Aus eigener Kraft
Aus eigener Kraft
17. März 2017

Eigene Währung, eigene Lebensmittel, eigene Energie: Das Elsass-Dorf Ungersheim schafft es, sich nahezu komplett selbst zu versorgen. Auch größere Städte wollen sich zu nachhaltigen „Transition Towns“ entwickeln. Doch ist das in Zeiten der Globalisierung überhaupt möglich – oder reine Utopie?

Wenn in Ungersheim die Sonne scheint, dann strahlt auch Jean-Claude Mensch. „An solchen Tagen können wir unseren Energiebedarf zu hundert Prozent decken“, sagt der Bürgermeister des Elsass-Dorfes, das über ein eigenes kommunales Solarkraftwerk verfügt. Mensch macht das stolz, denn der 71-Jährige hat geschafft, wovon andere Stadtoberhäupter nur träumen: Ungersheim ist nahezu komplett energieautark. Während nur 20 Kilometer entfernt das marode Atomkraftwerk Fessenheim für Aufregung sorgt, hat Mensch ein reines Gewissen. „Wir sind eine der wenigen Kommunen, die sich gegen Fessenheim aussprechen. Aber wir meckern nicht nur. Wir tun etwas.“

Im Jahre 2011 hat sich Ungersheim zur Transition Town erklärt. Die europaweit aktive Bewegung will in teilnehmenden Städten ein nachhaltiges Wirtschaftssystem aufbauen. Oder um es mit den Worten von Jean-Claude Mensch zu formulieren: „Wir versuchen uns aus den Zwängen des Kapitalismus zu befreien.“

Trotz solch markiger Sätze sieht Ungersheim nicht gerade aus wie ein Ort, in dem die Revolution tobt. Eher wie eines von vielen Dörfern im Elsass, die sich nach und nach von ihrer historischen Bausubstanz verabschieden. Die Kirche steht noch, aber fast überall ragen moderne, rote Dächer in den Himmel. In der Ferne brummt ein Traktor auf dem Acker. Ansonsten: gähnende Leere.

Doch der erste Eindruck täuscht. In Wahrheit hat Ungersheim schon erstaunlich viel erreicht auf dem Weg zum Öko-Dorf. Der Schulbus: durch ein Pferde-Fuhrwerk ersetzt. Die Straßenlaternen: auf energiesparende LEDs umgerüstet. Pestizide: aus der Landwirtschaft verbannt. Die neun jüngsten Wohnhäuser wurden im Niedrigenergie-Stil gebaut, öffentliche Gebäude mit Energieausweisen versehen. In der Schulkantine kommt Gemüse auf den Tisch, das von umliegenden Feldern stammt.

Wenn Jean-Claude Mensch von all diesen Projekten erzählt, sprüht er vor Energie. Er sei schon immer sehr links und grün gewesen, erzählt der 71-Jährige. Als er 1989 erstmals zum Bürgermeister gewählt wurde, galten viele seiner Ideen als utopisch. „Am Anfang musste ich kämpfen“, blickt Mensch zurück, und auch heute teilt längst nicht jeder im Dorf seine Ideen. Doch die Mehrheit der Ungersheimer scheint einverstanden zu sein mit dem Transition-Town-Modell: Jean-Claude Mensch wurde immer wieder im Amt bestätigt.

Sein neuestes Projekt ist in der Bevölkerung trotzdem noch kein Renner: Seit 2013 gibt es in Ungersheim den „Radis“ (Rettich), eine eigene lokale Währung. Die Scheine zeigen die Silhouette von Ungersheim und sind laut Mensch genauso viel Wert wie ihre Euro-Pendants. „Etwa zehn Prozent unserer Händler nutzen den Radis“, sagt der Bürgermeister. „Das könnten schon noch etwas mehr werden. Aber bei solchen Projekten dauert es eben eine Weile, bis sie sich entwickeln.“

