"Die Uni wird schriftlich entmündigt"
"Die Uni wird schriftlich entmündigt"
24. April 2015

Die Erziehungsmethoden der 50er-Jahre sind gescheitert. Die Uni ist erwachsen geworden, will auf eigenen Beinen stehen. Dazu gehört Vertrauen in die Fähigkeiten der Hochschule. Misstrauen hat sie nicht verdient. Ein Plädoyer für mehr Autonomie.

Wenn ein junger Mensch Abitur macht und ein Studium beginnen möchte, von zu Hause ausziehen will, lernen möchte, Wäsche zu waschen, Essen zu kochen, sprich: Wenn dieser junge Mensch selbstständig wird, was sollten seine Eltern dann tun? Ihn ziehen lassen mit Stolz und in der Gewissheit, dass man alles – oder zumindest vieles – richtig gemacht hat? Oder den Spross weiterhin im Kinderzimmer wohnen lassen, ihn weiter bekochen, weiterhin seine Wäsche waschen und ihm auch noch vorgeben, welchen Beruf er zu erlernen hat?

Eltern müssen ihre Kinder gehen lassen

Zur Beantwortung dieser – rhetorischen – Frage muss man kein Psychologe sein: Selbstverständlich ist es in dieser Situation das einzig Richtige, Sohn oder Tochter in die Selbstständigkeit zu entlassen. Betrachte ich die Universität nun als solch einen jungen Menschen, der in den vergangenen Jahren gelernt hat, auf eigenen Beinen zu stehen, so sehe ich leider die Gefahr, dass die Umzugskisten wieder ins Kinderzimmer zurückgetragen werden, während Mutti und Vati dem Spross sagen, dass er jetzt erstmal „was Vernünftiges“ lernen soll, bevor er mit seinen hochfliegenden Plänen scheitert.

Die Hausordnung in diesem elterlichen Haushalt ist der Landeshochschulentwicklungsplan (LHEP), der haarklein regelt, was wann wie an der Universität zu tun ist. Er konterkariert die Idee einer Hochschulautonomie, die mit der Einführung des ersten Globalhaushalts 2004 einen Quantensprung in der Entwicklung unserer Universität markierte.

Seit die Universität ihre Geschicke komplett selbst in die Hand nehmen kann, kontrolliert und beraten von einem Universitätsrat, geht es mit ihr immer nur in eine Richtung: bergauf. In die Universitätsgeschichte des vergangenen Jahrzehnts fielen zum Beispiel der doppelte Erfolg in der Exzellenzinitiative, die Etablierung von aktuell fünf von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Sonderforschungsbereichen, dazu die Zusammenstellung eines Lehrangebots, das in seiner Breite den Anforderungen im Saarland gerecht wird und dessen Qualität der Universität als einer der ersten bundesweit die begehrte Zertifizierung als systemakkreditierte Hochschule eingebracht hat. Solche Erfolge sind nicht zuletzt die Früchte einer weitreichenden Hochschulautonomie. Wenn der LHEP tatsächlich so umgesetzt werden sollte, wie er im März verabschiedet wurde, markiert er nicht weniger als das Ende dieser Erfolgsgeschichte. Er ist die schriftlich fixierte Entmündigung einer eigentlich erwachsen gewordenen Institution.

Wenn ein Plan so weit geht, bis auf die inhaltliche Ebene einzelner Professuren Vorgaben zu machen oder zu bestimmen, wie genau Stipendien verwaltet werden, wird dabei nach allen Regeln der Psychologie nichts Vernünftiges dabei rauskommen. Die Betroffenen empfinden solch enge Vorgaben als Gängelung und Bevormundung, und um im eingangs skizzierten Bild zu bleiben: Streit zwischen Eltern und Kind ist vorprogrammiert.

Dabei wäre die Situation für beide Seiten gut zu lösen. Denn grundsätzlich ist es natürlich gut und richtig, wenn das Land den finanziellen Rahmen markiert sowie Ansprüche an seine Universität stellt und ihr sagt, was es von ihr erwartet. Wie wir diese Ansprüche aber umsetzen, welche Professuren wir dabei ausschreiben und besetzen, wie wir gar einzelne Verwaltungsaufgaben zuschneiden, das sollten wir an der Universität selbst entscheiden. Dazu gehört auch ein gutes Stück Vertrauen in unsere Fähigkeiten. Ich hätte Verständnis für das jetzige Vorgehen, die Universität en détail steuern zu wollen, wenn wir in der Vergangenheit dieses Vertrauen missbraucht hätten, wenn wir mit dem Geld der Steuerzahler Schindluder getrieben hätten.

Die Umsetzung muss die Uni selbst entscheiden können

Das aber ist nicht der Fall, im Gegenteil. Wir haben im vergangenen Jahrzehnt bewiesen, dass man uns vertrauen kann, dass wir unserer Verantwortung gerecht geworden sind. Daher kann die Zukunft nicht nach dem Motto „So lange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, wird getan, was ich möchte“ funktionieren. Diese Erziehungsmethode ist spätestens seit den 1950er Jahren gescheitert. Ich hoffe, dass diese Einsicht sich bis zu den bald beginnenden Verhandlungen über die Ziel- und Leistungsvereinbarungen überall im Saarland durchsetzt.
Dann hätten die Eltern allen Grund dazu, weiterhin stolz auf ihr Kind zu sein.

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr.Volker Linneweber, Präsident der Universität des Saarlandes

Zur Person
Professor Dr. Volker Linneweber ist 1951 bei Bielefeld geboren. Er hat in Münster unter anderem Psychologie studiert und dort auch promoviert. Seit 2006 ist er Präsident der Universität des Saarlandes.




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