…France Gall?
…France Gall?
19. Mai 2017

Mit dem Eurovision-Song-Contest-Siegertitel „Poupée de cire, poupée de son“ eroberte sie 1965 mit 17 Jahren die Herzen der Pop-Fans. Die zeitweise auch in Deutschland erfolgreich arbeitende Französin („Zwei Apfelsinen im Haar“) kehrte nach längerer Schaffenspause zuletzt mit einem Musical wieder auf die Bühne zurück.

Neben FranÇoise Hardy und Mireille Mathieu gehört France Gall zu den wenigen französischen Sängerinnen, die in Deutschland nachhaltig Erfolg hatten. Die gebürtige Pariserin hat sich Mitte der 60er sogar ein paar Jahre auf den deutschen Markt konzentriert und auch einige Hits gelandet. Vor allem das
„A Banda“-Cover „Zwei Apfelsinen im Haar“, „Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte“, „Kilimandscharo“ oder „Mein Herz kann man nicht kaufen“ konnten in den hiesigen Charts reüssieren. Ihren größten Hit in Deutschland landete sie aber erst etwa 20 Jahre später mit der französisch-sprachigen Fitzgerald-Hommage „Ella, elle l’a“, die 1988 vier Wochen lang die Nummer eins war und vom SR mit der „Goldenen Europa“ ausgezeichnet wurde.

Ihre Tochter starb mit 19 Jahren

In ihrer Heimat bekam France Galls Karriere neuen Schub, als sie 1973 den Kollegen Michel Berger kennenlernte, von dessen Texten sie begeistert war. Im Jahr darauf begann eine längere musikalische Zusammenarbeit, die mit dem gemeinsamen Song „Mon fils rira du Rock’n’Roll“ begann und sich mit zahlreichen von Berger komponierten Gall-Hits fortsetzte. Ohne Berger hätte France Gall nach eigener Aussage nie wieder gesungen, weil sie sich nicht länger als das kleine, süße Mädchen präsentieren lassen wollte, wie dies während ihrer Zeit in Deutschland passiert war. Diese Karriere-Phase bezeichnet Gall heute als weniger schöne Zeit, weil sie wegen des damaligen Rummels um ihre Person eine „normale“ Jugend verpasst habe. Mit den Liedern von Michel Berger, den sie 1976 auch heiratete, begann für die Französin aber eine neue Ära mit „erwachseneren“ Texten. Vor allem in den 80er-Jahren feierte sie große Top-10-Erfolge mit Hits wie „Hong Kong Star“, „Debranche“ oder eben „Ella, elle l’a“. Schwere Schicksalsschläge warfen France Gall aber dann zurück: Zuerst starb 1992 ihr Mann mit 44 Jahren beim Tennis, dann musste sie eine Krebserkrankung überwinden, und zuletzt verlor sie 1997 ihre 19-jährige, an Mukoviszidose leidende Tochter Pauline. Hatte Gall den Tod Bergers noch einigermaßen verkraften können und ihm mit zwei Alben mit seinen neu interpretierten Liedern ein Denkmal gesetzt, so bedeutete der Tod der Tochter für sie ein vorläufiges musikalisches Aus. Sie habe dadurch die Lust am Singen komplett verloren, sagte sie.

France Gall zog sich 15 Jahre fast völlig aus der Öffentlichkeit zurück, lebte eine Zeit lang im Senegal, ist dann aber wieder nach Paris zurückgekehrt. Heute engagiert sie sich dort für in Not geratene Frauen, auch um so den Tod zweier geliebter Menschen zu verarbeiten. Immer noch genießt die Sängerin in Frankreich hohen Respekt, was auch einige Kollegen mit Cover-Versionen der Gall-Hits unterstreichen. 2013 hat die französische Popsängerin Jenifer Bartoli sogar ein France-Gall-Tribute-Album veröffentlicht, dessen musikalischen Wert die Geehrte allerdings öffentlich bestritt. Trotzdem landete Bartoli damit in Frankreich auf Platz zwei der Album-Charts. Mit dabei war natürlich auch der ESC-Siegersong von 1965 „Poupée de cire, poupée de son“, der es mit Jenifer Bartoli wieder in die französischen Charts schaffte. Auch Galls Plattenfirma ließ sich immer Neues einfallen, um noch von dem Ruhm der Interpretin zu zehren. Immer wieder erschienen bisher unveröffentlichte Live-Aufnahmen, Box-Sets und Kompilationen mit ihren alten Hits.

„Ich habe wieder Vertrauen ins Leben“

France Galls letztes eigenes Album datiert aus dem Jahr 1996. „France“ bot einige ihrer früheren Hits, angereichert mit Rap- und Hip-Hop-Elementen. Aufgrund des immer noch hohen Bekanntheitsgrades hatte die Musikbranche zuletzt spekuliert, dass es wieder ein neues France-Gall-Album geben könnte. In einem ihrer seltenen Interviews sagte die heute 69-Jährige: „Ich habe wieder Vertrauen in das Leben gefunden. Das Leben macht mir keine Angst mehr. Ich habe schlimme Momente durchlitten und schwere Prüfungen überstanden.“ 2012 verkündete sie, dass sie an einem Musical arbeitet. Im November 2015 wurde dann in Paris „Appelez-moi Maggie“ uraufgeführt. Die erfundene Geschichte wird entlang von älteren Liedern Galls und Bergers erzählt und beschäftigt sich „mit unserem Leben und dem Beginn unserer Liebe“. Besondere Aktualität erhielt das Musical mit dem Terroranschlag in Paris Ende 2015, weil es auch den Gall-Song „Resiste“ enthielt, den die Sängerin dann mit dem Terrorakt verband: „Widerstehen! Das ist alles, was wir da machen können. Anders kann man heute nicht mehr leben“, betonte sie. Seit der Veröffentlichung des Musicals hat France Gall wieder neuen Mut geschöpft und ist auch mit ein paar Konzerten wieder auf die Bühne zurückgekehrt. Und wie nicht anders zu erwarten war, jubeln die Menschen „ihrer France“ heute noch immer zu.

Peter Schmidt

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