Versenkt und vergessen
Versenkt und vergessen
10. März 2017

Geocities, Napster, ICQ oder Altavista waren einst extrem populäre Onlinedienste, ohne die kaum einer auskam. Doch was ist aus den Größen der digitalen Frühzeit geworden?

Sie waren die Überflieger im Netz oder als Standardprogramm auf jedem Rechner installiert. Mittlerweile sind sie bedeutungslos oder redundant. Viele Online-Dienste, aber auch Programme aus den Frühjahren des Internets sind mittlerweile Geschichte. Eine Erinnerungsrunde:

Netscape Navigator

Lange vor Firefox, Chrome & Co war Netscape der Standardbrowser schlechthin. „Mitte der 1990er-Jahre hatte Netscape einen Marktanteil von 80 Prozent“, erklärt der Bremer Historiker Daniel Crueger, der die digitale Geschichte und ihr kulturelles Erbe erforscht. Doch: „1995 begann mit der Markteinführung des Microsoft Internet Explorers der sogenannte erste Browserkrieg, für den Microsoft erhebliche finanzielle und personelle Ressourcen sowie die Marktmacht seines Betriebssystems Windows mobilisierte“, erklärt der Experte. Netscape konnte diesen ungleichen Kampf nicht gewinnen: „2003 war der Marktanteil von Netscape auf weniger als vier Prozent gesunken, der Internet Explorer hatte mehr als 95 Prozent erreicht.“ Von AOL zwischenzeitlich übernommen, wurde der Browser 2007 eingestellt.

Realplayer

Der Realplayer und das gleichnamige Format war für alle Systeme verfügbar und brachte Mitte der 1990er-Jahre zwei Vorteile: „Es erlaubte eine hohe Komprimierung der Daten, die in den Anfangszeiten des Internets mit seinen geringen Bandbreiten wichtig war, und es war für Video- und Audio-Live-Streams geeigneter als konkurrierende Formate wie Quicktime und MPEG“, erklärt Stephan Dörner vom Digitalmagazin „t3n“. Letztlich verdrängte das Flash-Format den Player. „Das Flash-Format setzte sich als Quasi-Standard für alle Multimedia-Formate im Web durch – inklusive Video.“ Der Realplayer existiert heute immer noch in einer aktuellen Variante.

Altavista

Die Suchmaschine ging 1995 online und war jahrelang Marktführer. „Altavista hat seine Suchergebnisse vor allem aus den so genannten Meta-Daten einer Website erstellt, das heißt etwa auf Grundlage von Seitentiteln oder vom Autor vergebener Stichwörter“, erklärt Timm Lutter vom IT-Verband Bitkom. Dann kam 1998 Google und machte es „besser“, indem der Gesamttext einer Seite analysiert wurde. Für Altavista ging es stetig bergab, bis der letzte Besitzer Yahoo die Suchmaschine nach mehreren Verkäufen 2013 abstellte.

StudiVZ

Ursprünglich als Studenten-Netzwerk konzipiert und dann ausgeweitet, war StudiVZ zur richtigen Zeit am richtigen Ort: „Als der Dienst 2005 ans Netz ging, war die Epoche von Social Media soeben angebrochen, deutschsprachige Angebote fehlten aber noch weitgehend“, sagt Crueger. StudiVZ war für eine ganze Generation der Social-Media-Erstkontakt, und zu ihrer Hochzeit hatte die VZ-Gruppe rund 16 Millionen aktive Nutzer. „Dass nach dem Hype dann der tiefe Fall kam, hat seine Gründe wohl nicht zuletzt in der inhaltlich starken und finanzkräftigen Konkurrenz durch Facebook“, erklärt Crueger.

„Während Facebook optisch und technisch davonzog, herrschte bei StudiVZ auf Software-Seite in einer kritischen Phase Stagnation“, sagt Dörner. Die wachsende Nutzerzahl und Internationalität von Facebook führte dann zur Verwaisung zahlloser StudiVZ-Accounts – die Plattform ist aber noch online.

