Aus der  Mücke einen Elefanten machen
Aus der Mücke einen Elefanten machen
11. April 2014

Topfvollgold.de, der Yellow-Press-Watchblog von Mats Schönauer und Moritz Tschermak, schließt eine Lücke in der Medien­bericht­erstattung: Hier wird ein kritisches Auge auf die Praktiken der Regenbogenpresse geworfen.

Das Prinzip ist einfach. Aus einer Mücke wird ein Elefant. Buchstäblich und zum Beispiel so: Fürstin Charlène von Monaco verbringt einen Urlaub auf der Karibikinsel St. Barth. Es gibt Fotos von ihr in Shorts und mit hochgekrempelten Ärmeln. Das Regenbogenblatt „Schöne Woche“ hebt ein solches Foto auf die Titelseite des Heftes. Die Schlagzeile dazu: „Fürstin Charlène – Lebensgefahr! – Im Traum-Urlaub war sie dem Tod ganz nah.“

Wie das? Ganz einfach: Die Redaktion hatte herausgefunden, dass die ägyptische Tigermücke, potenzielle Überträgerin des Dengue-Fiebers, unter anderem auch durch die Karibik surrt. Google und Wikipedia machen’s möglich. In Kombination mit den Shorts der Fürstin führte das zu der bemerkenswerten Titelgeschichte. Im Heft hieß es: „Die Fürstin befand sich in Lebensgefahr. Ein lautloser Killer bedrohte ihr Glück… Die Fürstin bot den Mücken… mit viel nackter Haut eine Menge Angriffsfläche. Ganz schön leichtsinnig!“

Die Geschichte ist nur eine von vielen, die jede Woche im „Topf voll Gold“ gekocht werden. „Viele Geschichten in den Regenbogenheften entstehen einfach durch Fotos, die ein Mitarbeiter vom Chefredakteur auf den Tisch gelegt bekommt mit dem Satz ‚Mach mir mal eine Geschichte dazu.’ Das Ergebnis ist dann entsprechend – an den Haaren herbeigezogen“, sagt Moritz Tschermak. Genau seit einem Jahr sammelt der freie Journalist und Blogger nun solche Fundstücke für seinen Blog Topfvollgold.de. Sein Urteil lässt wenig Zweifel offen. Regenbogenhefte hätten keinerlei journalistischen Anspruch und enthielten sich jederlei Recherche, sagt der angehende Kommunikationswissenschaftler: „Sie schreiben Gerüchte auf und transportieren sie weiter.“ Und das Woche für Woche.

Die Branche ist recht unübersichtlich, ihre Gesamtauflage beträgt mehr als 500 Millionen Exemplare, ungefähr 70 bis 80 solcher Blätter gibt es. Alles ist dort möglich. Sehr beliebt sind Beziehungskrisen. Kürzlich musste Schlagersternchen Helene Fischer „dran glauben“, ihr wurde zum Beispiel ein Zerwürfnis mit Freund und TV-Moderator Florian Silbereisen angedichtet, weil sie auf einem Foto eine Hand vors Gesicht legt. Die Betroffenen selber können dann nur staunen. Selbstverständlich werden die von der Redaktion nicht vorher gefragt, ob das auch stimmt, was dann später im Blatt steht. Sicher ist sicher, es könnte die Geschichte kaputt machen. Ein bisschen könnten die Redakteure der Klatschheftchen einem leid tun, sinniert Tschermak, müssten sie doch oft ganze Seiten mit nichts als dem fantasievollen Ausschmücken eines banalen Fotos füllen. Allerdings hält sich ihr Mitleid auch in Grenzen: „Die Autoren solcher Blätter haben sich ja mehr oder weniger freiwillig entschieden, für solche Magazine zu arbeiten.“

Einen kleinen Trost aber gibt es, sagt Tschermak: „Die Serviceteile in diesen Zeitschriften, etwa zu Gesundheit oder Ernährung, sind deutlich seriöser als die Promi-Geschichten. „Die Mitarbeiter dort recherchieren sogar richtig.“



Moritz Tschermak im Interview über seinen Blog:

Herr Tschermak, wie kamen Sie auf die Idee zu Ihrem Blog?
Mats und ich haben zusammen in Dortmund studiert. Beim Einkaufen sind uns die Hefte das erste Mal richtig ins Auge gesprungen. Vor einem der großen Zeitschriftenregale in einem Supermarkt haben wir uns die Regenbogenhefte eines Tages genauer angesehen. Und es sind ja schnell Muster zu erkennen: 50 Prozent der Storys auf den Covern sind positiv, 50 Prozent negativ. Und oft stehen sie direkt im Widerspruch zueinander. Auffallend auch die Namen der Titel: Worte wie „Freizeit“, „Post“, „aktuell“, „neu“ oder „Revue“ kehren immer wieder. Und wenn man dann die Hefte aufschlägt, sieht man ganz schnell, dass die Versprechen auf den Titeln nicht gehalten werden. Das war der Anstoß zu unserem Blog.

