Der Anfang vom Ende
Der Anfang vom Ende
23. Mai 2014

Leipzig, der Geburtsort der Montagsdemonstrationen im Herbst 1989. Hunderttausende Bürger gingen nach den Friedensgebeten in der Nikolaikirche auf die Straße. Die friedliche Revolution läutete den Niedergang der DDR ein.

Das Jahr 1989 sollte ein besonderes in der Geschichte der DDR werden. 40 Jahre währt das Experiment „Sozialismus im Osten Deutschlands“. Die SED ist in Feierlaune – nur zu gerne bereit, noch einmal weitere 40 Jahre sozialistische deutsche Geschichte zu schreiben. Doch dann geschieht, womit niemand in Ost oder West rechnet: Die Bürger der DDR gehen auf die Straße und fordern Freiheit, Mitspracherecht und sogar die Einheit. Ausgangspunkt des Flächenbrandes, der die gesamte SED-Republik erfasst, und letztlich zu ihrem Ende führt, ist die Leipziger Nikolaikirche.

Dass sich im spätgotischen Gotteshaus seit Anfang der 80er-Jahre Unzufriedene zum Friedensgebet zusammenfinden und sich dabei politisch austauschen, den Staat sogar kritisieren, das bleibt dem „Schild und Schwert der Partei“, der scheinbar allwissenden Staatssicherheit (Stasi), nicht verborgen. Aber dass daraus echter Widerstand entstehen könnte, der die Grundfesten der DDR erschüttert, daran glaubt niemand in den Führungsriegen von SED und Stasi. Auch weil Staatsschnüffler in der Nikolaikirche dabei sind, alles überwachen, denken, das Geschehen unter Kontrolle zu haben.

Im Spätsommer 1989 ändert sich dann alles. Am 4. September gehen die Besucher der Nikolaikirche erstmals auf die Straße, fordern offen Veränderungen. Zunächst trauen sich nur rund 1.200 Menschen. Immer die blutige Niederschlagung des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 und das Tian‘anmen-Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens im chinesischen Peking am 4. Juni 1989 im Hinterkopf.

Der Staatsapparat reagiert, wie erwartet. Geht hart vor, verhaftet bei der zweiten Montagsdemo am 11. September gleich 55 der meist jugendlichen Teilnehmer. Aber anders als gewohnt, regt sich Kritik.

„Was geht in den Jugendlichen vor, was bleibt in ihnen zurück, wenn sie so behandelt werden? Was sind das für Bürger der Zukunft?“, fragt der Landesbischof Johannes Hempel rhetorisch.

Die Zeit, da die Bürger der DDR alles wortlos hinnehmen, ist vorbei. Sie sind nicht mehr bereit, sich einschüchtern zu lassen, sich ins Private zurückzuziehen, auf Beteiligung am politischen Leben und persönliche Freiheiten zu verzichten. Überall in der Republik formieren sich montägliche Demonstrationszüge.

Am 9. Oktober 1989 schließlich der Wendepunkt. Zwei Tage nach den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR, versammeln sich 70.000 Leipziger um das symbolträchtige Gotteshaus. Mehr als je zuvor. Sie gehen auf die Straße, skandieren: „Wir sind das Volk.“ Drücken damit aus, was langsam auch den Partei-Oberen dämmert. Es ist unmöglich, einen Staat ohne das Volk zu führen.

Die bereitstehenden 8.000 Sicherheitskräfte von Polizei und Armee lassen die Demonstranten gewähren. Auch weil der große Bruder aus Moskau signalisiert, dass er, anders als 1953, nicht bereit ist, der Führungsriege mit Militärgewalt beizustehen. „Am
9. Oktober überstieg die Zahl der Demonstranten alles, was man erwartet hatte. Selbst das, was wir im Ministerium für Staatssicherheit erwartet haben, wurde auf eine eindrucksvolle, für uns damals beängstigende Art und Weise übertroffen. Noch nie sah man in der DDR so viele Menschen mit einer so eindeutigen Ausrichtung gegen das Herrschaftssystem“, gibt später ein Stasi-Offizier zu Protokoll.

Und die Zahl der Unzufriedenen steigt weiter. An den folgenden Montagen kommen Hunderttausende nach Leipzig und in die anderen Städte der DDR, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Wenig später sind Stasi, das Machtmonopol der SED, und schlussendlich die DDR Geschichte. Hinweggespült vom eigenen Volk, das nicht mehr daran glaubt, dass die Deutsche Demokratische Republik hin zur Demokratie reformiert werden kann. Ausgangspunkt dieser Entwicklung war Leipzig mit seiner Nikolaikirche.

Jakob Schmidt





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