…Jürgen Hingsen?
…Jürgen Hingsen?
2. Juni 2017

In den 80er-Jahren war er einer der erfolgreichsten Zehnkämpfer, Olympia-Silbermedaillengewinner und dreimaliger Weltrekordhalter. Er versuchte sich auch als Schauspieler und TV-Moderator und arbeitete dann lange als Versicherungsmakler in München. Heute ist der 59-Jährige als Markenbotschafter und Coach tätig und engagiert sich in vielen sozialen Projekten.

Noch heute hält Jürgen Hingsen den deutschen Zehnkampfrekord und wird immer noch auf der Straße erkannt, sogar im Ausland: „Aufgrund meiner Körpergröße von 2,03 Meter falle ich grundsätzlich auf. Da Zehnkampf eine lange Tradition hat, genieße ich zumindest in einer bestimmten Altersgruppe immer noch einen hohen Bekanntheitsgrad.“ Beigetragen zu dieser Popularität hat nicht zuletzt die in den 80er-Jahren einsetzende mediale Sportler-Vermarktung. „Über mich wurde auch abseits des Stadions berichtet. Das war damals ziemlich einmalig.“ Auch in jüngerer Zeit hat man sich vielerorts wieder an den Zehnkampf-Hünen erinnert. So durfte der 105-Kilo-Mann 2006 in der RTL-Tanz-Show „Let‘s dance“ sein Talent auf dem Parkett zeigen und wurde Fünfter. Die Tätigkeit vor der TV-Kamera war kein Neuland für „Hollywood“-Hingsen, wie er wegen seines Strahlemann-Images öfter genannt wurde: Schon ab Mai 1989 hatte er den Sportteil im ZDF-„Fernsehgarten“ moderiert. Seine Kamera-Tauglichkeit konnte er allerdings bereits 1984 beweisen, als er neben Karl Dall, Patrick Bach und Gewichtheber Rolf Milser die Hauptrolle in der Klamauk-Komödie „Drei und eine halbe Portion“ spielte. Außerdem wirkte er in einer Nebenrolle in der Fernsehserie „Ein Schloss am Wörthersee“ mit. Viel Ehre haben diese Aktivitäten Hingsen nicht eingebracht, einige Sportreporter haben es sogar abgelehnt, mit ihm über die Filmtätigkeit zu reden: „Die Sportmedien waren damals noch erzkonservativ“, blickt Hingsen heute zurück. Seinen Filmeinsatz bereut er trotz der damaligen Kritik nicht: „Wir hatten vier schöne Wochen auf Mallorca verbracht und einfach mal an was anderes gedacht als an Training.“ Trotzdem gibt er inzwischen zu, dass es besser gewesen wäre, beim Sport zu bleiben: „Die Entscheidung für den Streifen fiel nicht zuletzt deshalb, weil ich kein Management hatte und wie ein Elefant im Porzellanladen in die medialen Fallen tappte.“ Hingsen spielt dabei auch auf das Titelbild im „Stern“ an, das ihn als Herkules mit goldbepudertem Körper zeigte, oder auf die oft kritisierte Zusammenarbeit mit Hitlers Lieblingsbildhauer Breker, der von ihm eine Bronze-Skulptur anfertigte. „Vielleicht war es naiv, aber ich wusste nichts von seiner Vergangenheit“, rechtfertigt sich Hingsen heute. Anscheinend blieb er aber für Künstler weiterhin reizvoll: So hat der Schriftsteller Burkhard Spinnen 2007 Elemente aus Hingsens Biografie in seinem Roman „Mehrkampf“ literarisch verarbeitet.

