegangen. Noch liegt der Grundpreis bei sehr stolzen 3.495 Pfund, umgerechnet 4.070 Euro. Aber wenn das Hummingbird unter Faltrad-Enthusiasten weltweit in Zukunft so viel aufmerksam erregt wie schon heute auf Londons Straßen, sollte es trotzdem mit Leichtigkeit zum Erfolg werden.

Stephan Müller

Weitere Infos:
www.hummingbirdbike.com
www.ternbicycles.com/de
www.dahon.eu/de/
www.brompton.de/

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