… Heide Rosendahl?
… Heide Rosendahl?
28. Juli 2017

Ihre olympischen Erfolge machten sie 1972 zur belieb­testen deutschen Leichtathletin. Nach der Karriere leitete die Diplom Sportlehrerin ein ernährungswissenschaftliches Unternehmen und betrieb mehrere Sportstudios. Heute engagiert sich die 70-Jährige ehrenamtlich.

Wenn ich an die Olympischen Spiele in Rio denke: Die Ergebnisse habe ich mir angeschaut, aber es kribbelte nicht mehr so“, macht Heide Rosendahl heute ihre Distanz zur aktuellen Leichtathletik deutlich. Durch die vielen Doping-Skandale hätte ihre Sportart für sie ziemlich an Faszination verloren: „Ich würde heute keine Leistungssportlerin mehr sein wollen.“ Sie findet es richtig, dass die russische Mannschaft in Rio weitgehend ausgeschlossen wurde. Dass einige Russen dennoch starten durften, hält sie für inkonsequent und falsch. Aber Doping sei seit Langem ein weltweites Problem und es falle ihr schwer, hier an einen schnellen Mentalitätswandel zu glauben: „Sowas dauert ein Jahrzehnt, wenn nicht zwei“, setzt sie ihre Hoffnung darauf, dass die nächste Sportlergeneration sich nicht durch Betrügereien selbst den Ast abschneidet, auf dem sie sitzt. Rosendahl, zweifache Goldmedaillengewinnerin von München, findet es auch schade, dass die erneute Austragung Olympischer Spiele in Deutschland an Widerständen in der Bevölkerung scheitert. Sie selbst hatte sich für die Bewerbung von Düsseldorf 2012 engagiert, obwohl sie um die damit verbundenen Probleme weiß: „Wer sich sowas antun will, hat einiges vor der Brust.“ Dennoch gibt sie ihre Hoffnung auf „Heim-Spiele“ nicht auf: „Wenn der Sportler und die Wettkämpfe wieder im Vordergrund stehen, ist auch Deutschland schnell bereit für Olympia.“ Zudem plädiert Rosendahl für eine Beschränkung von Sportarten und Disziplinen. „Es gibt zu viele Olympiasieger, die kennt man ja gar nicht mehr.“ Allein in der aufgeblähten Leichtathletik könne man getrost 20 der 46 Disziplinen streichen. Interessant fände sie es, wenn die Frauen statt des Siebenkampfes künftig einen Zehnkampf austragen würden: „Ich hätte gerne Zehnkampf gemacht. Ich denke, Frauen können das.“

Mehr Ruhe und gelassenheit

Rosendahl, die schon als Siebenjährige mit 3,71 Metern einen Altersrekord sprang und ein knappes Jahrzehnt lang in der Weltspitze Leistungssport betrieb, hält sich heute sportlich ziemlich zurück. Weil es ihr zu gefährlich geworden sei, springe sie heute nicht mehr, renne nicht mehr schnell und schon gar nicht mehr über Hürden. „Ein bis zweimal pro Woche bewege ich mich etwas auf dem Stepper, laufe ein bisschen, fahre ein wenig Rad und mache Kräftigungsübungen für Rücken und Bauch“, umschreibt sie ihr Fitness-Pensum. Kürzlich ist sie schwer mit dem Rad gestürzt, sodass sie vorerst nicht mehr so gern in den Sattel steigt. Sie müsse sich nun etwas mehr Gelassenheit und Ruhe in sportlicher Hinsicht auferlegen: „Ich mache mir schon meine Gedanken darüber, dass ich jetzt nicht mehr alles so schnell erledigen kann.“ Deshalb habe sich auch ihre frühere Liebe zum alpinen Skifahren deutlich abgekühlt. „Wenn ich so langsam fahren muss, dass ich daran keinen Spaß mehr habe, höre ich damit endgültig auf.“

Ihr ging es immer nur um den sport

Dass sie im Februar 70 Jahre alt geworden ist, macht Rosendahl keine Probleme: „Als Kind hatte ich Menschen um mich, die 60, 70, 80 Jahre alt waren. So furchtbar alt, wie ich diese Menschen früher empfunden hatte, fühle ich mich noch nicht. Sicherlich liegt das auch daran, dass ich bisher wenig mit Krankheiten zu tun hatte. Mir geht‘s wirklich gut“, gibt sie sich derzeit sehr zufrieden mit ihrer körperlichen Verfassung. Ihren recht frühen Abschied vom Leistungssport mit 25 Jahren bedauert Heide Rosendahl im Rückblick nicht, da sie damals gerne auch eine Familie gründen wollte: „Ich habe mir nicht zugetraut, Familie und Leistungssport unter einen Hut zu bekommen“, gesteht die Sportlerin, die 2008 für ihre Erfolge mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet und 2011 in die „Hall of Fame“ des deutschen Sports aufgenommen worden ist. Das heutige Sportgeschehen sieht Rosendahl insgesamt eher kritisch. Zudem bedauert sie, dass es inzwischen in der öffentlichen Wahrnehmung keine Gleichgewichtung der Sportarten mehr gibt: „Heute gibt es bei uns zu 95 Prozent nur Fußball, ein bisschen Wintersport, das war’s!“ Auch fehle es „an der wahren, ehrlichen Begeisterung für den Sport, die in den letzten Jahren durch viele negative Dinge sehr gelitten hat“. Das Geld stehe jetzt zu sehr im Vordergrund, ihr sei es damals einzig und allein um den Sport gegangen. Für ihre beiden Olympiasiege habe sie lediglich kleine Sachwerte wie Bügeleisen und Eierkocher bekommen, dazu noch monatlich einen Ernährungszuschuss der Sporthilfe über 250 Mark. Hat sie noch besondere Wünsche für den Lebensabend? „Ich bin ein Mensch, der gerne viel Zeit mit der Familie verbringt. Und dann wünsche ich mir eine Reise mit meinem Mann nach Spitzbergen. Ich wollte schon immer mal an den Polarkreis. Die Eisberge, die Faszination der völlig anders gearteten Natur reizen mich extrem.“


Peter Schmidt

 

 

Zur Person:
Heide Ecker-Rosendahl, geboren am 14. Februar 1947 in Hückes­wagen, wurde mit 16 deutsche Jugendmeisterin im Weitsprung und Fünfkampf. 1966 wurde sie Vize-Europameisterin im Fünfkampf und erzielte in dieser Disziplin 1969 einen Weltrekord. 1970 wurde sie mit der Weltrekordweite von 6,84 Meter im Weitsprung Studenten-Weltmeisterin und Europacup-Siegerin. 1971 gewann sie die Fünfkampf-EM und holte bei den Olympischen Spielen 1972 Gold im Weitsprung und mit der 4-mal-100-Meter-Staffel, dazu Silber im Fünfkampf. 1973 beendete sie ihre Karriere und arbeitete als Trainerin und Hochschuldozentin. Aus der Ehe (seit 1974) mit dem Basketballer John Ecker hat sie die Söhne David (1975) und Danny (1977). Von 1997 bis 2001 gehörte sie dem Präsidium des Deutschen Leichtathletik-Verbandes an. Bis 2011 war sie Geschäftsführerin eines Unternehmens für Ernährungswissenschaften und betrieb mehrere Sportstudios.

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