Nebenrolle in einer Fernsehserie

Mit Blick auf seine Zehnkampf-Karriere wird Hingsen immer noch auf die Rivalität zu dem Briten Daley Thompson angesprochen, den er nie im direkten Vergleich schlagen konnte. Hingsen: „Als beste Zehnkämpfer der Welt konnten sich die Medien an uns abarbeiten. Das war nicht nur Thompson gegen Hingsen, sondern Deutschland gegen England, Schwarz gegen Weiß oder Arbeitsklasse-Junge gegen Hollywood-Hingsen.“ Bis heute sind die beiden „Könige der Leichtathleten“ befreundet. „Wir treffen uns regelmäßig. Wenn wir zusammen sind, umgibt uns eine besondere Aura. Das spüren wir beide.“ Hingsen und Thompson sind derzeit gemeinsam für die internationale Movember-Kampagne tätig, die sich für die Gesundheitsprobleme von Männern wie Prostatakrebs einsetzt. „Wir wollen auf Prostata- und Hodenkrebs hinweisen. Das ist eine äußerst wichtige Sache! Wir sind als Botschafter dabei. Es ist toll für uns, den Menschen zu zeigen, dass es trotz Rivalität möglich ist, sich anzufreunden und harmonisch die gleichen Ziele zu verfolgen“, begründet Hingsen sein Engagement. Weitere ehrenamtliche Tätigkeiten gelten vor allem Kindern und Jugendlichen: Für die Malteser wirbt er in Schulen für eine gesunde Ernährung und klärt über Suchtgefahren auf, ist Pate für Leseclubs, die junge Menschen an Bücher heranführen wollen oder spielt Golf zugunsten der „Aktion Kinderträume“. Im nächsten Jahr will er die Gewaltprävention in den Vordergrund rücken.

Golfspielen für
den guten Zweck

Vergleicht man Hingsens Rekord von 8.832 Punkten aus dem Jahr 1984 mit den aktuellen Bestmarken, gehörte er im Zehnkampf immer noch zur absoluten Weltspitze: „Gar nicht so schlecht, wenn man bedenkt, wie stark sich die Trainingswissenschaft in den letzten 30 Jahren verbessert hat.“ Chancen gegen die heutige Konkurrenz würde er sich aber nicht ausrechnen: „Der aktuelle Weltrekordler Ashton Eaton ist mir körperlich eher unterlegen, aber technisch ist er mir meilenweit voraus. Überhaupt sind moderne Zehnkämpfer eher kleiner und drahtiger als wir.“ Dass keiner seiner deutschen Nachfolger seine Popularität erreichen konnte, führt Hingsen auch darauf zurück, dass Zehnkampf in den Medien, vor allem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, nicht mehr den Stellenwert hat wie früher.

Sportlich fit hält sich Hingsen derzeit mit Radfahren oder auf seinen Rollerblades, seit Sprunggelenksprobleme das Joggen unmöglich machen. Und wenn es nicht Sport ist, so steht der Zwei-Meter-Mann gerne am Herd und probiert neue Rezepte aus.

Peter Schmidt

 

 

Zur Person:
Jürgen Hingsen, geboren am 25. Januar 1958 in Duisburg, begann seine sportliche Karriere 1976 bei Bayer Leverkusen und wurde zu einem der erfolgreichsten Zehnkämpfer. 1982 bis 1984 war er deutscher Meister, 1984 Silbermedaillengewinner bei den Olympischen Spielen in Los Angeles, dreimaliger Weltrekordler, zweifacher Vize-Europameister und Vize-Weltmeister. 1983 wurde er mit dem Silbernen Lorbeerblatt ausgezeichnet. Sein immer noch gültiger deutscher Rekord von 8.832 Punkten bringt ihn auf Platz sieben der ewigen Weltbestenliste. 1988 beendete er seine Karriere wegen Patella-Problemen. Er wirkte auch als Schauspieler in Kinofilmen und TV-Serien mit und war ab 1989 eine Zeit lang als Sport-Moderator im ZDF-Fernsehgarten tätig. Danach arbeitete er als Versicherungsmakler. 2004 trennte er sich nach 21 Ehejahren von seiner amerikanischen Frau, mit der er zwei Töchter hat. Heute lebt er in München.

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