„Mama, wohin  gehen wir heute?“
„Mama, wohin gehen wir heute?“
16. Juni 2017

Frauen Mut zu machen, sich als Jungunternehmerinnen eine eigene Existenz aufzubauen, ist ein Ziel saarländischer Wirt­schafts­politik. Kreativität und viel Organisationstalent ge­hören dazu, den Alltag mit Familie und Kind auf die Reihe zu kriegen. Das spürt auch Henrike Krauß aus Heusweiler mit ihrem Laden „WunderKind“.

Auf den ersten Blick sieht es nicht so aus, als würde hier gerade gearbeitet. Henrike Krauß sitzt mit ihrem zweieinhalb Jahre alten Sohn Jakob an einem kleinen Tischlein auf winzigen Stühlen. In der Hand hält jeder einen dicken Holzstift. „Feuerwehr malen“, bestimmt der Knirps. Um die beiden herum im kleinen Laden in Heusweiler unzählige Kindersachen: Puppen, Teddys, Kuscheldecken, Kinderbücher, Puzzles und Selbstgenähtes. „Es ist nicht immer so friedlich“, sagt Henrike mit einem Lächeln, auf Jakob deutend. „Wenn der Laden voller Kunden steht und ich ihm nicht meine volle Aufmerksamkeit widme, kann er, je nach Tagesform, auch lauter werden.“

Genau das sind die Momente, vor denen die junge Mutter Angst hat. Meistens funktioniert es, aber eben nicht immer. Zwar muss sie sich vor keinem Chef verantworten, doch unangenehm sind solche Situationen trotzdem.

Erst letztes Jahr im August eröffnete sie ihr Lädchen „WunderKind“ mit Freundin Dana in Heusweiler. Der Kundenstamm soll wachsen, die Leute sich wohlfühlen auf den knapp 60 Quadratmetern Ladenfläche und Veranstaltungsraum. „Klar sollten Kunden eines Kinderladens Verständnis für einen Trotzmoment meines Kindes haben. Dennoch bin ich jedes Mal extrem gestresst, wenn er stinkstiefelig wird“, erzählt Henrike.

„Ich habe so viele Ideen und Lust, etwas draus zu machen“

Aus dem Nebenraum dringt gedämpftes Kindergebrabbel. Dort findet gerade ein Spielkreis statt. Manchmal hat Jakob Lust mitzuspielen. Dann verschwindet er kurz hinter der weißen Tür, turnt mit den anderen auf den ausgelegten Matten, bastelt oder singt.

„In diesen Auszeiten versuche ich schnell Organisatorisches zu erledigen, was mit ihm im Hintergrund nicht so gut geht.“ Damit meint die 34-Jährige Kundentelefonate, Buchhaltung oder sie trägt neue Veranstaltungsanmeldungen ein. Zu tun gibt es mehr als genug. Neben dem Kinderladen hilft sie täglich stundenweise im Blumenladen ihrer Mutter, will ihn nächstes Jahr sogar übernehmen. Dazu arbeitet Henrike vor allem im Sommer als freie Rednerin und traut Ehepaare oder tauft Kinder. Bei Christian, ihrem Mann und Jakobs Papa, sieht es ähnlich aus. Auch er hat sich vor zwei Jahren mit einer kleinen Kommunikationsagentur selbstständig gemacht und arbeitet von zuhause. Er wollte keiner von den Vätern sein, die ihr Kind nur kurz abends und am Wochenende sehen. So kann er morgens erst einmal eine Stunde mit seinem Sohn spielen, bevor irgendjemand das Haus verlässt. Und Henrike wollte keine Mutter sein, die sich zuhause nur dem Kind widmet und ihre eigenen Träume aus den Augen verliert. „Das ist nichts für mich. Ich habe so viele Ideen und Lust, etwas draus zu machen. Ich setze Dinge gerne um und rede nicht nur darüber, bis es zu spät ist“, erzählt sie.


Viele ihrer Freunde schütteln über ihren täglichen Spagat zwischen Familie und Job den Kopf. „Sie können nicht verstehen, wie man so viele verschiedene Dinge plus Kind, Partnerschaft, Haushalt und die eigenen Bedürfnisse zusammenbringen kann“, sagt die junge Unternehmerin. Auf die innere Einstellung komme es an. „Ich sehe meine Arbeit nur selten als klassische Arbeit an. Vor allem will ich arbeiten – ich muss nicht. Und sollte es einmal nicht mehr zu meinem Leben passen, kann ich es jederzeit ändern.“


Ihr Alltag ist durchgetaktet. Es gibt klare Zeiten, wann Jakob wo ist, wer wann welchen Termin hat, sogar was es an welchem Tag zu essen gibt. Die Pläne helfen, Stress zu reduzieren oder gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Nachher, kurz bevor Henrike ihre Schicht beendet, holt ihr Mann Jakob ab und nimmt ihn mit nach Hause zum Mittagessen und Mittagsschlaf halten. Am Nachmittag gehen die beiden zum Kinderturnen im Nachbarort. „So etwas wäre nicht möglich, wenn Christian einen normalen Bürojob hätte“, sagt Henrike. Auch sie selbst verbringt während der Woche viel Zeit mit Jakob. Ihre Schichten im Blumenladen teilt sie sich mit ihrer Mutter und hat dadurch oft morgens oder mittags komplett frei. Frei sind die Zeiten jedoch nur bedingt: Meist besucht sie Händler, erledigt Einkäufe oder kümmert sich um den Haushalt – Jakob immer im Schlepptau.

