…Adelheid Arndt?
…Adelheid Arndt?
16. Juni 2017

16 Jahre lang verkörperte sie in einer ZDF-Kindersendung als Hauptdarstellerin die Trödelladen-Besitzerin „Frau Siebenstein“ und bekam für eine ihrer Kinorollen den Deutschen Filmpreis in Gold. Heute arbeitet sie hauptberuflich als Projektleiterin in einem inklusiven Pilotprojekt für Schwerbehinderte in Zürich.

Zuletzt stand Adelheid Arndt 2007 in einem „Tatort“ vor der Fernsehkamera. Nachdem sie 2003 aus ihrer Rolle in der Kinderserie „Siebenstein“ ausgestiegen war, wurde es ruhig um die Heidelberger Schauspielerin. „Ich hatte da weniger gute Angebote und andere Interessen. Ohnehin habe ich immer lieber Film oder Theater gemacht als Fernsehen“, begründet Arndt ihren damaligen Rückzug. Ihre größte Freude seien ihre Kinofilme gewesen, vor allem die Hauptrollen in „Chinese Boxes“, „Der Mädchenkrieg“, „1+1=3“ oder „Praxis der Liebe“. Aber auch mit einem Großteil der „Siebenstein“-Folgen ist sie rückblickend zufrieden. „Die Rolle der Frau Siebenstein habe ich mitentwickelt und 16 Jahre lang gespielt. Ursprünglich war das eine stinklangweilige Latzhosenfrau.“ Dann aber sei die Sendung zusehends verflacht und die Rolle für sie uninteressanter geworden: „Ich war immer eine unbequeme Schauspielerin, weil ich mitgeredet habe und mitgestalten wollte. Nur dadurch ist ‚Siebenstein‘ zur Kultsendung geworden!“ Im Gegensatz zum Fernsehen sei Filmemachen ein deutlich kreativerer Prozess, in den sie sich mehr einbringen konnte. Wenn heute noch mal Angebote kämen, dann müssten sie ihr die Chance bieten, entweder mit jungen Leuten zu arbeiten oder Rollen zu spielen, „wo Menschen in Würde alt sein und alt spielen dürfen. Und die sehe ich kaum.“ Eine Zeit lang hat Adelheid Arndt noch in Zürich und Wien am Theater gearbeitet und sogar mal eine eigene Schauspielgruppe, das „Ensemble Penthesilea“, gegründet. Heute steht sie kaum noch auf der Bühne: Letzte Produktionen waren „Ödipus“ von Sophokles und „Parzival“. „Alles freie Produktionen, die an verschiedenen Spielorten in der Schweiz aufgeführt wurden.“

Sie gründete eigene Schauspielgruppe

Ihre langjährige Arbeit mit und für behinderte Menschen hat dann zur Gründung des Vereins JAG Suisse und dessen Nachfolger „Leben wie du und ich“ (ab 2012) geführt. Dieses Engagement hat sie 2009 zu einem Beruf gemacht, für den sie auch normal bezahlt werde. „Seit 2011 baue ich als Projektleiterin ein Pionier-Projekt für schwerbehinderte Menschen in der Schweiz auf. Mitten in Zürich, im sogenannten Kulturpark, leben Schwerbehinderte mit Assistenz in eigenen Wohnungen und stellen als Arbeitgeber selber Menschen ein, die ihnen im Alltag bei Tätigkeiten helfen, die sie selbst nicht ausführen können“, beschreibt Arndt ihre Vision eines selbstbestimmten Lebens.

