…Linda Gray?
…Linda Gray?
20. Januar 2017

Als Sue Ellen und Gattin des Fieslings J.R. Ewing in der Kult-Serie „Dallas“ war sie von 1978 bis 1991 jede Woche ein gern gesehener Gast in den Wohnstuben des Fernsehpublikums. Zudem machte sich die Schauspielerin auch als Regisseurin, Filmproduzentin und Buchautorin einen Namen. In diesem Jahr wurde sie für eine Kurzfilmrolle als beste Darstellerin ausgezeichnet und war als Gast in der beliebten US-Serie „Hollyoaks“ zu sehen.

Noch bevor sie als Sue Ellen weltbekannt wurde, bezirzte sie 1967 als Bein-Double von Anne Bankcroft in der „Reifeprüfung“ nicht nur den Hauptdarsteller Dustin Hoffman, sondern auch die internationale Männerwelt: Als sich die reife Mrs. Robinson lasziv den Strumpf vom Bein streifte, um einen scheuen Jugendlichen in die Liebe einzuführen, waren auf Leinwand und Filmplakat die Beine des jungen Models Linda Gray zu sehen. In genau jener Rolle der Mrs. Robinson brillierte Linda Gray 2001/02 im Londoner Westend und am Broadway in der Theater-Version der „Reifeprüfung“. Auch wenn sie immer wieder mal für Filmrollen engagiert wird, steht Gray heute am liebsten auf der Theaterbühne und geht noch mit ihren Stücken auf Tournee. Gute Kritiken bekam die Kalifornierin 2014 beispielsweise für ihre Darstellung der Gottesmutter in einer Londoner „Cinderella“-Weihnachtsaufführung. Trotzdem stand für sie sofort fest, dass sie von 2012 bis 2014 in der Dallas-Fortsetzung als Sue Ellen auf den Bildschirm zurückkehrt.

Den Erfolg von „Dallas“ führt Gray heute auf die politischen Umstände der damaligen Zeit zurück. Unter Präsident Ronald Reagan sei das große, mächtige Amerika in den Vordergrund gerückt worden. „Und da kam eine Serie über eine milliardenschwere Ölfamilie aus Texas gerade recht. Menschen in anderen Ländern bekamen einen Einblick in das Leben einer wohlhabenden US-Familie. Das faszinierte sie.“ Weil anfangs die beschwipst-frustrierte Milliardärs-Gattin Sue Ellen zu eindimensional gezeichnet war, gelang es Gray, andere Facetten dieser Figur in die Drehbücher schreiben zu lassen. „Ich glaube, Sue Ellens Hin- und Hergerissenheit faszinierte die Leute und ließ sie mitleiden.“ Noch heute werde sie auf diese Rolle angesprochen und sei lange mit ihr identifiziert worden. „Wenn ich mal im Restaurant ein Glas Wein trank, hörte ich öfters am Nebentisch flüstern: Ich habe doch gleich gedacht, dass die säuft.“

„Sue Ellens Hin- und Hergerissenheit fasziniert die Leute“

Nach dem Auslaufen der „Dallas“-Reihe 1991 wurde es still um Linda Gray. „Das war beabsichtigt. Ich wollte nicht länger, dass die Arbeit meine Tage bestimmt“, erläutert sie. „Ich wollte mich ausschließlich um mich und meine Familie kümmern. Ich baute unser Haus nahe Santa Clara um, werkelte im Garten oder tat einfach gar nichts.“ Später hat sie dann wieder kleinere Rollen in US-Serien oder am Theater übernommen, danach kamen auch wieder größere Filmangebote. Zudem hat Gray, die ursprünglich Medizin studieren wollte, als Film- und Theaterregisseurin gearbeitet und mit ihrer eigenen Firma Filme produziert. Besonders stolz war sie, als sie in diesem Jahr das Angebot erhielt, in der beliebten TV-Serie „Hollyoaks“ eine Gastrolle zu übernehmen: „Ich war sofort begeistert, von der einen Kult-Serie zur nächsten wechseln zu können.“ Freuen konnte sie sich in diesem Herbst auch über einen weiteren Filmpreis: Beim North Hollywood Cinefest 2016 bekam sie eine Auszeichnung als beste Kurzfilm-Darstellerin in „Wally’s Will“.