„Morgens fragt Jakob oft: Wohin gehen wir heute? Er weiß genau um unseren geschäftigen Alltag“, lacht Henrike. Und natürlich gebe es auch Tage, an denen Jakob keine Einkaufstour mitmachen oder in einem der Läden spielen möchte.


Ein Kita-Platz kam für das Unternehmerpaar in den ersten Lebensjahren von Jakob jedoch nicht infrage. Sie wollten die Betreuung flexibel halten und Jakob in ihren Alltag miteinbeziehen. So lerne Jakob automatisch, dass Arbeit dazugehöre. Dass es aber auch etwas Schönes sei. „Wir arbeiten, wie wir möchten. Ich hoffe, dass auch er dadurch einmal einen gesunden Bezug zur Arbeit bekommt und nicht nur auf die Rente hinarbeitet. Vielleicht bekommt er später sogar Lust, selbst etwas zu starten.“


Im Nebenraum wird es lauter, und Jakob flitzt interessiert zur Tür. Zuerst lauscht er kurz, dann öffnet er sie und verschwindet dahinter. Fast im selben Augenblick steht Henrike mit aufgeklapptem Laptop hinter der Theke und beantwortet E-Mails. „Je mehr ich hier erledigt bekomme, desto weniger verlege ich in die Abendstunden.“ Und gerade die seien ihr so wichtig. Wichtig, um ihre Akkus aufzuladen, um Freunde zu treffen, um einfach mal zu Hause auf dem Sofa zu lümmeln.


Bei Jakobs Betreuung helfen außerdem mehrmals wöchentlich Eltern und Schwiegereltern und bis Ende März besuchte Jakob 15 Stunden in der Woche eine Tagesmutter. Mit ihr fand die Familie eine gute Alternative zur Kita, die zu ihren flexiblen Arbeitszeiten passte. „Wir konnten mit ihr von Woche zu Woche individuell unsere Zeiten absprechen und so Engpässe überbrücken“, erzählt Henrike. Zugunsten ihrer eigenen Familienplanung gab die Tagesmutter ihre Arbeit nun auf. Sich für die Zeit bis Oktober, wenn Jakob in den Kindergarten geht, eine neue Tagesmutter zu suchen, ergebe wenig Sinn. Nach einer kurzen Umstellungsphase funktioniert der Alltag auch so.


„Flexibel sein ist toll, aber auch oft verdammt anstrengend“, lacht Henrike. Wo andere abends die Füße hochlegen, sitzt sie, wenn Jakob im Bett ist, oft noch ein paar Stunden vor dem Rechner. „Ich versuche tagsüber alle Zeit mit Jakob auszukosten. Das ist mir wichtiger als mein Feierabend.“

Trotz all der Planung und der finanziellen Engpässe, die die Selbständigkeit ab und an mit sich bringt, ist Henrike derzeit so glücklich wie noch nie. Und während sie das erzählt, funkeln ihre Augen. Sie brennt für ihre Ideen, brennt für ihr Kind und versucht dabei nicht selbst auszubrennen. „Bei allem Tun und Machen fehlt mir mitunter die Zeit für mich.“ Dass gerade diese Zeit wichtig ist, weiß Henrike und versucht, auch dafür im Wochenplan feste Nischen zu reservieren. Klappt das mal nicht, merke sie, wie sie an ihre Grenzen stoße.

In diesen Momenten sind es ihr Mann und ihre Mutter, die sie auffangen und ihr den Rücken stärken: „Meine Mutter unterstützt mich und springt sofort im Blumenladen ein, wenn es einen Engpass gibt.“ Auch Christian helfe, vor allem im Haushalt, wo er nur kann. „Anders würde das alles nicht funktionieren“.

Im Laden verabschieden sich Mütter, mit Taschen bepackt, als würden sie in einen Kurzurlaub fahren. Zwei von ihnen verabreden sich noch für den Nachmittag zum Kaffeetrinken. Ein Moment, in dem Henrike kurz wehmütig wird. So spontan ist sie bei all ihrer beruflichen Flexibilität nicht. Gleich, wenn Jakob mit seinem Papa auf dem Heimweg ist, sperrt sie hier zu und löst ihre Mutter im Blumenladen ab. „Man kann eben nicht alles haben. Vielleicht irgendwann“, lacht sie.


Roman Worth

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