Ein wichtiger Teil ihres Projektes ist ein künstlerisches Arbeitsatelier, wo professionelle Künstler mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten. „Das ist in der Schweiz noch ganz neu, und überhaupt sind wir ja in allen Ländern von der realen Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung noch weit entfernt“, betont Arndt. Ihre Arbeit, bei der ihr zwei jüngere Mitarbeiterinnen helfen, ist für Adelheid Arndt ein erfüllender Vollzeitjob, sodass sie die Schauspielerei nicht vermisst. Von der Öffentlichkeit und der Politik wünscht sie sich „Einsicht vor allem dahin gehend, dass wir endlich anerkennen, dass unsere behinderten Mitmenschen eine Bereicherung für uns sind. Und dass sie endlich alle den gleichen Zugang bekommen zu Bildung, Arbeitswelt, Kultur und normalem Wohnen und Leben. Und dass wir endlich unsere Vorurteile ihnen gegenüber ablegen.“ Ausgangspukt zur Beschäftigung mit dieser Thematik war für Arndt ihre Tochter Johanna, die schwerbehindert und auf den Rollstuhl angewiesen ist. Sie ist jetzt 33 Jahre alt und schon mit 19 Jahren aus dem elterlichen Haus ausgezogen: „Sie lebt seither in einem Züricher Projekt, das ich mitgegründet habe. Aber im Gegensatz zu anderen behinderten Teilnehmern des Projektes lebt sie schon ihr ganzes Leben mit Assistenz normal mitten in der Gesellschaft. Sie war nie in einem Heim“, berichtet Adelheid Arndt. So habe ihre Tochter ganz normal zur Schule gehen, sich von den Eltern abnabeln und, soweit es geht, eigenständig leben können.

Ihre Tochter ist schwerbehindert

Arndt selbst wohnt heute mit ihrem zweiten Mann, dem Sounddesigner und Tonmeister eines Wiener Theaters, Christian Venghaus, in Wien und an ihrem Arbeitsplatz Zürich.

Neben ihrem Beruf als Projektleiterin sucht Arndt noch etwas Ablenkung in künstlerischen Tätigkeiten: „Ich habe einige Lesungen gemacht mit eigener Auswahl an Musik und Texten, wie etwa des Schweizer Schriftstellers Robert Walser. In Deutschland habe ich an einem Buchprojekt mitgearbeitet und eine Veranstaltung für behinderte Menschen moderiert.“ Dazu macht sie in ihrem Verein kreative Projekte mit den ihr anvertrauten, künstlerisch tätigen Menschen.

Zum Entspannen kommt Adelheid Arndt manchmal auch: „Ich wandere sehr gerne und liebe die Berge. Die Schweiz ist ja mein zweites Heimatland geworden. Ich bin seit 30 Jahren Schweizerin und seit 20 Jahren weg aus Deutschland.“ Fernsehen dagegen gehört nicht zur bevorzugten Freizeitgestaltung: „Ich schaue möglichst wenig.“

Peter Schmidt

 

 

Zur Person:
Adelheid Arndt, geboren am 3. Januar 1952 in Heidelberg, studierte zunächst Ethnologie in Berlin und absolvierte dort dann von 1973 bis 1977 eine Schauspielausbildung. Nach ersten Rollen am Grips-Theater wirkte sie 1976 im Kinofilm „Der Mädchenkrieg“ mit. Für ihre Hauptrolle in „1+1=3“ (1979) erhielt sie den Bundesfilmpreis in Gold, den Ernst-Lubitsch-Preis und einen Grand Prix beim Internationalen Filmfestival in Montreal. In den 80er-Jahren spielte sie in TV-Serien mit und war von 1988 bis 2003 erfolgreich als Hauptdarstellerin in der Kinder-Serie „Siebenstein“. Seit den 90er-Jahren widmete sie sich verstärkt dem Theater, gründete das eigene „Ensemble Penthesilea“ und gehörte bis 2005 zum Ensemble des Wiener Schauspielhauses. In der von ihr mitgegründeten Organisation „Jag Suisse“ und dem Nachfolgeverein „Leben wie du und ich“ engagiert sie sich hauptberuflich für Menschen mit Behinderung. Sie hat eine Tochter (33) und lebt in Wien und Zürich.

Merken

Merken

Bild der Woche