…Ingo Insterburg?
…Ingo Insterburg?
21. April 2017

In den 60er- und 70er-Jahren waren die vier Komiker von Insterburg & Co echte Stars. Namensgeber Ingo Insterburg steht seit dem Ende der Truppe 1994 als Musik-Kabarettist weiter auf der Bühne und ist als Autor tätig. Gerade ist der vierte Band seiner Lyrik-Reihe „9.999 Gedichte“ erschienen. Außerdem engagiert er sich gegen Drogenmissbrauch.

Legendär sind neben seinen oft hintergründigen Zweizeilern vor allem die selbsterfundenen Instrumente, mit denen Ingo Insterburg sein Publikum immer wieder überrascht: So funktioniert er schon mal einen Wasserschlauch zum Saxofon und eine Kokosnuss zur Geige um oder entlockt Küchengeräten die merkwürdigsten Töne. Eigentlich ist der Wahl-Berliner Gitarrist und hat schon 1959 in der DDR eine Instrumentalplatte veröffentlicht. Bei einem Konzert im Berliner Ernst-Reuther-Saal konnte er sich kürzlich an seinen ersten Auftritt 1958 als Gitarrenbegleiter an gleicher Stelle erinnern und zeigte sich überrascht, dass das nun fast schon sechs Jahrzehnte her ist. Aber mit 83 Jahren tritt er jetzt bewusst kürzer. „Ich hatte vor Kurzem mal drei Tage hintereinander einen Auftritt. Da war ich am dritten Tag ganz schön wackelig“, gesteht der „verhinderte Zeichenlehrer“.

1980 musste er die Notbremse ziehen

Auf 40 bis 50 Auftritte im Jahr kommt Insterburg immer noch, die er aber gesundheitsschonend auf größere Zeiträume verteilt. „Man soll ja nicht übertreiben, sonst kann man nicht lang am Leben bleiben“, dichtet er spontan. Auf der Bühne ist er dann immer noch so, wie man ihn seit Jahrzehnten kennt: ein etwas schusseliger Chaot, der mit seinen Gliedmaßen kämpft und natürlich mit seinen selbstgebastelten Instrumenten, von denen er meist mehrere gleichzeitig spielt. In letzter Zeit steht Insterburg öfter mit Black auf der Bühne, dem einen Teil des einstigen Liedermacher-Duos Schobert&Black. „Das strengt dann nicht so an. Jeder macht eine Viertelstunde allein, dann eine halbe Stunde gemeinsam.“ Nun könnte er in seinem Alter ja schon mal ans Aufhören denken, aber: „Solange das Publikum kommt, mache ich weiter.“ Noch fühlt Insterburg sich rüstig genug, schließlich hat er jahrelang Marathonläufe absolviert: „Insgesamt 21 Stück. Jetzt gehe ich aber nur noch spazieren.“ Seit 1980 lebt der Kleinkünstler sehr gesundheitsbewusst, nachdem er zuvor häufig dem Wodka und dem Tabak zugesprochen hatte. 1980 habe er die Notbremse gezogen und verzichtet seitdem auf Alkohol und Zigaretten. „Rauchen und Saufen, das ist Selbstmord in kleinen Schritten. Ich habe damals mit Dauerläufen und Marathon angefangen. Dann geht das Aufhören eigentlich ganz leicht.“ In seinen neueren Gedichten macht er die Gefahren von Drogenkonsum auch verstärkt zum Thema und geht in Schulen oder Jugendclubs, um die jungen Leute auf gesundheitliche Risiken von Drogen hinzuweisen. Auch dabei setzt er auf seinen Wortwitz. „Lachende Pädagogik ist wirksamer. Wenn ich denen sage: ‚Das letzte Mal rauchst du dann im Krematorium‘, verstehen die das auch. Aber ich will eigentlich, dass die Jugendlichen gar nicht erst mit Rauchen und Trinken anfangen.“