Haben Sie denn eine persönliche Beziehung zur deutschen Regenbogenpresse?
Nein. Der Anstoß zum Blog lieferte tatsächlich das Erlebnis im Supermarkt. Wir waren verblüfft über die Arbeitsweise der Regenbogenpresse, verblüfft, wie groß der Markt für diese Hefte ist, von denen in Deutschland pro Jahr mehr als eine halbe Milliarde verkauft werden – ein Magazin wie die „Freizeit Revue“ liegt mit seiner Auflage nur knapp hinter dem „Spiegel“ – und verblüfft darüber, dass diese Zeitschriften ein großes Schweigen umgibt. Kaum jemand thematisiert dieses Segment, das fällt schon auf, und wenn doch, dann sehr unregelmäßig.

Woran könnte das liegen?
Yellow Press gilt als Schund, damit wollen sich viele Journalisten auch gar nicht beschäftigen, schließlich begibt man sich selbst in die Schmuddelecke. Und da könnte etwas hängen bleiben. Zudem haben zum Beispiel die Medienseiten der großen Tageszeitungen kaum Platz, die beschäftigen sich lieber mit vermeintlich wichtigeren Themen wie etwa der Insolvenz der Münchner „Abendzeitung“.

Wie arbeiten Sie?
Wir gehen in die Zeitschriftenecke eines Supermarkts und sehen uns die aktuellen Titel der Regenbogenhefte an. Ein kurzes Blättern zeigt uns, ob etwas Interessantes für uns dabei ist. Da haben wir schnell Routine entwickelt. 15 bis 20 Hefte kaufen wir in der Woche, das reicht, um den Blog täglich zu bestücken. Zum Glück sind die meisten Hefte recht günstig.

Gibt es Reaktionen der Verlage?
Ja, vereinzelt. Es gibt immer mal wieder Chefredakteure, die uns gepfefferte Mails schreiben. Es gibt auch Mails einfacher Mitarbeiter oder Redakteure dieser Titel, die sind aber meistens freundlicher; manchmal kriegen wir sogar Tipps aus diesem Umfeld, wenn wir irgendwo vorsichtig sein sollten. Wir werden durchaus von den Mitarbeitern der Regenbogenpresse gelesen, das sehen wir auch an unserer Facebook-Präsenz.

Hatten Sie auch schon mal juristischen Kontakt?
Einmal, ja, und das war unser Fehler. Kurz vor Weihnachten hatten wir im Zusammenhang mit einer Schlagzeile einen falschen Titel genannt. Da haben wir vorschnell eine Unterlassung unterschrieben, die uns 800 Euro Anwaltskosten der Gegenseite kosten sollte. Das machte uns ganz schön Bauchschmerzen, doch zum Glück haben wir tolle Leser, die 1.600 Euro für uns gesammelt haben. Nun haben wir sogar eine kleine Rücklage, falls es doch wieder mal Ärger geben sollte.

Gibt es Feedback der Yellow-Press-Leser?
Eher wenig, denn unsere Zielgruppe ist eine andere. Wir werden aber relativ häufig im Helene-Fischer-Forum verlinkt, wenn wir wieder einmal einen der falschen negativen Berichte über Helene Fischer und Florian Silbereisen thematisiert haben. Die Helene-Fischer-Fans landen meist per Google bei uns.

Wie definieren Sie eigentlich Regenbogenpresse?
Das funktioniert am besten, indem man schaut, was nicht dazu zählt. „Bunte“ zum Beispiel und „Gala“, die haben zwar ganz ähnliche Themen, also Promis und Adel, aber sie haben eine andere Arbeitsweise als die eigentliche Regenbogenpresse. Sie recherchieren, sie befragen auch die Gegenseite oder bieten dies zumindest an. Die Regenbogenpresse zeichnet sich dadurch aus, dass sie keinen journalistischen Anspruch hat und die Objekte ihrer Berichterstattung nicht befragt. Das bestätigen Medienanwälte und übrigens auch Betroffene wie zum Beispiel Günther Jauch.

Frank Behrens

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