„Das Saarland muss  aus der Deckung raus“
„Das Saarland muss aus der Deckung raus“
14. Juli 2017

Seit April ist Hanno Dornseifer Präsident der Industrie- und Handelskammer Saarland, Nachfolger von Ex-Karlsberg-Chef Richard Weber. Laut Dornseifer sind die Aufgaben der IHK in den kommenden Jahren zahlreich –
darin liege aber auch eine Chance für das Land.

Herr Dornseifer, was wollen Sie künftig bei der IHK anders machen als Ihr Vorgänger?
Anders machen wäre vielleicht zu viel gesagt. Wir wollen die IHK weiterentwickeln. Die IHK Saarland, das sind wir, und damit meine ich die mehr als 55.000 Unternehmen aus Industrie, Handel und Gewerbe im Saarland. Die IHK soll nicht nur durch das Gesicht des Präsidenten geprägt sein, sondern durch das ganze Präsidium, Vollversammlung und Geschäftsführung sowie die vielen engagierten Mitarbeiter der IHK. Wir haben gemeinsam neun Schwerpunktthemen definiert und jedes dieser Themen wird durch ein Mitglied des Präsidiums als Pate und einen Geschäftsführer der IHK personifiziert. Sie sind in der Regel verantwortliche Ansprechpartner und stehen dazu in der Öffentlichkeit Rede und Antwort. Das hat viel damit zu tun, Verantwortung auf mehrere kompetente Schultern zu verteilen und die Akzeptanz der IHK in der öffentlichen Wahrnehmung weiter zu erhöhen. Dieses Vorgehen ist von der Vollversammlung gewollt und akzeptiert.


Wieso? Hat die IHK ein Image­problem?
Keineswegs. Die IHK Saarland ist gut aufgestellt. Das liegt zum großen Teil an der Nähe zu ihren Mitgliedern. Sie ist stark in der Region verankert, vor Ort engagiert tätig und vor allem greifbar für ihre Mitglieder. Deshalb haben wir im Saarland auch weniger Diskussionen um die Pflichtmitgliedschaft als in anderen Bundesländern. Trotzdem müssen wir diese Entwicklung in Deutschland genau beobachten und die IHK im Sinne ihrer Mitglieder konsequent weiterentwickeln.


Wo sehen Sie in Zukunft die größten Herausforderungen für das Saarland und wie positioniert sich die IHK?
Die gesamte Infrastruktur, Digitalisierung und Informationstechnologien, der demografische Wandel mit all seinen Facetten sowie der Umbau und Wandel der Industrie sind die Herausforderungen der Zukunft. Daran orientieren wir unsere neun Schwerpunktthemen, die wir intensiv bearbeiten und mit klaren Positionen unsererseits besetzen. Was übrigens die Thematik angeht, liegen wir mit der Landesregierung nicht weit auseinander, die Richtung stimmt, aber im Detail vertreten wir durchaus andere Standpunkte.


Nennen Sie doch mal ein Beispiel.
Die Landesregierung spricht von gebührenfreien Kitas. Wir sagen, anstelle der Abschaffung von Gebühren, wären Investitionen in die Infrastruktur, sprich bessere Ausstattung der Kitas, qualifizierte Aus- und Weiterbildung der Betreuer, Voranbringen neuer Themen, wichtiger und nachhaltiger. Das Saarland ist finanziell nicht auf Rosen gebettet und kann jeden Euro nur einmal ausgeben. Die Frage lautet, an welcher Stelle jeder Euro am gewinnbringendsten für das Saarland eingesetzt werden kann. Am Ende des Tages muss auch die Landesregierung unternehmerisch handeln. Aber ich glaube, dass das jedem klar ist.

Und wie steht es um das Thema Verkehrsinfrastruktur?
Sie ist für das exportorientierte Saarland existenziell wichtig. Dass wir darüber reden müssen, ist an sich schon traurig genug. Eine vernünftige und gut funktionierende Verkehrsanbindung an andere Wirtschaftszentren in der EU ist für unseren Industriestandort eine wesentliche Voraussetzung und eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, die Erreichbarkeit des Saarlandes zu erhöhen: auf der Straße, auf der Schiene und in der Luft. Sonst laufen wir Gefahr, abgehängt zu werden. Dafür muss die Landesregierung trotz Schuldenbremse investieren.


Woher nehmen Sie den Optimismus, dass das kleine Saarland sich überhaupt Gehör verschaffen kann, zum Beispiel bei der Bahn oder im Bund oder bei anderen Bundesländern?
Die Größe des Landes ist nicht entscheidend. Die Frage lautet vielmehr, wie gut und attraktiv wir sind und mit welchem Konzept wir überzeugen. Das Saarland besitzt genügend Kreativität und Innovationspotenzial. Wir haben Unternehmen aus ganz unterschiedlichen Branchen, die mit an der Weltspitze stehen. Wir verfügen beispielsweise in der Informationstechnologie über Institute mit Weltruf. Gleiches gilt für die Materialwissenschaften. Wir haben in der Palliativmedizin einen gewaltigen Sprung nach vorn gemacht. Es gibt viele weitere Beispiele. Aber im Saarland weiß das kaum jemand. Wir müssen unsere saarländische Zurückhaltung aufgeben, aus der Deckung herauskommen und unsere vorhandenen Stärken offensiv vertreten. Das Saarland muss den Vergleich mit anderen Ländern nicht scheuen.


