FC Bayern mal zwanzig
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7. März 2014

Konzentration der sozialen Netzwerke: Facebook kauft WhatsApp für 19 Milliarden US-Dollar – droht am Ende eine neue Internet-Blase?

Am 20. Februar wurde der Deal verkündet und der Spott war ihm gewiss. Etwa, was Facebook-CEO Mark Zuckerberg sich für die 19 Milliarden US-Dollar (rund 13,8 Milliarden Euro) sonst noch Schickes hätte kaufen können: Zwanzigmal den FC Bayern München, rechnete Deutschlands größte Boulevardzeitung vor, oder 3,2 Mal den Berliner Großflughafen in spe. Als drei Tage später, am 23. Februar, die WhatsApp-Dienste dann auch noch über Stunden hinweg ausfielen, flüchteten sich viele der etwa 30 Millionen deutschen WhatsApp-User – weltweit sind es rund 465 Millionen – in Galgenhumor: Facebook habe das viele Geld wohl nur bezahlt, um WhatsApp abzuschalten, so der Tenor.

So verständlich der Spott über Facebook angesichts der astronomischen Summe ist, es gibt auch Stimmen, die den Deal zu erklären versuchen. So erinnerte das Frankfurter Marketingmagazin „Horizont“ an die Häme, mit der Google anno 2006 bedacht wurde, als es die Videoplattform YouTube für damals ähnlich unvorstellbare 1,6 Milliarden US-Dollar übernommen hatte: „Heute ist YouTube die Plattform für Google, um den milliardenschweren TV- und Bewegtbildmarkt zu annektieren“, so Chefredakteur Volker Schütz in einem Kommentar. Und er ahnt, warum in diesem Fall Mark Zuckerberg derjenige sein könnte, der zuletzt lacht: Mit WhatsApp habe Facebook endlich die Applikation, um im mobilen Internet, dem Online-Wachstumsmarkt schlechthin, auf Augenhöhe gegen Google und Apple anzutreten, die mit Android und iOS über eigene Smartphone-Betriebssysteme verfügen.

„Die Rechnungen, die manch einer im Netz aufmacht“, sagt Björn Eichstädt, Geschäftsführer der auf Hightech spezialisierten Tübinger PR-Agentur Storymaker, „kommen noch aus dem Zeitalter der Industrialisierung, als sich der Wert einer Firma danach bemaß, wie viele Arbeiter am Fließband standen und wie viele Lagerhallen sie besaß.“ Die Dinge hätten aber „im digitalen und globalen Kontext eine andere Dimension, die wir noch immer nicht ganz überblicken können. Die Folge: Spott.“

Was genau ist WhatsApp eigentlich? Die Smartphone-Anwendung wurde 2009 von dem US-Programmierer Jan Koum gestartet. Wer WhatsApp auf sein Handy lädt, ist nicht mehr auf die kostenpflichtigen SMS-Dienste der Mobilfunkkonzerne angewiesen, um Kurznachrichten mit Freunden und Bekannten auszutauschen – vorausgesetzt natürlich, die sind auch bei WhatsApp angemeldet. Für den werbefreien Dienst wird lediglich eine jährliche Gebühr von einem US-Dollar (89 Euro-Cent) fällig. Ein Angebot, das nicht nur Teenager begeisterte. Zuletzt verzeichnete WhatsApp täglich eine Million neue User. Und das alles ganz ohne Marketing.

WhatsApp war schon vor der Übernahme durch Facebook nicht allein durch sein exorbitantes Wachstum aufgefallen. Im Zuge der besonders in Deutschland sehr heftig geführten, vom NSA-Skandal befeuerten Datenschutz-Debatte kam der Deutschen beliebteste Smartphone-App ins Gerede. So überträgt WhatsApp sämtliche Kontakte in den Adressbüchern der Nutzer auf seine in den USA installierten Server. Zudem wurden die Nachrichten des Messengers lange gänzlich unverschlüsselt übertragen – und auch die inzwischen eingesetzte Verschlüsselung scheint nicht über jeden Zweifel erhaben. Die Unsicherheit betrifft auch die Nutzerkonten, die nach Ansicht von Experten relativ leicht von außen einzusehen sind. Doch damit nicht genug: Die Anwendung erlaubt es jedem Nutzer, zu sehen, wann die Kontakte die App zuletzt genutzt haben. Der WhatsApp-User ist also gewissermaßen gläsern; eine Funktionalität, die sich nicht zuletzt bei Eltern großer Beliebtheit erfreut, die wissen wollen, was ihr Nachwuchs so treibt.