Neue Währung: der „Radis“

Warum aber braucht ein Ort von nicht einmal 2.500 Einwohnern eine eigene Währung? „Um Anreize zu schaffen“, sagt Mensch. „Bevor sich die Leute ins Auto setzen und in einen Supermarkt fahren, der zu einem Großkonzern gehört, sollten sie lieber ihr Geld vor Ort ausgeben.“ Auf diese Weise könne irgendwann ein „geschlossener Kreislauf“ entstehen. Ist der Bürgermeister naiv, wenn er an solche Ziele glaubt? Surft er auf der gleichen Populismus-Welle wie der amerikanische Präsident Trump, der seine Wirtschaft vor ausländischer Konkurrenz abschotten möchte? „Mais non!“, antwortet Mensch entschieden, aber nein! „Wir wollen uns doch nicht verschließen, sondern ein neues Gesellschaftsmodell ausprobieren. Und dafür ist unsere Größe genau richtig.“
In der Tat stellt sich die Frage, ob sich die Idee der Transition Towns auch auf größere Städte übertragen lässt. Könnten sich Mulhouse oder Straßburg auch selbst versorgen? Woher kämen Energie und Nahrung? Könnte man Landwirten überhaupt vorschreiben, an wen sie ihre Ware verkaufen? Jean-Claude Mensch muss nicht lange überlegen, um diese Fragen zu beantworten. Er hat sie schon oft gehört. „Natürlich müsste man das Modell anpassen“, sagt er. „Auch wir haben schließlich längst nicht alles geschafft, sondern sind nur auf dem Weg zum Ziel.“ Dann lacht er, weil ihm noch ein anderer Gedanke zur Selbstversorgung kommt: „Komplette Autarkie ist schwierig. Die Leute wollen doch auch mal Reis essen – und ich sehe hier nirgendwo ein Reisfeld.“

Mit solchen Hürden müssen sich auch die deutschen Transition-Gruppen auseinandersetzen. Auch hierzulande wollen sich zahlreiche Menschen von den (wie sie es empfinden) Zwängen des Kapitalismus lösen. Die Schwerpunkte unterscheiden sich je nach Region stark: Manche Gruppen konzentrieren sich auf Energiepolitik, andere auf Landwirtschaft oder alternative Wohnprojekte. Dass sich eine Stadt selbst als Transition Town bezeichnet und der Bürgermeister diese Politik aktiv vorantreibt, bleibt jedoch die Ausnahme.

„Je kleiner das Dorf ist, desto leichter gelingt der Wandel“, meint Hannes Steinhilber (25), Gründer und Vorstandsmitglied von „Transition Town Freiburg“. In Freiburg, der Studentenstadt von Ungersheim aus auf der anderen Seite des Rheins, konzentrieren sich die Aktivisten hauptsächlich aufs gemeinschaftliche Gärtnern. Zudem organisieren die Mitglieder ein monatliches „Repair Café“, um defekte Geräte vor dem Wegwerfen zu retten. „Wir arbeiten gut mit dem Garten- und Tiefbauamt zusammen“, sagt Steinhilber. „Zum Beispiel bei der Entwicklung der neuen Strategie für Grünflächen und Schrebergärten.“ Der große politische Wurf wie in Ungersheim? Klingt anders.

Vorwerfen kann man den Freiburger Transition-Aktivisten aber nichts, denn sie leiden gewissermaßen unter einem Luxusproblem: Die Stadt ist bereits stark ökologisch ausgerichtet. „Seit über 30 Jahren passiert hier sehr viel“, sagt Steinhilber, „und die Freiburger identifizieren sich sehr stark mit ihren eigenen Projekten.“ Lokale Währung, CO2-Einspar-Versuche, Green-City-Initiativen – all das gibt es bereits, aber es ist schwer zu koordinieren. Zumal die Transition-Town-Initiative in Freiburg erst seit 2011 existiert.

Die weiteren Pläne? „Auch mal Getreide anbauen“, sagt der Freiburger Transition-Town-Gründer. Darüber hinaus arbeite die Gruppe an einem „Wandelkalender“: einer Online-Plattform, in der die Aktivitäten der verschiedenen Initiativen zusammengetragen werden.

In Ungersheim wiederum plant Jean-Claude Mensch neue Wege der Vermarktung: Demnächst soll in seinem Dorf ein Hofladen entstehen, in dem Touristen lokale Produkte kaufen. Und Bier. Doch damit dauert es noch ein wenig – die Gerste fürs Malz muss zunächst einmal wachsen.

Von Steve Przybilla



Beispiele für Transition Towns:

Berlin: In Berlin gibt es gleich mehrere Gruppen, zum Beispiel „Wedding-Wandler“ (Tauschring, Fahrrad-Projekte, solidarische Landwirtschaft), „Transition Town Pankow“ (Leih- und Schenkladen, Gemeinschaftsgarten, Reste-Restaurant) oder „Kiezwandler Charlottenburg“ (Kräuter-Anbau, alternative Stadtrundgänge et cetera).

Dresden: In der Plattform „Dresden im Wandel“ finden sich zahlreiche Vereine zusammen. Ihre Inhalte reichen von erneuerbarer Energie über Hanf-Anbau bis hin zum „Transition-Theater“.

Nürnberg: Der Verein Bluepingu e.V. koordiniert viele Projekte, zum Beispiel zu Foodsharing, Bildungsarbeit, Fair-Trade und einem „Agenda-21-Kino“.