Mit seinen ehemaligen Kumpels Dall, Ehlebracht und Barz hält Insterburg immer noch guten Kontakt. „Wir telefonieren öfter. Zwei wohnen ja auch nur etwa vier Kilometer von mir entfernt, nur Karl wohnt in Hamburg. Aber zu meinem 80. Geburtstag kamen sie natürlich alle zum Gratulieren.“ Seinen ehemaligen Mitstreitern verdankt Insterburg auch seinen schönsten Karriere-Moment: In einer Berliner Kneipe trafen er und Jürgen Barz 1967 zufällig Karl Dall und Peter Ehlebracht. Sie intonierten spontan einen kleinen Nonsens-Song, und die Gäste waren so begeistert, dass das Quartett beschloss, sowas jetzt öfter zu machen: „Das war ein Moment, da gingen für uns irgendwie die Türen auf“, sagt Insterburg heute.

„Die Ideen kommen immer einfach so“

Dass er seinen 90. Geburtstag erleben wird, ist für ihn selbstverständlich: „Ich hatte früher mal ein Orakel, das sagte, dass ich 87,5 Jahre alt werde. Zuletzt hatte ich drei neue Erkenntnisse, nach denen ich nun 93 werde.“ Wo und wie er seinen nächsten „Runden“ feiern will, darüber hat er sich noch keine Gedanken gemacht. „Vielleicht aber auf Lanzarote. Ich habe dort eine alte Freundin, die will, dass ich zu ihr ziehe“, verrät er. „Wir telefonieren täglich, und ich besuche sie regelmäßig. Siebenmal im Jahr sind mein Rekord.“ Sein Domizil ganz auf die Kanaren zu verlegen, kommt für Insterburg aber derzeit nicht in Frage: „Wir brauchen uns nicht jeden Tag zu sehen, um unsere grauen Haare zu zählen.“ Einen Wunsch hat er noch: „Dass es noch so lange geht, wie ich Lust dazu habe. Wenn man Lieder schreibt, will man ja auch, dass Leute sie zu hören bekommen.“ Und seine Kreativität hält weiter an: „Ich mache immer noch Gedichte und habe gerade mein neues Buch fertig. Ich will eigentlich gar nicht schreiben, aber die Ideen kommen immer einfach so, wenn ich im Café rumsitze. Und dann schreib ich sie halt auf“, erklärt Insterburg seine Produktivität.

Ganz im Stile von Insterburg&Co reagiert der 83-Jährige auf die Frage nach seinen Vorstellungen vom Ende seines Lebens. Er rechnet die Kosten für die Feuerbestattung vor und kommt zu dem Schluss: „Da springe ich ja lieber in einen Vulkan. Das kostet gar nix.“ Und denkt dann sofort wieder an seine Insel-Freundin: „Lanzarote hat ja einen Vulkan.“

Peter Schmidt

 

 

Zur Person:
Ingo Insterburg, geboren am 6. April 1934 als Ingo Wetzker in Insterburg/Ostpreußen, emigrierte nach dem Abitur nach West-Berlin und studierte dort von 1954 bis 1959 Kunstpädagogik. Zusammen mit Karl Dall, Jürgen Barz und Peter Ehlebracht gründete er 1967 die Komikertruppe Insterburg&Co, die mit witzigen Liedern, Gedichten und Sketchen bis 1979 große Erfolge feierte. Ihr bekanntester Song war „Ich liebte ein Mädchen“. Bis Ende 1993 tourte das Ensemble in verschiedenen Besetzungen weiter und löste sich 1994 endgültig auf. Insterburg tritt seither als Solist auf. Außerdem wirkte er in vier Filmen (1967-74) mit und veröffentlichte zwei Romane, eine Autobiografie und mehrere Gedichtbände. 2014 erhielt er den Smago-Award für sein vorläufiges Lebenswerk in der Kategorie Kleinkunst. Er ist geschieden, hat einen Sohn und lebt in Berlin.

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