Wer spricht Farsi?
Wer spricht Farsi?
14. Juli 2017

Gerade für die Sprachen, die viele Geflüchtete sprechen, gibt es zu wenige Dolmetscher in Deutschland. In ihrer Not greifen die Behörden auf Laien zurück, eine zweifelhafte Praxis. Aktuell machen deswegen Flüchtlinge eine professionelle Dolmetscher-Ausbildung. Bis sie dem Markt zur Verfügung stehen, wird es aber noch dauern.

Sobhi Mahmoud lebt erst seit einem Jahr in Deutschland. In seiner Heimat hat der 40-jährige Syrer als Englischlehrer und Fußballtrainer gearbeitet. Nun sitzt er mit zehn anderen Geflüchteten in einem Klassenraum, um deutsche Vokabeln zu büffeln. Die Lehrerin erklärt den Unterschied zwischen Recht und Berechtigung. Ein Duden liegt auf dem Tisch. Mahmoud blickt konzentriert an die Tafel. Dann spricht er leise mit seinem Nachbarn: „Deutsch ist viel schwieriger als Englisch“, sagt er – in nahezu akzentfreiem Deutsch.

Die Europa-Berufsschule im bayerischen Weiden macht etwas, das es sonst kaum in der Bundesrepublik gibt: Sie ermöglicht Geflüchteten den Einstieg in den Dolmetscher-Beruf. Mahmoud, dem Englischlehrer, konnte nichts Besseres passieren. „Ich helfe sowieso schon im Jobcenter und bei anderen Behörden“, sagt der Syrer, der nun eine professionelle Ausbildung macht. Wieso er nach nur einem Jahr so gut Deutsch spricht? „Man muss sich anstrengen“, antwortet er und grinst. „Meine Kinder sind sogar noch besser. Die sprechen richtig Deutsch – nicht nur Bayerisch.“

Natürlich sind solche Erfolge nicht die Regel. Doch für Menschen wie Mahmoud, die sowieso schon ein Sprachtalent haben, können Ausbildungen wie in Weiden einen Einstieg ins Arbeitsleben bedeuten. Auch der Staat profitiert erheblich von den neu gewonnen Dolmetschern, denn längst nicht nur Ingenieure und IT-Profis werden als Fachkräfte benötigt: Je mehr Menschen nach Deutschland flüchten, desto größer wird der Bedarf an qualifizierter Übersetzung.

Ob beim Asylantrag, im Jobcenter oder beim Arzt: Fast immer haben Neuankömmlinge Probleme mit der Verständigung. Kaum ein Sachbearbeiter spricht Arabisch, geschweige denn Farsi oder Paschto. Doch der Berufsstand, der helfen könnte, macht sich rar. Gerade für seltene Sprachen gibt es schlicht zu wenige professionelle Hilfe. An den Hochschulen, die Dolmetscher und Übersetzer ausbilden, sind Studiengänge für Englisch und Französisch gang und gäbe. Für die arabische Sprache hingegen hat sich jahrelang kaum jemand interessiert.

Lange kaum Interesse an Arabisch-Dolmetschern

Die Folge: akuter Dolmetscher-Mangel. Von Januar bis Oktober 2016 wurden der Bundesagentur für Arbeit 812 offene Stellen im Bereich „Dolmetscher/Übersetzer“ gemeldet – 62 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2015. Doch selbst diejenigen, die jetzt mit einer Ausbildung starten, stehen dem Arbeitsmarkt erst in mehreren Jahren zur Verfügung. So auch Sobhi Mahmoud und seine Klassenkameraden, die ihren Abschluss zum staatlich geprüften Dolmetscher frühestens nach drei Jahren erhalten. Ob der Bedarf dann noch da ist, weiß wiederum niemand.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) greift deshalb zu einer umstrittenen Notlösung. Um liegen gebliebene Asylanträge möglichst schnell zu bearbeiten, stellt die Behörde massenhaft Laien-Dolmetscher ein. Über 7.800 sogenannte Sprachmittler helfen dem Bamf nun bei der Bearbeitung von Asylverfahren. Wie viele davon selbst Geflüchtete sind, weiß die Behörde nach eigenen Angaben nicht. Aber es heißt dort: „Sprachmittler können ihre Bewerbungsunterlagen jederzeit an das Bundesamt senden.“