„Keine Abschottung, sondern Regionalisierung“

Das Schwierigste auf dem Weg zu einer „Transition Town“ ist über den Anfang hinauszukommen, sagt Matthias Wanner. Er plädiert dafür, viele kleine Initiativen zu gründen.

Herr Wanner, Transition Town klingt ja sehr schick – aber was ist das überhaupt?

Das ist eine Initiative, die sich mit ökologischen und sozialen Themen auseinandersetzt. Sie versucht, die großen Probleme durch einen kulturellen Wandel zu lösen: weniger Strom und Wasser verbrauchen, sparsamer mit Ressourcen umgehen, Geräte auch mal reparieren …

Gibt es auch Städte, die diese Politik ganz offiziell verfolgen – so wie Ungersheim?

Die gibt es, aber es sind nur ganz wenige. Man darf Transition Towns nicht mit offiziellen Labels wie „Fair-Trade-Stadt“ oder „Green City“ verwechseln. Es handelt sich hier um eine zivilgesellschaftliche Bewegung, weshalb die Umsetzung je nach Stadt ganz unterschiedlich ausfällt: Manche setzen voll und ganz auf „urbanes Gärtnern“, andere probieren Genossenschaftsmodelle oder lokale Währungen aus. Ungersheim ist also schon etwas Besonderes, weil der Bürgermeister aktiv mitmacht.

Welche Transition Towns sind in Deutschland beson­ders erfolgreich?

Da gibt es einige, zum Beispiel Bielefeld, Kassel, Dresden, Witzenhausen, Nürnberg, Göttingen oder Hannover. Dort gibt es einen regen Austausch zwischen den Bürgern und den Stadtverwaltungen. Auch Bonn und Greifswald sind weit vorne.

Was ist die größte Hürde bei der Umsetzung einer Transition Town?

Über das Anfangsstadium hinauszukommen. Die Initiativen müssen sich darüber im Klaren werden, welche Themen sie bearbeiten wollen, und dazu auf eine gute Gruppendynamik achten – also eine Mischung aus Professionalität und Lockerheit. Zum Glück gibt es gute Leitfäden, die sich neue Gruppen im Internet anschauen können. Da muss man das Rad nicht jedes Mal neu erfinden.

In Ungersheim wollen sich die Einwohner komplett selbst versorgen. Wie soll so etwas bei Großstädten funktionieren?

(lacht) Das ist nicht mal bei Kleinstädten einfach. Aber es geht auch gar nicht darum, sich ein starres Ziel zu setzen. In Großstädten lassen sich die Vorhaben am besten umsetzen, indem man viele kleine Initiativen gründet – London hat 40. Man lernt seine Nachbarn kennen, fragt sich, wie das Zusammenleben in zehn Jahren aussehen soll, und wird von der Gewissheit getragen: „Wir können etwas erreichen.“

Ein afrikanischer Kleinbauer hat herzlich wenig davon, wenn sich ein Dorf in Europa seinen eigenen Wirtschaftskreislauf schafft. Wie kann eine Transition Town da fair und sozial sein?

Transition Towns wollen keine Abschottung, sondern eine stärkere Regionalisierung. Gegen die massiven EU-Agrarsubventionen für industrielle Landwirtschaftsprodukte hat der afrikanische Kleinbauer sowieso keine Chancen. Transition Towns setzen sich für Nachhaltigkeit zunächst einmal vor der eigenen Haustür ein. Das kann aber durchaus positive strukturelle Folgen haben – zum Beispiel wenn sich die Art der Nahrungsmittelproduktion vor Ort verändert. Davon hat auch der afrikanische Kleinbauer etwas, weil seine Lebensgrundlage nicht beeinträchtigt wird.

Wie stark wird die Bewegung in den nächsten Jahren noch wachsen?

Mein Gefühl ist, dass es in vielen Gemeinden Menschen gibt, die ähnlich denken. Ob die sich nun Transition Town oder Ökodorf nennen, ist zweitrangig. Natürlich schlafen auch Gruppen ein, wenn sie frustriert sind, dass nicht alles gleich klappt. Aber insgesamt bin ich optimistisch, weil es inzwischen viel Ansporn von offizieller Seite gibt. So wie in Ungersheim.

Interview: Steve Przybilla



Zur Person:

Matthias Wanner (31), Nachhaltigkeitsforscher, arbeitet derzeit am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie. Von 2011 bis 2014 hat er Transition-Initiativen als Trainer beraten; von 2013 bis 2016 arbeitete er als Referent im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung („Globale Umweltveränderung“).



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