Die Zukunft heißt MINT
Die Zukunft heißt MINT
17. Oktober 2013

Hochkomplexe Nanostrukturen, intelligente Computer, die mit Menschen kommunizieren, Werkstoffe, die hart sind wie Metall und biegsam wie eine Feder – an der Universität des Saarlandes scheint die Forschung mit an der Spitze zu marschieren. Dennoch soll die Uni sparen, mehr als bisher angenommen, befürchtet man in akademischen Kreisen. Und über allem schwebt ein Gutachten des Wissenschaftsrates, das im Januar 2014 vorliegen soll. Wie wird die Universität des Saarlandes im Jahre 2020 aussehen?

Alles begann 1948 mit den Franzosen. Das konnte damals im Saarland nicht anders sein. Aus einem kleinen Institut am Homburger Klinikum, das der Universität von Nancy angegliedert war, ging 1948 im damals teilautonomen und wirtschaftlich mit Frankreich verbundenen Saargebiet die Universität des Saarlandes hervor. Der Lehrkörper war zweisprachig, die Studiengänge mehr von der französischen als von der deutschen Bildungstradition geprägt, und die Studenten kamen überwiegend aus dem Saarland. Dennoch spricht es für ihr internationales Profil, dass 1951 Professoren aus neun Nationen in Saarbrücken unterrichteten, davon die meisten aus Frankreich und dem Saarland. Die Studentenzahl war überschaubar: 1951 hatten sich rund 1.200 Studierende eingeschrieben.

Im selben Jahr wurde das bis heute bestehende Europa-Institut eingerichtet und die Uni zur „europäischen Universität“ ernannt – ein Anspruch, der bis heute gilt. Denn die Saar-Universität hat sich mit fünf anderen Universitäten in Lothringen, Luxemburg, Lüttich, Trier und Kaiserslautern zu einer Universität der Großregion zusammengeschlossen. Das ist der erste grenzüberschreitende Hochschulverbund, an dem vier Länder beteiligt sind.

Das neue Firmengebäude der Scheer Group auf dem Gelände der Saarbrücker Universität.

Lehren und Forschen auf einem Campus im Grünen – das hieß 1950: Man musste sich in einer ehemaligen Kaserne im Stadtwald, der Below-Kaserne, einrichten. Die Neubauten kamen erst in den 1960er-Jahren, nach der Rückkehr des Saarlandes zur Bundesrepublik, dazu. Ganz im Geiste der Idee, das Saarland zu einem Herzstück Europas zu machen, verstand sich die Uni als Bindeglied zwischen Deutschland, Frankreich und den Benelux-Staaten. Doch nach der Saarabstimmung, die dem europäischen Gedanken einen herben Rückschlag bereitete, kam zwischen 1955 und 1957 der Übergang vom französischen zum deutschen Universitätssystem. Die Uni entwickelte einen wirtschaftshistorischen und später einen juristischen Schwerpunkt und bildete vorwiegend Lehrer aus. Den hochschulpolitischen Umbruch 1968 erlebte sie unter dem damaligen Rektor Werner Maihofer, einem liberalen Urgestein, der den Dialog mit den Studenten nicht abreißen ließ.

Bemerkenswert ist, dass bereits 1969, als noch kaum jemand wusste, was das ist, ein Lehrstuhl für Informatik an der Universität eingerichtet wurde. Als der Saarbrücker Mathematik-Dozent Günter Hotz einen Ruf aus Hamburg erhielt, bot ihm die Landesregierung den ersten regulären Lehrstuhl für Informatik an, vier Assistenzstellen inklusive. Inzwischen hat sich die Zahl der Informatik-Professoren vervielfacht. 40 Professoren lehren heute rund 1.700 Studenten aus 31 Nationen, sie forschen an sieben international renommierten Informatik-Instituten auf dem Campus und gründen Unternehmen. Seit 1995 stammen mehr als 77 Ausgründungen aus der Saarbrücker Informatik. Im vergangenen Januar wurde der „Scheer-Tower“ eröffnet. Er steht für weitere 250 IT-Arbeitsplätze auf dem Campus und im Saarland.

1978 wird die bis dahin selbstständige Pädagogische Hochschule in die Universität eingegliedert. 1989 weitet sich die Universität erneut aus und gründet in Dudweiler ein interdisziplinäres Zentrum für Umweltforschung. Zum Wintersemester 1990/91 wird aus den technischen Fächern und der Informatik eine technische Fakultät gebildet, die sich – dem Zug der Zeit entsprechend – enorm ausweitet. Zur gleichen Zeit wurde die Zahl von 20.000 Studierenden überschritten. Seither ist sie wieder etwas zurückgegangen: Rund 18.000 Studierende, davon 16 Prozent aus dem Ausland, haben gegenwärtig Saarbrücken als ihren Studienort gewählt.

Sie orientieren sich an den traditionell großen Studiengängen wie Betriebswirtschaftslehre, Jura und Medizin, die in Homburg am Universitätsklinikum gelehrt wird. Aber auch die historisch orientierten Kulturwissenschaften, Altertumswissenschaften oder Romanische Kulturwissenschaft und Interkulturelle Kommunikation sind vertreten.