Einen staatlichen Abschluss müssen Sprachmittler nicht mitbringen. Die Stellenanzeigen des Bundesamtes sprechen lediglich von „Sprachsicherheit in Wort und Schrift“. Kenntnisse zu rechtlichen und medizinischen Begrifflichkeiten sind allenfalls „wünschenswert“ – ein weit dehnbarer Begriff. Auffällig ist, dass das Bamf selbst keine Dolmetscher anstellt. Stattdessen vereinbart es Honorarverträge, wodurch die freiberuflichen Helfer deutlich geringer entlohnt werden als festangestellte Dolmetscher. Laut Bamf liegt das Stundenhonorar zwischen 25 und 35 Euro. Zum Vergleich: Gerichtlich bestellte Dolmetscher verdienen in Deutschland mindestens 70 Euro pro Stunde.

Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl kritisiert diese Praxis. Bereits im Mai 2016 warnte sie vor schlechter Bezahlung, fehlenden Qualifikationen und mangelnder Kontrolle. „In diesen Anhörungen geht es um alles“, heißt es in der damaligen Pressemitteilung. „Was dort zu Protokoll genommen wird, ist die entscheidende Grundlage für die Zuerkennung eines Schutzstatus.“ Es sei „absurd“, dass die sprachliche Eignung von Dolmetschern im Rahmen der jeweiligen Honorarverhandlung geprüft werde. „Wenn jemand auf Deutsch über sein Honorar verhandeln kann, dann ist dies die erste und unter Umständen einzige Qualifikation.“

Laien können viel Schaden anrichten

Bis heute habe sich an dieser Praxis nichts geändert, sagt Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer des Vereins. „Das Bamf hat immer noch keine Idee, wie Qualitätsstandards hergestellt werden sollen“, meint Mesovic. Hinzukommt, dass deutsche Sachbearbeiter die Angaben der Dolmetscher kaum überprüfen können. Die Dolmetscher erhalten dadurch eine enorme Machtposition. So berichtete das Politmagazin „Report München“ von einem Jesiden, der in seiner Unterkunft geschlagen worden war. Bei der Anhörung des Opfers machte sich der Dolmetscher offenbar mit den Tätern gemein – und übersetzte absichtlich falsch. In einem anderen Fall billigte ein Dolmetscher islamistische Anschläge. Das Bamf räumte den Vorfall später ein und beendete die Zusammenarbeit mit der Honorarkraft.

Wie oft es zu solchen Extremfällen kommt, ist nicht bekannt. Sie zeigen jedoch das Grundproblem auf: Laien können viel Schaden anrichten, wenn sie nicht richtig ausgebildet sind. Monika Eingrieber vom Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) formuliert das Problem wie folgt: „Jeder, der ein paar Worte ausländisch spricht, kann sich Dolmetscher nennen. Diese Laien sind gefährlich.“


Selbst diejenigen, die nichts Böses im Schilde führten, könnten großen Schaden anrichten. „Sie verstehen das Behördendeutsch oft nicht“, sagt Eingrieber. Von 8.000 Mitgliedern, die in ihrem Verband organisiert sind, sprächen gerade einmal 150 Arabisch. Auch Dolmetscher für andere Sprachen seien nicht ausreichend auf dem Arbeitsmarkt vertreten. So hätten die Universitäten in Berlin und Saarbrücken ihre entsprechenden Fachbereiche geschlossen. „Manchmal dolmetschen deshalb sogar Kinder beim Bamf, weil niemand anderes zur Verfügung steht“, moniert Eingrieber.

Zur Schadensbegrenzung bietet der Berufsverband nun selbst einen Grundkurs für Laien-Dolmetscher an (siehe Infobox). Besonders viel Raum bekommt dabei ein Thema, das in diesem Job besonders wichtig ist: Neutralität. „Manchmal füllen die Dolmetscher bei den Behörden gleich selbst die Formulare aus“, sagt Eingrieber. „Das geht aber gar nicht. Die wichtigste Regel lautet: sich nicht einzumischen, auch nicht im positiven Sinn.“ All das müsse jedoch erst erlernt werden – am besten in einer professionellen Ausbildung, notfalls eben über einen Crashkurs.

