…Harry Belafonte?
…Harry Belafonte?
24. Februar 2017

Mit dem markanten „Day-o“ in seinem „Banana Boot Song“ wurde der amerikanische Sänger und Schauspieler 1957 weltweit bekannt. Seine Hits verkauften sich mehr als 150 Millionen Mal. Auch TV-Shows, Film­rollen und sein soziales Engagement bescherten ihm internationalen Ruhm. Am 1. März wird der „König des Calypso“ 90 Jahre alt.

In der heutigen Musik könne er nicht viel entdecken, was ihm gefällt, bekennt Harry Belafonte, macht dann aber eine Ausnahme: den Rap, den er für eine der wichtigsten musikalischen Ausdrucksformen des 21. Jahrhunderts hält: „Die Hip-Hop-Kultur kommt aus der Bronx, den Armenvierteln. Musik und Texte protestieren gegen Unterdrückung, gegen Rassismus und dagegen, dass die Demokratie Amerikas nicht für alle Bürger gilt“, sagte er schon vor ein paar Jahren, und es klingt heute wieder besonders aktuell. Allerdings habe die profitgierige Musik­industrie den Rap und seine Inhalte korrumpiert: „Er bekam ein Gesicht, das von Gewalt und Materialismus geprägt war.“ Es mache ihm aber viel Mut, dass viele junge Leute, mit denen er heute zu tun habe, diese Musik zu ihren Wurzeln zurückholen wollen.

Belafonte liegt die Musik der Afro-Amerikaner besonders am Herzen. Seit 1954 hat er Lieder für seine Anthologie schwarzer Musik gesammelt und diese 2002 auf fünf CDs unter dem Titel „The long road to freedom“ veröffentlicht. Darin wird der schwere Weg der Schwarzen vom 17. Jahrhundert bis 1900 musikalisch nachgezeichnet.

Auf dem rechten Auge erblindet

In den 80er-Jahren hatte der „König des Calypso“ zusammen mit Michael Jackson, Quincy Jones und Lionel Ritchie das Hungerhilfe-Projekt „USA for Africa“ realisiert, das mit „We are the world“ einen Welthit hervorgebracht hat. Mit Auftritten bei der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung und vielfältigem humanitärem Engagement wurde Belafonte an der Seite seiner Freunde John F. Kennedy und Martin Luther King zum weltweit geachteten Bürgerrechtler. Er vertritt bis heute sozialistische Ideale und setzt große Teile seines Vermögens für wohltätige Zwecke ein: So spendete er beispielsweise Einnahmen aus einer Kaffeewerbung für notleidende Indianer oder ließ von seiner ersten verdienten Million ein Armen-Krankenhaus bauen. Seit 1987 ist Belafonte „Botschafter des guten Willens“ bei der Unicef und seit 2013 „Botschafter des Gewissens“ bei Amnesty International. Er hat besonders heftig die Politik des Ex-Präsidenten George W. Bush und den Irak-Krieg kritisiert und sich im jüngsten US-Wahlkampf für den linken Demokraten Bernie Sanders eingesetzt. Dem neuen Präsidenten Trump bescheinigt Belafonte etwas „dauerhaft Untaugliches und Unreifes“ und warnt mit der „Weisheit eines alten Mannes“ davor, dass bisherige Errungenschaften auch wieder verloren gehen können. „Wir sind dem noch jungen Jahrhundert schuldig, dass es besser wird als das vorangegangene.“

Obwohl er immer noch gut aussieht, ist Belafonte gesundheitlich angeschlagen. Auf dem rechten Auge ist er erblindet und seine Stimmbänder „haben den Geist aufgegeben“. Als er sich 2012 nach 51 Ehejahren von seiner zweiten Frau Julie scheiden ließ, machte er beiderseitige Alkoholprobleme dafür verantwortlich. „Für mich war Trinken aber eine soziale Gewohnheit. Ich wurde nicht verrückt, wenn ich nicht trank.“ Seiner Frau zuliebe hat er damit aufgehört, aber die Ehe war nicht mehr zu retten. Trotz der Trennung liebe er Julie bis heute. „Wir waren immer Freunde. Wir sehen uns, wir telefonieren, wir haben gemeinsame Enkel.“ Seit 2008 ist der Sänger mit der Fotografin Pamela Frank verheiratet.

„Ich liebe Udo. Er ist verrückt“

Obwohl Belafonte nicht unvermögend ist, hat er sich den sehnlichen Wunsch nach einem eigenen Flugzeug wegen der hohen Unterhaltskosten nicht erfüllt. „Außerdem hat mein Freund John Travolta ein Flugzeug. Er ist der einzige Mensch, den ich beneide, denn er hat die Macht und das Geld, sich ein Flugzeug zu leisten.“ Längst aufgegeben hat er auch die Idee, sich eine Insel als Alterssitz zu kaufen: „Eine Schnapsidee.“

Anlässlich seines 85. Geburtstages hatte Belafonte unter dem Titel „My Song“ eine Biografie herausgebracht und den autobiografischen Film „Sing your Song“ in den Kinos gestartet. Vor seinem 90. Geburtstag gibt sich Belafonte weiterhin kämpferisch und will sich nicht damit abfinden, dass in den USA immer noch Kinder an Unter- und Mangelernährung sterben. „Unser System ist darauf angelegt, dass es Reich und Arm gibt. Hier müssen wir umdenken.“ Er unterstützt die „Occupy-Wall-Street-Bewegung“ und kümmert sich selbst um ungelernte Hilfskräfte: „Wir veranstalten Lesungen, Vorträge, Symposien und unterrichten Gewaltlosigkeit, sozialen Zusammenhalt, soziales Engagement. Wir sehen zu, dass die jungen Leute von der Straße kommen.“

Wegen seiner Erfolge und seines Engagements erhielt Belafonte 2014 den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk. Er genießt hohes Ansehen und pflegt viele Freundschaften, etwa mit seinem früheren Film-Kollegen Sidney Poitier oder mit Udo Lindenberg. „Ich liebe Udo. Er ist verrückt.“ Besonders betroffen war er vom kürzlichen Tod seines langjährigen Freundes Fidel Castro. Für seine eigene Trauerfeier hat Belafonte kürzlich schon einen Musikwunsch geäußert: „Try to remember“, einer seiner weltweit erfolgreichsten Songs.

Peter Schmidt



Zur Person

Harry Belafonte, geboren am 1. März 1927 als Harold Bellanfanti Jr. in New York, wuchs in Harlem und Jamaika auf. In New York absolvierte er die Highschool und diente danach in der Navy. Nach Kriegsende finanzierte er mit Hilfsjobs sein Schauspielstudium. Bekannt wurde er Mitte der 50er-Jahre mit karibischer Musik, vor allem mit dem „Banana Boot Song“. Für seine TV-Show „Tonight with Belafonte“ erhielt er 1960 als erster Dunkelhäutiger den „Emmy“. Daneben wirkte er in Filmen mit („Carmen Jones“, „Heiße Erde“, „Kansas City“, „Bobby“). Der „König des Calypso“, der sich später auch anderen musikalischen Einflüssen öffnete, landete viele Hits wie „Mathilda“, „Island in the sun“, „Jamaica Farewell“. Er engagiert sich auch für die Probleme der Afro-Amerikaner und fördert deren Musik. Über 150 Millionen Tonträger hat er verkauft, den Grammy und den Tony Award erhalten. Er hat vier Kinder und ist in dritter Ehe verheiratet.









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