… Eddy Merckx?
… Eddy Merckx?
14. Juli 2017

Der Belgier gilt mit je fünf Siegen der Tour de France und des Giro d’Italia, drei Straßen-Weltmeistertiteln und vielen Rekorden als größter Fahrer der Radsportgeschichte. Heute berät der 72-Jährige sein verkauftes Fahrrad-Unter­nehmen, ist als Kommentator tätig, veran­staltet Rad­rennen und sitzt jedes Jahr noch 7.000 Kilometer im Sattel.

Insgesamt 525 Siege auf der Straße, darunter 445 als Profi, 98 Bahn-Triumphe und sogar zwei Erfolge bei Querfeldein-Rennen zwischen 1968 und 1975 sind eine phänomenale Bilanz, die Eddy Merckx zu einer Rad-Ikone gemacht haben. Der dreifache Weltsportler des Jahres dominierte große Rundfahrten, Eintages-Klassiker und Sechstages-Rennen, zeigte in Bergetappen, Zeitfahren und Sprints seine Vielseitigkeit und wurde wegen seines unbedingten Siegeswillens von Konkurrenten als siegeshungriger „Kannibale“ zu einer Legende. Es konnte seinem Ansehen sogar nicht schaden, dass er in den 70er-Jahren zweimal positiv auf Doping getestet wurde.

In seiner belgischen Heimat wird Eddy Merckx bis heute als Held verehrt: 1996 wurde der „Sportler des Jahrhunderts“, vom König sogar zum Baron geadelt und 2003 eine Metro-Station in Brüssel nach ihm benannt. Seit 2010 ziert sein Konterfei eine Briefmarke, und inzwischen ist sogar ein Brettspiel nach ihm benannt. Trotzdem sagt er heute über sich: „Ich bin auf diesem Planeten geboren, ich bin kein Außerirdischer. Also muss es sicher mal wieder einen geben, der so viel Ehrgeiz und Disziplin hat wie ich einst.“ Und von diesen Fähigkeiten hat er noch eine ganze Menge in die Gegenwart gerettet: Er fährt noch jedes Jahr über 7.000 Kilometer mit dem Rad und geht beim „Eddy Merckx Classic Radmarathon“, der am 10. September in Fuschl am See schon zum elften Mal stattfindet, auch diesmal wieder an den Start, um sich mit vielen ehemaligen Weltmeistern wie Felice Gimondi, Joop Zoetemelk oder Francesco Moser zu messen. Bis heute ist sich Merckx für keine Quälerei zu schade, ist sogar schon mal mit seinem Freund und Geschäftspartner Wolfgang Renner mit dem Rad quer durch Tibet gefahren und hat sich auch in 4.500 Metern Höhe pudelwohl gefühlt.

Blutüberströmt bis ins ziel

Merckx gibt aber zu, dass ihn inzwischen beim Radfahren doch das eine oder andere Zipperlein plagt: „Wenn dir in meinem Alter morgens nichts wehtut, dann bist du tot.“ Obwohl ihn seit 2014 infolge eines Sturzes hartnäckige Knieprobleme plagen, ist es für Merckx unvorstellbar, mit dem Radfahren ganz aufhören. Im Sommer nimmt er es alljährlich sogar wieder mit dem provenzalischen Berg-Giganten Mont Ventoux und seinem 21 Kilometer langen Anstieg auf. Schon zu aktiver Zeit war er es ja gewohnt, Leiden zu ignorieren, um seine sportlichen Ziele mit oft brutaler Energie und ohne allzu viel taktisches Kalkül zu erreichen. 1968 fuhr er beispielsweise den Giro d’Italia mit einer lebensbedrohlichen Herzerkrankung zu Ende und 1975 ließ er sich durch einen schweren Sturz in den Pyrenäen nicht davon abhalten, 225 Kilometer blutüberströmt bis ins Ziel weiterzufahren: Dort wurde dann ein doppelter Kieferbruch diagnostiziert. Vielleicht liegt es ja auch an solch schonungslosen Einsätzen, dass sein Herz ihm heute gelegentlich Probleme bereitet. Vor fünf Jahren musste ihm ein Herzschrittmacher eingesetzt werden. Dass auch große Sportler nicht ewig leben, musste er schmerzlich erfahren, als im Vorjahr sein langjähriger Sechstage-Partner Rudi Alltig unerwartet verstorben ist. Bis zuletzt hatten beide regelmäßig in Kontakt gestanden.

er ist bescheiden geblieben 

Merckx hatte in seiner von 1965 bis 1978 dauernden Karriere insgesamt dreimal Dopingprobleme. Unter bis heute ungeklärten Umständen war er 1969 beim Giro d’Italia wegen der angeblichen Einnahme eines Aufputschmittels suspendiert worden. Zwei weitere Male wurde er 1972 und 1977 bei zwei Eintagesrennen positiv getestet, wobei die nachgewiesenen Stimulanzien längst nicht die leistungssteigernde Wirkung hatten wie die bekannten heutigen „Hilfsmittel“. Zu Dopingfragen hüllt sich Merckx bis heute weitgehend in Schweigen, gab jedoch zu, längere Zeit mit Cortison-Präparaten behandelt worden zu sein, die erst ab 1980 verboten wurden. Trotz seiner großen Erfolge ist Eddy Merckx ein bescheidener, volksnaher Mensch geblieben, der viel Wert auf sein Familienleben legt. Mit seiner Frau Claudine ist er seit 50 Jahren verheiratet und hat mit ihr zwei Kinder: Tochter Sabrina und Sohn Axel, der von 1993 bis 2007 Rad-Profi war und 2004 die olympische Bronzemedaille gewann. Auf dessen Karriere ist Merckx genauso stolz wie auf seine inzwischen fünf Enkelkinder. Seinen 70. Geburtstag vor zwei Jahren hätte er am liebsten ohne großen Rummel gefeiert: „Eine Runde Rad mit Freunden und eine Flasche Wein, das würde mir reichen.“ Natürlich kam das belgische Rad-Idol so „glimpflich“ nicht davon und musste sich bei einigen offiziellen Anlässen zahlreichen Gratulanten stellen. Zur Feier des Tages brachte das von Merckx gegründete, inzwischen an seine Nachfolger weiterverkaufte Fahrradunternehmen die handgefertigte Rennmaschine „Eddy 70“ auf den Markt, die für 17.500 Euro pro Stück zu erstehen ist.


Peter Schmidt

 

 

Zur Person:
Edouard „Eddy“ Merckx, geboren am 17. Juni 1945 in Meensel-Kiezegem/Belgien, kam schon mit 18 ins belgische Rad-Nationalteam. 1964 wurde er jüngster Amateur-Weltmeister und wechselte zu den Profis. 1966 siegte er beim Klassiker Mailand San Remo und wurde 1967 Straßen-Weltmeister. Die „Ära Merckx“ (1968–75) bescherte ihm 1969 den ersten Tour-de-France-Sieg. Insgesamt gewann er 34 Etappen und trug 111 Tage das Gelbe Trikot. Auch beim Giro d’Italia war er fünfmal siegreich, ebenso bei zahlreichen anderen Klassikern. Dreimal war er Straßen-Weltmeister, ab 1972 hielt er 30 Jahre lang den Stundenweltrekord. Dreimal war er Weltsportler des Jahres (1969, 1971 und 1974), zweimal Europasportler des Jahres und wurde zum besten Radrennfahrer des 20. Jahrhunderts gewählt. 1996 wurde er vom belgischen König als Baron in den Adelsstand erhoben. Bis vor wenigen Jahren betrieb er ein Rennrad-Unternehmen. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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