…John McEnroe?
…John McEnroe?
10. Februar 2017

Mit 149 Einzel- und Doppeltiteln hat er in der ersten Hälfte der 80er-Jahre das Herrentennis dominiert. Sein Angriffsspiel und sein oft provokantes Verhalten haben ihn gleichermaßen bekannt gemacht. Heute hat der fünffache Vater eine Kunstgalerie in Manhattan und geht immer noch mit dem Racket auf die Senioren-Tour. Im Herbst ist er Titelheld des neuen Kino-Films „Borg vs. McEnroe“.

Angeblich ist er verrückt, es könnte also funktionieren“, sagt der 58-jährige John McEnroe über den jungen Schauspieler Shia LaBoeuf, der in dem demnächst startenden Kinofilm „Borg vs. McEnroe“ den jungen McEnroe spielt. Durch verrückte Eskapaden hat die amerikanische Tennis-Legende zu ihrer aktiven Zeit ja ebenfalls oft genug auf sich aufmerksam gemacht. Dass jetzt seine legendären Matches gegen die damalige Nummer Eins, seinen langjährigen schwedischen Rivalen Björn Borg, verfilmt worden sind, hat McEnroe mit gemischten Gefühlen begleitet. Denn bisher seien alle Versuche, das Thema Tennis im Kino darzustellen, „jämmerlich gescheitert“, weil die sportlichen Fähigkeiten der Darsteller nie an diejenigen der Sportler herangereicht hätten. Verwundert zeigte sich McEnroe vor allem, dass die Filmemacher weder zu ihm noch zu Borg Kontakt gesucht haben: „Vielleicht haben sie ja mit ein paar meiner Freunde geredet, aber selbst ich kann mich ja nicht mehr genau daran erinnern, wie ich als 21-Jähriger war.“ Sein endgültiges Urteil will McEnroe aber erst fällen, wenn er den Film gesehen hat.

Filmemacher suchten weder zu McEnroe noch zu Borg Kontakt

Dass eine solch schillernde Figur wie John McEnroe zum Kino-Thema wird, kann nicht verwundern. Es gibt wohl kaum einen Rekord im Tennis-Zirkus, den er nicht innehatte oder noch hat. Der Rasenspezialist gewann von seinen 1.023 Spielen 875, war 170 Wochen im Einzel und 257 Wochen im Doppel die Nummer Eins, siegte bei 29 Turnieren sowohl im Einzel als auch im Doppel und kann sieben Masters- und zehn Grand-Slam-Titel vorweisen.

Auch nach seinem Karriereende im Jahr 1992 ist er dem aktiven Tennis treu geblieben. 2006 gewann er an der Seite von Jonas Björgmann in San José mit schon 47 Jahren sogar noch ein ATP-Turnier. Mit 20 Titeln seit 1998 ist John McEnroe erfolgreichster Akteur der ATP-Champions-Tour ehemaliger Tennisstars. Er galt als Exzentriker und war für seine Wutausbrüche gefürchtet. Er griff verbal die Schiedsrichter an, drosch Bälle auf Balljungen, pöbelte gegen das Publikum. Seine Schimpftiraden und sein legendärer, sogar in Werbespots aufgegriffener Ausruf „You cannot be serious. That ball was on the line!“ verschafften ihm trotz aller sportlichen Wertschätzung wenig Sympathien. In seiner 2016 erschienenen zweiten Biografie „Serious“ bekennt McEnroe, dass er sich nach jedem seiner Ausbrüche schrecklich gefühlt und sich meist auch entschuldigt habe. In der Hollywood-Komödie „Die Wutprobe“ durfte McEnroe 2003 an der Seite von Jack Nicholson dann folgerichtig einen cholerischen Patienten spielen. Noch ein paar weitere Male machte sich die Filmindustrie den umstrittenen, aber sehr populären Tennisspieler zunutze. 2002 war er in „Deeds“ zu sehen, 2008 in „Leg dich nicht mit Zohan an“ und 2011 in „Jack and Jill“. In dem Wimbledon-Film „Spiel, Satz und … Liebe“ fungierte McEnroe 2004 zusammen mit Chris Evert als Kommentator. 2002 war er als Moderator der britisch-amerikanischen Quizshow „The Chair“ im Fernsehen eingesetzt. Eine weitere TV-Talkshow „McEnroe“ wurde bald wieder eingestellt. Zuletzt kommentierte der gebürtige Wiesbadener 2016 für einen TV-Sender die French Open und coachte danach kurzzeitig den Top-Ten-Spieler Milos Raonic bei Rasenturnieren.