ICQ

Der Messenger ging 1996 an den Start und blieb in seiner Hochzeit mehr als 470 Millionen Nutzern weltweit mit seinem einprägsamen „Uh-oh“ beim Eingang neuer Chat-Nachrichten in den Ohren hängen. ICQ verpasste aber die aufkeimende Smartphone-Revolution und ist erst seit 2010 mobil nutzbar. Zusätzliche Konkurrenz kam mit diversen Social-Media-Angeboten. Aber der Dienst ist nicht ganz in der Versenkung verschwunden: „ICQ illustriert sehr gut, dass im World Wide Web parallel verschiedene Nutzungskulturen bestehen, die sich geografisch oder sprachlich voneinander abgrenzen lassen“, erklärt Crueger. Zwar sei ICQ aus unserer Wahrnehmung verschwunden, in Russland aber stark geblieben und „sogar enorm prägend für die dortige Webkultur“.

Napster

Machte ab 1999 das Musik-Filesharing völlig ungeachtet der Rechtslage zu einem weltumspannenden Phänomen und etablierte das Audio-Format MP3. „Kostenlose Musikdateien nach Wunsch, mit diesem Angebot wurde Napster zwischenzeitlich zur am schnellsten wachsenden Web-Community“, erzählt Crueger. Kurz vor seinem Ende im Februar 2001 hatte der Dienst weltweit 80 Millionen Nutzer. „Doch Napster kostete die Musikindustrie immensen Umsatz, weshalb diese sich juristisch nach Kräften gegen den Dienst wehrte“ – am Ende erfolgreich. Nach der Insolvenz wurde der Markenname mehrfach weiterverkauft und wird heute von einem kostenpflichtigen Musik-Streamingdienst geführt.

Second Life

„Second Life war eine revolutionäre Idee, ein soziales Netzwerk in eine virtuelle Welt zu verlagern“, sagt Lutter. Als 3D-Avatare bewegen sich die Nutzer durch virtuelle Welten. Das Angebot des US-Unternehmens Linden Lab ging 2003 online. Doch nach einem anfänglichen Hype war es schnell still um Second Life geworden. „Wahrscheinlich kam die Idee aber zu früh, die verbreitete Technologie wie Internetbandbreite und Grafik war noch nicht weit genug fortgeschritten, damit das Second Life dauerhaft für viele Menschen attraktiv gewesen wäre“, glaubt der Experte. Zwar ist das Netzwerk noch online, Nutzerzahlen liegen aber nicht vor.

Geocities

„Geocities hat Privatnutzern kostenlos Speicherplatz für eigene Homepages zur Verfügung gestellt, als es nur sehr wenige andere kostenlose oder für Privatleute nutz- und bezahlbare Angebote dieser Art gab“, sagt Lutter. Eine eigene Seite im Netz wurde mit dem Start des Angebotes 1994 auf einmal erschwinglich. Zwischenzeitlich von Yahoo übernommen, wurde der Dienst 2009 eingestellt. Grund war vor allem die wachsende Konkurrenz. Denn plötzlich gab es unzählige Möglichkeiten, im Netz präsent zu sein, erklärt der Experte. „Letztlich fehlten bei Geocities Innovationen, um die Nutzer zu halten, und eine Strategie, wie sich mit dem Dienst ausreichend Geld verdienen lässt.“

Winamp

Der kostenlose, schlanke Musik- und Video-Player etablierte sich nach Erscheinen im Jahr 1997 rasch als Quasi-Standard. AOL wollte von dem Erfolg profitieren und kaufte das Unternehmen 1999. Neuere, immer überfrachtetere Winamp-Versionen brachten aber immer mehr Beschwerden – bis hin zur massenhaften Abwanderung der Nutzer. „Winamp wurde im Wesentlichen von zwei Software-Lösungen abgelöst: iTunes und VLC-Player“, sagt Stephan Dörner. Ursprünglich sollte Winamp 2013 eingestellt werden, wurde jedoch nochmals verkauft. Auf neue Versionen wartet man aber bisher vergeblich.

Thomas Schörner





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