Heißt dass, dass das Saarland seine Imagekampagne weiter verstärken sollte?
Die IHK hat schon immer gesagt: Das Saarland braucht ein strategisch angelegtes und nachhaltiges Standortmarketing. Gemeinsam mit der Landesregierung haben wir dieses vor einigen Jahren auf den Weg gebracht. Heute wird der demografische Wandel immer stärker spürbar und unsere Unternehmen stehen vor einem zunehmenden Fachkräftemangel. Daher ist es wichtiger denn je, das Saarland als lebenswerte Region mit guten Jobperspektiven zu positionieren. Unsere IHK wird sich daher weiterhin stark im Saarlandmarketing engagieren.
Genauso wichtig ist die Frankreich-Strategie. Sie ist schon deshalb wichtig, weil sie für die Selbstständigkeit des Saarlandes ein ganz bedeutender Baustein ist und ein Alleinstellungsmerkmal für unser Land darstellt. Für die Weiterentwicklung der EU kommt nach dem Brexit und den neuen politischen Verhältnissen in Frankreich den deutsch-französischen Beziehungen mehr denn je eine Schlüsselrolle zu.

Was muss das Saarland tun, um junge Leute zum Bleiben zu bewegen oder um junge Menschen anzulocken?
Das ist in der Tat ein Problem. Hochqualifizierte Menschen werden von Unternehmen außerhalb des Saarlandes schon abgeworben, bevor sie uns überhaupt kennenlernen. Dem gilt es, entschieden entgegenzutreten. Wir müssen die Verzahnung von Hochschulen und Industrie viel stärker professionalisieren. Der Universitätscampus bietet durch seine Konzentration den Vorteil, alles an einem Ort zu haben. Der Nachteil: Es wirkt ein wenig wie Forschung im Elfenbeinturm, zu weit weg von der praktischen Unternehmenswelt, und dieses Bild wird durch die Lage außerhalb der Stadt noch verstärkt. Eine vordringliche Aufgabe bleibt zudem, mehr Menschen zur Selbstständigkeit zu ermutigen und innovative Start-up-Unternehmen zu gründen. Die Voraussetzungen zum Beispiel mit dem neuen Helmholtz-Institut in Saarbrücken und den damit verbundenen rund 500 internationalen Forscherstellen sind ideal geeignet.

Das Saarland ist mit rund 40.000 Arbeitsplätzen stark von der Automobilindustrie abhängig und gerät durch die Diskussion um die E-Mobilität und Dieselgate mehr und mehr unter Druck. Wie sieht die IHK die Entwicklung dieser für das Land so wichtigen Branche?
Die E-Mobilität fordert zum weiteren Strukturwandel auf. Aber wir sollten bei der ganzen Debatte um Elektro-Mobilität nicht in Hektik verfallen. Mich stören bei der Diskussion die von der Politik ins Spiel gebrachten Steuerungskennzahlen, zum Beispiel wie viele E-Autos bis 2025 in Deutschland fahren sollen. Dabei ist das die falsche Frage. Entscheidend ist doch, wie viel CO2 wir einsparen. Der Weg dorthin sollte technologieoffen diskutiert werden. Das können E-Autos sein, aber auch eine effiziente Verbrennungstechnik. Letztendlich sollte sich die Lösung mit der wirtschaftlichsten Effizienz am Markt durchsetzen

Sie sind Vorstand der VSE, Vorsitzender des Verbands VEW Saar, Präsident der Universitätsgesellschaft und jetzt auch der IHK Saarland – wie passt das zusammen?
Zugegebenermaßen ist das schon eine riesige Herausforderung. Als optimistischer und glücklicher Mensch habe ich die Aufgabe IHK-Präsident gerne angenommen, weil ich dem Land etwas zurückgeben will. Ich lebe und arbeite hier, habe hier studiert und bin zufrieden. Einfach nein zu dieser neuen Aufgabe zu sagen, hätte ich als feige empfunden. Außerdem lerne ich in der IHK viele interessante und motivierte Mitstreiter kennen, die alle gemeinsam für das gleiche Ziel arbeiten: Das Saarland voranbringen. Das motiviert mich zutiefst und entschädigt für den zusätzlichen Zeitaufwand.


Wie lautet Ihre Vision für das Saarland?
Wir wollen das innovativste Bundesland in Deutschland werden. Wir haben die Kompetenz, wir haben gute Leute und wir haben Erfahrung im Strukturwandel. Die Solidargemeinschaft IHK wird ihren Beitrag dazu leisten.

Interview: Armin Neidhardt

 

 

Zur Person:
Hanno Dornseifer, 1967 in Gronau geboren, studierte nach der Ausbildung zum Bankkaufmann an der Saar-Universität Jura. Nach Referendariat und Promotion 1997 war er von 1998 bis 2010 bei der Saar Ferngas AG, der heutigen Enovos Deutschland SE, tätig, ab 2006 im Vorstand. Seit 2011 ist Dornseifer Mitglied des Vorstands der VSE AG. Unter anderem ist er Vorsitzender des Verbandes der Energie- und Wasserwirtschaft.

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