Mode als Berufung
Mode als Berufung
6. Januar 2017

Sie hat lange daran gearbeitet, ihre Leidenschaft für Mode zum Beruf zu machen. Anita Tillmann ging vor über zehn Jahren mit der Gründung der Modemesse „Premium“ ein Risiko ein – seither hat sich die Schau zu einer der erfolgreichsten in Europa entwickelt.

Von ihrem Schreibtisch aus hat sie ihren zweiten Arbeitsplatz quasi im Blick – die Gebäude des früheren Postgüterbahnhofs am Gleisdreieck nämlich, in denen zweimal im Jahr die Modemesse „Premium“ stattfindet. Für diese laufen gerade die letzten Vorbereitungen, denn von Mitte Januar an treffen sich in Berlin wieder Einkäufer und Fashion-Experten aus aller Welt, um sich hier über die neuesten Trends zu informieren. Auch wenn die Zahl der im Rahmen der Fashionweek stattfindenden Messen und Veranstaltungen deutlich zugenommen hat, die Modemesse „Panorama“ von Schönefeld an einen deutlich zentraleren Ort, nämlich auf das Messegelände am Funkturm, gezogen ist: Die „Premium“ bleibt für Fachbesucher einer der wichtigsten Anlaufpunkte.

Ob sie die ständig wachsende Anzahl von Events im Rahmen der Fashionweek als problematisch betrachte? Anita Tillman schüttelt den Kopf. Die gebürtige Düsseldorferin hatte 2003 die Idee oder vielmehr die Vision, in Berlin eine Modemesse ins Leben zu rufen. Zu einem Zeitpunkt, als die Bundeshauptstadt im internationalen Modebusiness eher als Fliegengewicht galt. Doch Anita Tillmann und ihr Geschäftspartner Norbert Tillmann setzten auf Risiko, als sie ihre erste „Premium“ in einem ungenutzten Tunnel der U-Bahn-Linie 3 unter dem Potsdamer Platz organisierten. Das Konzept ging auf. Nachdem sie die „Premium“ einige Male organisiert hatten, konnten die Messeveranstalter Gewinne in das leerstehende Gelände am Gleisdreieck investieren. 2007 war das, in Berlin hatte gerade die erste vom amerikanischen Veranstalter IMG organisierte Fashionweek stattgefunden. Neben der „Premium“ kamen andere Messen hinzu, darunter auch die von Karl-Heinz Müller initiierte „Bread & Butter“.

Einige der damals ins Leben gerufenen Events gibt es längst nicht mehr oder sie sind aus Berlin abgewandert. Die „Premium“ hingegen hat sich zu einer festen Größe entwickelt. Und so blickt Anita Tillmann, diplomierte Ingenieurin der Textil- und Bekleidungstechnik, gelassen auf neue Veranstaltungen, die sich um das Kernevent Fashionweek gruppieren.

Start im Jahr 2007 –
in einem leer stehenden U-Bahn-Tunnel

Konkurrenz belebe eindeutig das Geschäft, sagt die Geschäftsführerin der Premium Exhibitions Group. Der Modestandort Berlin werde durch ein breites Spektrum an ganz unterschiedlichen Angeboten noch attraktiver, gerade für internationale Besucher. Und die machen mittlerweile mit 69 Prozent den Löwenanteil des Publikums aus. Das größte Kontingent dabei stellt Südeuropa mit 20 Prozent, dicht gefolgt von Frankreich und den Beneluxstaaten. Aber auch aus Übersee, aus Großbritannien und Skandinavien kommt eine stattliche Zahl von Fachbesuchern – für Messegründerin Anita Tillmann ein Zeichen dafür, dass ihr Konzept längst aufgegangen ist.

In den Hallen des ehemaligen Postgüterbahnhofs werden vor Backstein und übertünchtem Mauerwerk ausgesuchte Kollektionen internationaler Designer gezeigt. Ein Gang über das Gelände gleicht einem Blick ins Who’s who anspruchsvoller Modelabels und Trendprodukte aus aller Welt. Rund 1.000 Marken mit etwa 1.800 Kollektionen präsentieren sich bei der „Premium“ – und die Bandbreite reicht dabei von Pringle of Scotland über Talbot Runhof und Kaviar Gauche bis hin zu den Berliner Sonnenbrillendesignern von Kuboraum. Ausgesucht wird nach dem Motto „Qualität statt Quantität“. Das, sagt Anita Tillmann, setze sorgfältiges Kuratieren voraus, denn die „Premium“ sei keine Messe für Massenware. Genauso wichtig und offensichtlich vom Publikum gut angenommen ist das einheitliche Standdesign – so wird die Aufmerksamkeit auf die Kollektionen gelenkt, allen Ausstellern die gleiche Aufmerksamkeit garantiert. Denn genau wie zur Gründung vor über zehn Jahren hat die „Premium“ eines im Blickpunkt: dem Handel die interessantesten Kollektionen einer Saison aus aller Welt zu präsentieren. Und das – sehr besucherfreundlich – an einem Ort versammelt und zu einem möglichst frühen Zeitpunkt im Jahr.

