Sicher Starten
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9. Juni 2017

Mit dem Einzug in das frisch­ge­gründete Start-up-Center in Neunkirchen wagen die Existenz­gründer Anika Meyer und Michael Loch einen Sprung ins Ungewisse. Doch was sie dort vor­finden, ist weit mehr als nur mietfreie, technisch voll aus­ge-­stattete Arbeitsplätze.

Ein Mausklick und schon geht’s los. Auf dem großen Plasmafernseher erscheint die erste Titelseite des neuen Freizeit-Magazins „Sonah”. Parallel dazu verteilt Jungunternehmerin und Verlagsgründerin Anika Meyer ein paar frischgedruckte Exemplare. „Das fertige Heft wird wesentlich umfangreicher“, erklärt die 30-Jährige. „Was man hier sieht, ist lediglich ein Ansichtsexemplar für potenzielle Werbekunden.“

Gestartet wird mit einer Auflage von 3.000 Exemplaren. Das anfängliche Verlustgeschäft hat Meyer einkalkuliert. „Mir ist bewusst, dass es noch dauern wird, bis ich schwarze Zahlen schreiben kann“, sagt sie. Doch mit der Zeit findet das frischgegründete Magazin seine Nische, da ist die junge Verlegerin mehr als zuversichtlich.

Als Garant gilt der akribisch aufgestellte Businessplan. Diesen hat  die junge Frau mithilfe einer Steuerberatungsgesellschaft konzipiert. Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft im Landkreis Neunkirchen (WFG) steht Meyer beratend zur Seite. „Zum Glück“, betont die Gründerin. „Zunächst hatte ich ziemlich falsche Vorstellungen.“

Diese kennt Klaus Häusler nur zu gut. Seit rund 15 Jahren beobachtet der zertifizierte Wirtschaftsförderer als WFG-Geschäftsführer die regionale Gründerlandschaft und weiß um die zahlreichen Probleme der angehenden Selbstständigen. Im Gegensatz zur Festanstellung bringt die wirtschaftliche Selbstständigkeit auch eine Vielzahl an Risiken mit sich. Und das hat gravierende Folgen. „Die Anzahl der saarländischen Existenzgründer ist schon länger rückläufig“, bedauert Häusler.

Anzahl der Gründer ist rückläufig

Auch Meyer kennt aus eigener Erfahrung, welche Hürden eine Unternehmensgründung mit sich bringen kann. „Viele warnten mich davor, ein eigenes Verlagshaus ins Leben zu rufen und fragten, ob ich es mir auch gut überlegt hätte“, berichtet die studierte Kunsthistorikerin. Schließlich ist die Medienbranche nicht gerade einfach, Erfolg und Niederlage liegen hier sehr nah beieinander. Doch die 30-Jährige ließ sich davon nicht abschrecken und erstellte ihr erstes Unternehmenskonzept. Verlagshaus und ein eigenes Hochglanzmagazin, beides unter dem Namen „Sonah“.


Das Heft soll vierteljährlich erscheinen und das Unbekannte der Großregion wiedergeben. Die meiste Arbeit bewältigt Meyer dabei im Alleingang. „Ich habe zwar zwei freie Journalisten, die mir Geschichten zuliefern, doch der Hauptteil der Berichte kommt von mir“, sagt sie. Dabei stützt sich Meyer auf die eigene praktische Berufserfahrung: Sechs Jahre lang belieferte sie als freie Mitarbeiterin parallel zu ihrem Studium lokale Medien wie die „Saarbrücker Zeitung“ und das Kulturmagazin „Opus“. Zu dieser Zeit wurde auch die Idee zum Start-Up geboren. „Damals dachte ich, dass ich schon in drei Monaten auf den Markt kommen kann“, berichtet die Erstgründerin. Rückblickend wirkt diese Hypothese für Meyer fast schon naiv. Von der Idee bis zur Umsetzung vergingen zwei ganze Jahre.