Großes Zentrum für Informatikforschung

Doch herausragend ist Saarbrücken als internationales Zentrum der Informatikforschung. Jeder weiß heute, dass sie Computercodes knacken, Jumbojets steuern, Wetterphänomene simulieren. Sie setzen Superhelden auf dem Bildschirm in Szene und vernetzen Menschen über Ozeane hinweg. Die Informatik ist dafür der Lehrmeister, das systematische Lösen von Problemen ihre Spezialität. Die Wissenschaftler der Universität des Saarlandes arbeiten eng mit dem Max-Planck-Institut für Informatik, dem Max-Planck-Institut für Softwaresysteme, dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), dem Zentrum für Bioinformatik und dem Visual Computing Institute zusammen.

Bei der Exzellenzinitiative des Bundes war die Universität des Saarlandes denn auch doppelt erfolgreich: Sowohl das Informatik-Exzellenzcluster zum Thema „Multimodal Computing and Interaction“ als auch die internationale Graduiertenschule für Informatik werden gefördert. Zusammen erhielten die beiden Projekte von Bund und Ländern von 2008 bis 2012 rund 40 Millionen Euro. Bei den Drittmitteln gelang der Uni eine Steigerung, wie aus der Jahresbilanz 2012 hervorgeht. Demnach sei es gelungen, Fördermittel in Höhe von rund 70 Millionen Euro von EU, Bund, Land und Industrie einzuwerben – ein Plus von sechs Millionen im Vergleich zum Vorjahr.

In diesem Gebäudekomplex ist die Bioinformatik der Uni des Saarlandes beheimatet.

Die Informatik hat sich mittlerweile fächerübergreifend etabliert. So greift sie auch in die Wirtschaftsinformatik, die Rechtsinformatik, die Bioinformatik, die Computerlinguistik und die Kognitionswissenschaft ein. Diese Fachrichtung arbeitet daran, Computersysteme zu bauen, die eine menschenähnliche Interaktion durch Sprache, Mimik und Gestik mit dem Benutzer ermöglichen.

Die Materialwissenschaft und Werkstofftechnik an der Universität des Saarlandes ist einer der renommiertesten Standorte auf diesem Gebiet in Deutschland. Es geht um Hochleistungswerkstoffe aus Glas und Keramik. Am Lehrstuhl „Metallische Werkstoffe“ werden Gläser untersucht, diesmal aber aus Metallen. Aus den Gläsern entstehen durch Wärmebehandlung Nanomaterialien. An dem Forschungszentrum ist man überzeugt, dass es maßgeschneiderte Werkstoffe und neue Materialien sind, die die deutschen Exportgüter am Weltmarkt so erfolgreich machen.

Die Forscher wollen ihre Kenntnisse über verbesserte Werkstoffe und neue Technologien vor allem international tätigen regionalen Konzernen, aber auch mittelständischen Firmen anbieten, die über keine eigenen Entwicklungsabteilungen verfügen. Aber auch eigene Firmengründungen fördert man hier. Die Universität ist „Exist-Gründerhochschule“, damit zählt sie bundesweit zu nur drei Hochschulen, die sich so nennen dürfen. Firmengründungen haben hier eine lange Tradition. Seit 1995 wurden mithilfe des Starterzentrums der Universität 249 Unternehmen mit 1.450 Arbeitsplätzen gegründet. In der Materialwissenschaft und Werkstofftechnik der Saar-Uni forschen und lehren derzeit zwölf Professoren. Nur wenige Universitäten in Deutschland weisen einen solchen Schwerpunkt auf.

Die Zukunft liegt in der Forschung

In den bio- und nanowissenschaftlichen Fächern dringt die Wissenschaft zu den kleinsten Strukturen des Lebens und der Materie vor. Auch hier gibt es zahlreiche interdisziplinär ausgerichtete Studiengänge. So bieten beispielsweise die Biologie und Medizin gemeinsam den Studiengang Biologie mit Schwerpunkt Human- und Molekularbiologie oder – zusammen mit den Physikern – die Biophysik an. Erfolge auf dem Gebiet der Nanowissenschaften haben unter anderem zur Einrichtung des Leibniz-Instituts für Neue Materialien geführt. Perspektiven für Studenten bieten auch die beiden Fraunhofer-Institute für Zerstörungsfreie Prüfverfahren und für Biomedizinische Technik sowie das Helmholtz-Institut für Pharmazeutische Forschung.

Alles in allem sind das gute Voraussetzungen, um auch in Zukunft auf dem Gebiet der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, den MINT-Fächern, gut mithalten zu können. Die Saar-Uni ist heute längst über die Landesgrenzen hinausgewachsen. Der weitere Weg kann nicht Rückbau bedeuten, sondern muss zum weiteren Ausbau zu einer modernen forschungsorientierten Hochschule führen.

Volker Thomas

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