Wie aber schafft man es, als Organisator einer Modemesse diese über viele Jahre hinweg zum Anziehungspunkt für anspruchsvolle internationale Fachleute zu machen? Anita Tillmanns Antwort kommt ohne Zögern: indem man bei jeder Ausgabe zusätzliche Akzente setze. Gerade wurde zum Beispiel ein Bereich mit koreanischen oder koreanisch inspirierten Marken zusammengestellt. Relativ neu ist auch, dass kleine Beauty-Brands dabei sind. Eine Erweiterung, sagt Anita Tillmann, die auch für die Einkäufer interessant sei, denn viele von ihnen sind für Concept Stores unterwegs, die Trendiges vom Notebook bis zur veganen Bodylotion anbieten. Messebesucher, die ständig auf der Suche sind nach neuen Produkten, die in ihr Portfolio passen, denn schließlich gilt es, das Umsatzpotenzial zu steigern. Und für die Hersteller selbst sei es auch attraktiv, sich im Rahmen einer Messe wie der „Premium“ präsentieren zu können: Sie profitieren davon, dass sie vor Ort direkt Kontakt zu den Geschäftsinhabern knüpfen können.

Bei einem weiteren Bereich, der in den vergangenen Jahren hinzugekommen ist, geht es um „Active Wear“, um hochwertige Trainingskleidung für Yoga beispielsweise. Auch dieses Segment sei gut bei den Besuchern angekommen, sagt die Messegründerin. Doch oft beschäftige sie auch die Frage, wie experimentierfreudig die Einkäufer wären. Die Organisatoren probierten vieles aus, aber nicht alles funktioniere.

Mehrwert für die Besucher durch immer wieder neue Akzente

Das allerdings gilt nicht für die Fashiontech, die mittlerweile bereits zum dritten Mal im benachbarten Kühlhaus ausgerichtet wurde. Rund 3.500 Besucher kamen zuletzt im Sommer 2016 zu der Konferenz und Ausstellung, die die Verbindung von Mode und zukunftsweisenden Technologien in den Mittelpunkt stellt. Designer, Technik-Experten, Politiker und Marketingfachleute stellten Entwürfe und Konzepte vor, diskutierten über Umsetzbarkeit und Wachstumschancen des Marktes, der offenbar über ein beachtliches Potenzial verfügt. Kein Wunder, sagt Anita Tillmann, auch international werde Deutschland gerade in diesem Bereich viel zugetraut. Ideen und Konzepte rund um die Schnittstelle zwischen Technologie und Fashion gebe es immer mehr, doch vieles sei noch nicht ausgereift, existiere gerade einmal als Prototyp. Wie kann daraus ein Produkt werden, das in größerer Zahl hergestellt wird? Wo sind Kooperationspartner für eine eventuelle kommerzielle Fertigung zu finden? Auch hierbei sieht sich die Fashiontech als Austauschbörse und Kommunikationsplattform. Und ihre Erfinder Anita und Ehemann Ole Tillmann investieren in dieses Segment der großen „Premium“, um den Besuchern einen Mehrwert anzubieten.

Doch damit nicht genug: Bei jeder Ausgabe der Modemesse geht es auch um die Förderung des Designernachwuchses. Denn der liegt Anita Tillmann am Herzen. Und so werden quasi zum Auftakt der „Premium“ die „Young Designer Awards“ verliehen – in den Kategorien Damen- und Herrenmode sowie Accessoires. Die Preisträger können sich nicht nur über Publicity, sondern auch über einen mietfreien Messestand freuen –

für junge Brands eine hervorragende Möglichkeit, sich einem internationalen Fachpublikum zu präsentieren. Das wird auch bei der Winterausgabe der „Premium“ wieder zu Zehntausenden in die Hallen am Gleisdreieck strömen, sichten, Kontakte knüpfen, ordern. Und somit voraussichtlich für eine weitere gute Bilanz der Messe sorgen, die sich ständig verändert und weiterentwickelt. So wie die Branche, für die sie steht.

Sabine Loeprick

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