Zehn Jahre war sie UN-Botschafterin des guten Willens

Ansonsten genießt Linda Gray das Leben mit ihrer Katze und liebt ihre Freiheit. Auch wenn sie sich eine Wiederheirat eigentlich nicht vorstellen kann, sagte sie kürzlich in einem Interview: „Wenn ich jemand in meinem Alter treffe, der mit mir lachen, schwimmen, ins Kino oder gut essen gehen will: Her damit!“
Auch ihrem Tod sieht sie gefasst entgegen und glaubt an ein Weiterleben im Jenseits: „Ich möchte dort alle meine Freunde wiedersehen und Spaß mit ihnen haben.“

Ihre reiche Lebenserfahrung – sie musste Kinderlähmung überstehen, hat ihre jüngere Schwester wegen Krebs verloren und 20 Jahre eine unglückliche Ehe geführt – fasste Linda Gray 2015 in einem Buch zusammen, das zum Bestseller wurde: „The Road to Happiness“ ist gleichermaßen Autobiografie wie Leitfaden zum würdevollen Altern. „Ich will Frauen ermutigen, dass mit 40 das Leben noch nicht vorbei ist.“ Eine operative Nachhilfe für ein gutes Aussehen lehnt die zweifache Oma ab. Falten im Gesicht seien für sie immer auch Ausdruck von Charakter: „Ich habe einmal Botox an der Stirn ausprobiert und habe lächerlich ausgesehen.“ Auch ohne Schönheits-OP bekommt die 76-Jährige immer noch Komplimente für ihr sexy Aussehen: „Toll, wenn man so was noch in meinem Alter gesagt bekommt.“

Ihr privilegiertes Leben nimmt Linda Gray zum Anlass, sich für Menschen zu engagieren, denen es weniger gut geht. Von 1997 bis 2007 war die Schauspielerin UN-Botschafterin des guten Willens und weltweit unterwegs, um sich für Frauenrechte einzusetzen und für eine bessere Gesundheitsvorsorge zu werben. Außerdem unterstützt sie in ihrer Heimat die Organisation „Meals on Wheels“, die Essen für Bedürftige und Kranke organisiert, und im afrikanischen Malawi einige Kinderhilfsprojekte.

Peter Schmidt

 

 

Zur Person:
Linda Gray, geboren am 12. September 1940 in Santa Monica/Kalifornien, arbeitete als Model und Körperdouble bei Filmen. Ihre erste Filmrolle hatte sie 1963 in „Im Paradies ist der Teufel los“. 1978 erhielt sie eine der weiblichen Hauptrollen in der TV-Serie „Dallas“. Bis 1991 spielte sie in 307 Folgen als Sue Ellen Ewing und war auch in der „Dallas“-Fortsetzung von 2012 bis 2014 wieder dabei. 1994 bis 1995 war sie in 29 Episoden der US-Serie „Models Inc.“ zu sehen und gab danach Kurzgastspiele in anderen TV-Serien. Bis heute wirkte sie in über 20 Spielfilmen mit, zuletzt in „Expecting Mary“ (2014) und „Eine perfekte Hochzeit“ (2015). Sie war zweimal für den Golden Globe und einmal für den Emmy nominiert. Die Inhaberin der Produktionsfirma LG Productions arbeitet auch als Theaterschauspielerin, Regisseurin und Autorin. Von 1962 bis 1983 war sie mit Edward Trasher verheiratet, mit dem sie Tochter Kehly Sloane und Sohn Jeff Trasher hat.

Merken

Merken

Bild der Woche