Trotz ungeplanter Verzögerung punktet die Verlagsgründerin mit Timing. Während eines ihrer Beratungsgespräche bei der WFG hört Meyer zum ersten Mal von einem angedachten Start-up-Center im neu gestalteten Bliesquartier. Ohne zu zögern, reicht die Existenzgründerin eine formlose Bewerbung ein und ergattert damit einen der ersten Arbeitsbereiche.

„Die Nutzung der Gründerbüros ist zeitlich auf sechs Monate begrenzt“, erklärt Häusler. Seit Anfang April dieses Jahres stehen den saarländischen Gründern die technisch voll ausgestatteten und individuell eingerichteten Büroräume auf der Etage der WFG zur Verfügung. Nach Ablauf der Frist müssen die Nutzer ausziehen, um Platz für neue Büroanwärter zu machen. Doch auf die Straße gesetzt werden die jungen Leute natürlich nicht.

Wir als WFG helfen selbstverständlich bei der Suche nach den Anschluss­quartieren in privater Wirtschaft“, betont Häusler. Finanziert wird das Start-up-Center im Rahmen des Modellvorhabens „Land(auf)Schwung“ über vom Bund bewilligte Fördermittel.

Für Meyer erfüllt sich mit diesem Gründerbüro ein Traum. „Ich habe hier alles, was ich brauche“, berichtet die Erstgründerin. Neben einem Computer und Telefon punktet das sonnige und hell eingerichtete Büro sogar mit dem bereits erwähnten Plasmafernseher. „Nach Bedarf können weitere technische Hilfsmittel angekauft werden“, weiß Meyer. Auch hierbei übernimmt die WFG die Kosten.


Ein weiterer wichtiger Vorteil des Start-up-Centers in Neunkirchen ist die direkte Vernetzung mit der WFG. Beide Institutionen befinden sich auf derselben Etage und teilen sich ein Sekretariat mit einer angrenzenden Lounge. Begegnungen mit potenziellen neuen Partnern sind somit an der Tagesordnung.

Mietfrei und
voll ausgestattet

„Bis jetzt führte jedes dieser zufälligen Gespräch zu einem Auftrag“, berichtet Michael Loch. So wie Meyer gehört auch Loch als Erstgründer zu den Pionieren des neugebauten Start-up-Centers. Doch im Gegensatz zu seiner Kollegin arbeitet Loch im digitalen Bereich. Mit seiner neugegründeten Firma „Attract Interest“ bietet der studierte Betriebswirt Online-Marketing und Webdesign an. Das Besondere an seinem Konzept ist die nachhaltige Betreuung seiner Kundschaft. „Auch nach dem Ende meines Auftrages stehe ich den Kunden zur Verfügung“, sagt Loch. Die nachhaltige Wartung und das Hosting der Webseite, sowie Beratung hinsichtlich geeigneter Marketing-Maßnahmen gehören zum Full-Service-Paket des Erstgründers.


Als er von den neuen Gründerbüros Wind bekam, schlug Loch gleich zu. „Ich habe hier alles, was das Unternehmerherz begehrt: Die Nutzung der kompletten Infrastruktur, ein WFG-Sekretariat das auch meine Anrufe entgegennimmt, falls ich auf Termin sein sollte, und Kontakte zu externen Netzwerkpartnern. Neben dem Wirtschaftsministerium und der Industrie- und Handelskammer kooperiert die WFG unter anderem auch mit der Saarländischen Investitionskreditbank.

„Zudem steht unseren Erstgründern eine eigene Projektleiterin zur Verfügung“, fügt Häusler an. Neben einer beratenden Funktion kümmert sich die Expertin um die Organisation von Workshops, Seminaren und Vorträgen rund um die Themen, die Gründer bewegen. „Wer also Erstgründer ist, ist herzlich willkommen“, betont Häusler. „Drei unserer Büros stehen noch zur freien Auswahl.“


Julia Indenbaum

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