Neutralität muss
erst erlernt werden

Politisch ist bei dem Thema bislang nicht viel passiert. Das Bamf steht seit Längerem unter Druck, offene Asylverfahren zu beenden. Laut der Asylgeschäftsstatistik waren im Oktober 2016 fast 550.000 laufende Verfahren noch nicht entschieden. Langwierige Dolmetscherkurse und -überprüfungen könnten die Wartezeiten weiter in die Länge ziehen.


Die Bundestagsabgeordnete Luise Amtsberg (Grüne) hakte trotzdem nach. Im Frühjahr 2016 erkundigte sie sich im Rahmen einer Kleinen Anfrage bei der Bundesregierung, wie das Bamf die Sprachkenntnisse von Dolmetscher-Anwärtern überprüft (Drucksache 18/8309). Die Antwort der Bundesregierung: „Die sprachliche Eignung wird im Rahmen der Honorarvereinbarungen (diese werden auf Deutsch geführt) und der ersten Einsätze vor Ort geprüft.“ Gesonderte Sprachprüfungen gebe es nicht.


Passiert sei seitdem kaum etwas, klagt Amtsberg viele Monate später. „Das Bundesamt müsste die Problematik aktiv angehen“, fordert die Grünen-Politikerin, räumt aber zugleich ein: „Es gibt keine einfache Lösung.“ Als ersten Schritt schlägt sie eine bessere Bezahlung der Dolmetscher vor. Denn nur wenn die Arbeitsbedingungen attraktiver würden, meldeten sich auch qualifizierte Bewerber. „Leider gibt es zurzeit andere Prioritäten“, sagt Amtsberg. Der schnelle Abschluss der Asylverfahren sei dem Bundesamt am wichtigsten. „Es geht aber hier um menschliche Schicksale“, betont die Abgeordnete. „Die Verfahren dürfen nicht nur schnell um jeden Preis sein. Sie müssen schnell und fair sein.“

Fortschritte erhofft sich das Bamf durch den Einsatz technischer Hilfsmittel. Seit März 2016 kommen sogenannte Video-Dolmetscher zum Einsatz, die per Internet in die Außenstellen der Behörde zugeschaltet werden. „Die Kapazitäten der Hubs und die Anzahl der angeschlossenen Bedarfs-Außenstellen werden kontinuierlich ausgebaut“, schreibt das Bundesamt auf seiner Homepage.


Passend dazu hat die Behörde auch gleich ein Werbevideo ins Netz gestellt. Doch ganz so schnell wird die Abhilfe auch mit dieser Methode nicht kommen. „Wir machen das über geschützte Umgebungen mit Verschlüsselungstechnik“, stellt der IT-Abteilungsleiter im Video klar. Und fügt rasch hinzu: „Sehr aufwendig.“

Steve Przybilla

 

 

 

INFO:  Kurs für Laien-Dolmetscher
Der Berufsverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) bietet Fortbildungen für Laien-Dolmetscher an. Die Kurse richten sich an Personen, die ohne einschlägige Ausbildung bereits als Sprachmittler arbeiten, zum Beispiel bei Behörden oder im Gesundheitswesen.
Inhalt: Neben grundlegenden Dolmetscherfähigkeiten vermittelt der Kurs einen Einblick in gute Gesprächsführung und den Umgang mit ethischen Fragen. Die Länge des Kurses ist je nach Einsatzbereich (Soziales, Behörde, Asyl) flexibel – von einem Tag bis zu einer Woche.
Voraussetzungen: Kursteilnehmer sollten mindestens eine Sprache sprechen, die derzeit relevant ist („Flüchtlingssprache“). Zudem müssen sie über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen (mindestens Niveau B2). Termine werden individuell vereinbart. Die Kosten für Gruppenschulungen beginnen bei 1.000 Euro. Da kaum ein Laien-Dolmetscher diesen Betrag selbst aufbringen kann, richtet sich das Angebot hauptsächlich an Hilfsorganisationen und Behörden, die ihre Laien-Dolmetscher weiterbilden möchten.
Kontakt: Weitere Informationen erteilt der Berufsverband: www.bdue.de

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