…Dieter Baumann?
…Dieter Baumann?
24. März 2017

Mit einer olympischen Gold- und einer Silbermedaille, einem Europameistertitel und 40 nationalen Meistertiteln ist er einer der erfolgreichsten deutschen Langstreckenläufer. Heute verarbeitet der 52-Jährige seine sportlichen Erfahrungen als Kabarettist und ist als Motivationstrainer tätig.

Das Thema „Doping“, das 1999 vorübergehend seine Karriere beeinträchtigte, treibt Dieter Baumann noch heute um: Seit 2009 steht er als Kabarettist auf der Bühne und die Kritik an sportlichen und sportpolitischen Missständen ist fester Bestandteil seines aktuellen Programms „Dieter Baumann, die Götter und Olympia“. „Die Sachen sind in Wirklichkeit natürlich leider nicht lustig, auch wenn ich sie lustig erzähle.“ Seine Sperre infolge des Doping-Verdachts bezeichnet Baumann heute als „verrückte und wahnsinnige und auch sehr schmerzhafte Zeit“. Damals war er nach aktuellem Kenntnistand Opfer einer mit Nandrolon manipulierten Zahnpasta geworden und hat diese Angelegenheit trotz seiner Rehabilitierung erst nach vier, fünf Jahren überwunden: „Ich habe sehr schnell alle Energie in die Zukunft gesteckt.“ Währenddessen hat Baumann seinen „Fall“ aber auch in einem Buch aufgearbeitet, um seine Sichtweise darzulegen. Heute registriert er mit Wohlwollen, dass die Medien mit dem Thema Doping differenzierter umgehen. Er verweist hier auf die Berichterstattung über die dopinggesperrte Skilangläuferin Evi Sachenbacher-Stehle und die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, die jahrelang um ihre Rehabilitierung gekämpft hat. „Ich ziehe den Hut davor, was Claudia Pechstein macht. Die Sportszene wird irgendwann dafür dankbar sein.“ Er selbst habe aber lieber nach vorne geschaut: „Ich habe schnell erkannt, ich muss aus diesem ganzen Prozess raus. Ich wusste für mich: Ich muss die Zukunft gestalten.“

Kritisch steht Baumann der derzeitigen Doping-Politik gegenüber, die weiterhin auf interne Kontrollen durch die Sportgerichtsbarkeit setzt: „Sich selbst kontrollieren: Das geht natürlich nicht! Und vor allem: Man glaubt es nicht!“, betont Baumann und plädiert für verstärkte staatliche Kontrollen. „Die aktuelle Form der Sportgerichtsbarkeit ist spätestens nach dem Skandal um Russland gescheitert.“ Ehrliche Sportler würden durch systematischen Betrug „schlicht verarscht“. Es ist für Baumann keine Option, selbst als Funktionär innerhalb der Sportverbände gegen solche Missstände zu kämpfen: „Ich kann das doch gar nicht. Ich bin kein Meeting-Mensch. Ich liebe es, schnell zu entscheiden.“

„Auf der Bühne
kann ich auch ein anderer sein“

Um seine Meinung zu transportieren, setzt Baumann lieber auf das Kabarett: „Ich glaube, da kann ich sogar mehr gestalten als in einer Institution.“ Zwischen 50 und 60 Mal pro Jahr steht er deshalb auf der Bühne, lässt das Publikum an seinen sportlichen Erlebnissen teilhaben und nimmt sich als „Zahnpasta-Mann“ selbst auf die Schippe. „Ich merke, auf der Bühne kann ich auch ein anderer sein. Ich habe eigentlich keine Ahnung, was ich da mache. Ich bin nur ein Kleinst-Künstler, aber es macht mir Spaß.“ In diesem März absolviert Baumann ein halbes Dutzend Termine in Baden-Württemberg, bevor ab Mai seine andere Leidenschaft wieder mehr Zeit in Anspruch nimmt: das Laufen. Zwar sei er seit 2003 nur noch Hobbyläufer, aber auf die positiven Auswirkungen regelmäßigen Laufens will er nicht verzichten. Baumann engagiert sich vor allem bei den von einer Krankenkasse organisierten KKH-Läufen, bei denen allein 2016 bei zwölf Veranstaltungen in zwölf Städten über eine Million Euro Spendengelder für „Ein Herz für Kinder“ zusammenkamen. „Ich laufe täglich“, betont Baumann, „jeweils zwischen 30 Minuten und einer Stunde.“ Ab und zu nehme er jedoch auch an Marathon-Rennen teil, ohne sich speziell darauf vorzubereiten. „Ich laufe dann halt langsamer.“ Im Vorjahr habe er sogar schon mal am Walking teilgenommen: „Mit Stöcken. Aber es war toll. Wenn ich nicht mehr laufen kann, werde ich walken.“

Tipps fürs Laufen und eine erfolgreiche Eigenmotivation gibt Baumann auch bei Referaten und auf seinem Internet-Blog. Die Presse bescheinigt dem Langstreckenläufer, ein „grandioser Geschichtenerzähler“ zu sein, der so begeistert von seiner Sache erzählt, dass die Zuhörer Lust an eigener Betätigung finden. Seine Vision ist das regelmäßige, lebenslange Laufen: „Ach wie schön wäre es, ein Lebensläufer zu sein“, schwärmt Baumann auf seinem Blog.

Er gibt Tipps
fürs Laufen

Baumann, der immer von seiner Ehefrau Isabelle trainiert wurde, verfolgt derzeit natürlich mit Interesse die Karriere seiner Tochter Jackie, die im Vorjahr als deutsche Meisterin über 400 Meter Hürden bei den Olympischen Spielen in Rio den Einzug ins Halbfinale verpasst hat. Die 21-Jährige, die von ihrer Mutter trainiert wird, hat sich eigenen Angaben zufolge aber kaum mit der sportlichen Vergangenheit ihres Vaters beschäftigt: „Er hat für meine Karriere nie wirklich eine Rolle gespielt.“ Baumann arbeitet auch als Trainer, hat bis 2011 den deutschen 5.000-Meter-Meister Arne Gabius gecoacht und leitet eine kleine Trainingsgruppe in Tübingen. Ehrenamtlich engagiert sich der Sportler des Jahres 1992 in seinem Heimatstädtchen Blaubeuren als Vorsitzender eines Fördervereins, der für den Erhalt eines urgeschichtlichen Museums „Geld eintreibt“.

Peter Schmidt

 

 

Zur Person:
Dieter Baumann, geboren am 9. Februar 1965 in Blaustein, startete als Leichtathlet für LG Alb Donau, VfL Waiblingen, Bayer Leverkusen und war einer der erfolgreichsten deutschen Langstreckenläufer. Er war auf den Distanzen 1.500 bis 10.000 Meter und im Crosslauf 40-facher Deutscher Meister sowie über 5.000 Meter Europameister, Olympia-Zweiter 1988 und Olympiasieger 1992. Nach einer längeren Pause, wengen einer umstrittenen zweijährigen Doping-Sperre, konnte er über 10.000 Meter 2002 die Vizeeuropameisterschaft und 2003 den deutschen Titel über 5.000 und 10.000 Meter holen. Nach dem Karriereende 2003 startet er bei Marathonläufen und arbeitet auch als Trainer. Seit 2009 steht er als Kabarettist auf der Bühne. Außerdem übernimmt er Motivationsvorträge bei Wirtschaftsunternehmen. Über seinen auch verfilmten Dopingfall hat er ein autobiografisches Buch geschrieben. Er ist verheiratet und hat einen Sohn und eine Tochter.

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