Kein Wunder, dass sich nach der Übernahme durch Facebook, seinerseits nicht gerade ein Datenschutz-Musterknabe, Berichte über massenhafte Abwanderung von WhatsApp-Usern häufen. 25 Prozent der deutschen Nutzer wollen sich laut einer Umfrage der Marktforschung Advise, durchgeführt in den Tagen nach dem Facebook-Deal, nach einer Alternative umsehen; fünf Prozent gaben an, WhatsApp nicht mehr zu nutzen. Die Schweizer Messenger-Dienste Threema und myEnigma berichten von zahllosen neuen Usern in Deutschland. Threema vermeldete eine Million neue User in vier Tagen, was die Zürcher an die Spitze der deutschen App-Charts stürmen ließ. Und bei myEnigma verzehnfachte sich die Anzahl der Nutzer in einer knappen Woche. Beide Dienste unterliegen den strengen Schweizer Datenschutzbestimmungen. „Wir sind nicht verpflichtet, freiwillig Daten an Regierungen herauszugeben“, sagte Marlene Frey, Sprecherin des ursprünglich als militärische Anwendung gestarteten myEnigma, dem NDR. Ein weiterer alternativer Anbieter mit stolzen Steigerungsraten ist Line aus Japan mit weltweit 260 Millionen Nutzern oder Telegram aus Berlin, das seit dem 20. Februar acht Millionen neue Kunden gewonnen haben soll.

WhatsApp-Alternativen boomen

Ob die Abwanderungsbewegungen sich auf Dauer verstetigen und diejenigen, die sich bei der Konkurrenz anmelden, WhatsApp tatsächlich nicht mehr nutzen, bleibt abzuwarten. Denn ein Messenger-Dienst funktioniert für den einzelnen User nur, wenn möglichst alle Bekannten ihn ebenfalls nutzen.

Und die frisch gebackene Facebook-Tochter WhatsApp schläft nicht – sie hat einen Online-Telefonie-Dienst angekündigt. „Facebook ist schon seit Jahren dabei, eine neue globale Kommunikationsinfrastruktur aufzubauen“, sagt Björn Eichstädt. „Wo wir früher Telefon und Fax als weltumspannende Ansätze hatten, sind heute Social Networks und Messenger die ‚Anschlüsse‘ des modernen Users. Wenn Zuckerberg die Welt vernetzen will, wie er es immer wieder postuliert hat, dann passt der Kauf von WhatsApp wunderbar zu diesem Ziel. Und die 19 Milliarden Dollar wurden ja auch nur in kleinen Teilen bar bezahlt, der Rest in Aktien – das sollte man auch nicht verkennen. So werden auch die wichtigen Leute bei WhatsApp an Facebook gebunden.“

Die Experten glauben offenbar nicht daran, dass der Facebook-WhatsApp-Deal zwangsläufig der Auftakt zu einer neuen Internetblase ist. Das rasante Wachstum in Verbindung mit neuen Erlösmodellen – etwa einem Werbefenster für eine mögliche WhatsApp-Light-Version – könnte den teuren Kauf langfristig refinanzieren. Dennoch bleibt auch für „Horizont“-Chefredakteur Schütz ein Risiko: Für den Online-Markt insgesamt sei die hohe Kaufsumme, auch wenn sie tatsächlich zum größeren Teil über Aktientausch finanziert wird, schlecht, denn es erhielten jetzt auf einmal auch „Klitschen“ eine astronomische Bewertung: „Irgendwann wird der Markt überhitzen.“


Frank Behrens

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