Er versuchte sich auch als Musiker 

„Aus der heutigen Spielergeneration sehe ich keinen, der so ist, wie ich einst war. Am nächsten kommt mir sicher der Australier Nick Kyrgios“, sagt McEnroe. Der Alt-Star traut Kyrgios durchaus zu, in ein paar Jahren sogar die Nummer eins zu werden. Er gibt heute zu, dass man ihm damals zu viele Freiheiten gewährt hat. Die nachfolgenden Regelverschärfungen täten dem Tennis jedoch nicht gut: „Ich bin dafür, die Spieler eher zu ermutigen, anstatt sie zu bestrafen, auch wenn sie mal übers Ziel hinausschießen!“ Dennoch lobt McEnroe die derzeitige Spielergeneration. „Das Level der Top-Leute ist großartig. Es sind die besten Spieler, die es in dieser Sportart jemals gab.“ An der Weltspitze sieht er in den nächsten Jahren neben Kyrgios eine Gruppe von Nachwuchsleuten mit dem Österreicher Dominic Thiem, dem Kroaten Borna Coric oder dem Amerikaner Taylor Harry Fritz. Auch dem Deutschen Alexander Zverev prognostiziert McEnroe eine große Zukunft: „Wenn er gesund bleibt, schafft er es unter die Top Five.“

Eine Zeit lang versuchte sich McEnroe auch als Musiker, hatte mit der Johnny Smyth Band eine eigene Combo und war Gast-Gitarrist bei anderen Rockgruppen. Die Rock-Musik ist und bleibt McEnroes größte Leidenschaft, neben dem Top-Tennis, das er weiter aufmerksam verfolgt. So zeigte er sich Ende Januar begeistert von dem Australien-Open-Finale Federer gegen Nadal und gab hinterher zu, Federer unterschätzt zu haben: „Ich hätte Roger einen Grand-Slam-Sieg nicht mehr zugetraut.“

Peter Schmidt



Zur Person

John Patrick McEnroe, geboren am 16. Februar 1959 in Wiesbaden als Sohn eines US-Militärs, hat für das Tennisspielen seine Studienpläne an der Uni Stanford aufgegeben und mit 18 Jahren seine Laufbahn als Profi gestartet hat. In den folgenden 15 Jahren hat er 77 Einzeltitel und 72 Doppeltitel gewonnen und damit einen bis heute gültigen Rekord aufgestellt. Noch mit 33 Jahren hat er als bis dato ältester Aktiver einen Grand-Slam-Titel geholt. Drei Wimbledon-, vier US-Open-, drei Masters- und fünf Davis-Cup-Einzelsiege und sieben Grand-Slam-Doppeltitel sind eine bis heute unübertroffene Bilanz. 1999 wurde er in die Tennis-Hall-of-Fame aufgenommen. Er hat zwei TV-Talkshows moderiert, autobiografische Bücher geschrieben, Rockmusik gemacht und als Kommentator bei Tennis-Events gearbeitet. Außerdem betreibt er eine Kunstgalerie in Manhattan. Mit seiner ersten Frau Tatum O’Neal (1986-92) hat er drei und mit der zweiten, Patty Smyth (seit 1997), zwei Kinder.







Merken

Merken

Bild der Woche