Wetten auf  die Zukunft
Wetten auf die Zukunft
6. Januar 2017

Selten standen Voraussagen auf so wackeligen Beinen wie zu Beginn dieses Jahres. Insbesondere Wirtschaftsprognosen sind nur aussagekräftig, wenn die globalen Rahmenbedingungen stabil bleiben. Dabei gibt es schon in ruhigeren Zeiten jede Menge Unsicherheitsfaktoren.

Es liegt in der Natur des Menschen, etwas über die Zukunft wissen zu wollen. Seher und Weissager gehörten seit jeher zum Grundbestand gesellschaftlicher Kulturen. Die Römer hielten sich ihre Auguren, die aus dem Vogelflug die Zeichen der Zukunft lesen wollten. In unseren Zeiten kommen  Voraussagen wissenschaftlicher daher – in Form von Wirtschaftsweisen oder -instituten. An Faszination haben die Prognosen nichts verloren. So gibt es alljährlich ab Herbst bis zum Jahreswechsel die große Präsentation von Konjunkturprognosen.

Dabei ist allen Beteiligten klar: Volltreffer gibt es nicht. „Jede Prognose stellt sich im Nachhinein numerisch als falsch heraus“, räumt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, ein. Die Abweichungsmarge liegt durchschnittlich bei einem Prozentpunkt.

Was nichts daran ändert, dass um die Stellen hinter dem Komma gefeilscht wird. Blickt man auf die Top 15 der regelmäßig zitierten Prognosen, steht dort bei allen für das Jahr 2017 eine „1“ vor dem Komma, die Schwankungsbreite liegt zwischen 1,0 und 1,8 Prozent für die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts.
Politische Institutionen wie Bundesregierung und EU-Kommission bewegen sich im Mittelfeld, wie auch die Gemeinschaftsdiagnose der führenden Wirtschaftsinstitute (1,4 Prozent). Abweichler nach unten sind der Sachverständigenrat (1,2 Prozent) sowie die wirtschaftsnahen Institute (DIW, Institut der deutschen Wirtschaft, jeweils 1,0 Prozent). Umgekehrt die Bundesbank und das Institut für Weltwirtschaft (IfW, Kiel) mit 1,8 beziehungsweise 1,7 Prozent.

Eigentlich sind sich alle in der Einschätzung einig, dass es 2017 zwar stabil, aber nicht mehr ganz so gut laufen wird wie im abgelaufenen Jahr mit geschätzt 1,9 Prozent Wachstum.

Voraussagen können Trends beeinflussen

Auf den ersten Blick mag das alles nicht sonderlich aufregend erscheinen. Allerdings sind solche Prognosezahlen alles andere als bloßes Vergnügen von Konjunkturstatistikern. Einerseits sind sie Grundlagen für Steuerschätzungen und Haushaltsplanungen, also zentralen politischen Weichenstellungen. Anderseits spiegeln sie nicht nur Trends und Stimmungen, sondern beeinflussen diese auch. Wer vor einer nennenswerten Investitionsentscheidung steht, mag durch schlechte Prognosen erst recht zögerlich werden. Vergleichsbares dürfte wohl auch für die Politik gelten.


Es lohnt deshalb ein Blick auf die Institute, die schließlich mit ihren Veröffentlichungen nicht unerheblichen Einfluss haben können.

Eine zentrale Rolle spielt die „Gemeinschaftsdiagnose“ führender Wirtschaftsforschungsinstitute im Auftrag der Bundesregierung. Das Wirtschaftsministerium ist für die Ausschreibung verantwortlich.

Derzeit sind fünf Institute an dieser Gemeinschaftsdiagnose beteiligt, deren gemeinsame Prognose für 2017 bei 1,4 Prozent liegt: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), hat mit internen Kontroversen für Schlagzeilen gesorgt. So gab es 2004 unterschiedliche Einschätzungen zur Agenda 2010, die der damalige Chef der Konjunkturabteilung, Gustav Horn, im Gegensatz zum DIW-Präsidenten Klaus F. Zimmermann kritisch bewertete. Horn wurde entlassen. Eine ähnliche Auseinandersetzung gab es 2010, als eine Studie des DIW zum Schluss kam, dass es in Deutschland keinen Fachkräftemangel gebe. Das stand im Widerspruch zu Äußerungen Zimmermanns, der ähnlich wie Arbeitgeberverbände das Argument eines Fachkräftemangels in der Debatte um längere Arbeitszeiten vertrat. Das DIW wurde 2007 von der Gemeinschaftsprognose im Auftrag der Bundesregierung ausgeschlossen, weil es Vorbehalte gegenüber der Leistungsfähigkeit des Instituts gab. Seit 2016 ist es gemeinsam mit dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung wieder in dem illustren Kreis. Das DIW selbst geht von einem Wachstum von 1,0 Prozent aus.

Das ifo Institut für Wirtschaftsforschung, München, ist wesentlich bekannt durch den langjährigen Präsidenten Hans-Werner Sinn, der sich wortgewaltig und pointiert in (wirtschafts-)politischen Debatten einzumischen pflegt. Dessen Veröffentlichung „Ist Deutschland noch zu retten?“ gilt als Ideengeber für die spätere Agenda 2010. In der Euro-Krise kritisierte er den Kurs der Bundesregierung. Er selbst soll seine Position als „ordoliberal“ eingeordnet haben. Sinn verabschiedete sich im vergangenen Jahr in den Ruhestand, nachdem sich unter seiner Führung das ifo-Institut zu einer renommierten Adresse für wissenschaftliche Politikberatung etabliert hatte. Für 2017 liegt die ifo-Prognose mit 1,6 Prozent über dem Durchschnitt.

Volltreffer
sind nahezu unmöglich

Mit im Boot ist auch das RWI, Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung, Essen, dass sich selbst neben der wissenschaftlichen Forschung als Zentrum für „evidenzbasierte Politikberatung“ versteht. In die Kritik geraten war das Institut 2010 wegen eines Gutachtens, in dem Ökostrom als Haupt-Energiepreistreiber ausgemacht wurde. Das Gutachten war vom Institute for Energy Research mitfinanziert. Dahinter verbirgt sich eine Lobbyorganisation US-amerikanischer Öl- und Kohlekonzerne. Die RWI-Prognose liegt beim Durchschnitt: 1,4 Prozent.

Mit beteiligt an der „Gemeinschaftsdiagnose“ sind auch das renommierte Institut für Weltwirtschaft IfW, Kiel, und das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (IWF), Halle. Daneben hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung besonderen Einfluss.

Die „fünf Weisen“ werden vom Bundespräsidenten auf Vorschlag der Bundesregierung berufen. Dieser Rat soll vier zentrale wirtschaftspolitische Ziele im Auge haben: Geldwertstabilität, hohen Beschäftigungsstand, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und Wirtschaftswachstum. Vorsitzender ist derzeit der Volkswirt Christoph Schmidt, zugleich Präsident des RWI. Er gilt unter anderem als Verfechter einer schrittweisen Erhöhung des Renteneintrittsalters.

Eines der in der Öffentlichkeit bekanntesten Mitglieder ist der Ökonom Peter Bofinger. Er wurde auf Empfehlung der Gewerkschaften in den Sachverständigenrat berufen. Als Vertreter einer nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik ist er in Deutschland in einer Minderheitenposition seiner Zunft. Der aus dem Saarland stammende Lars Peter Feld vertritt dagegen ordoliberale Positionen und ist Verfechter der Schuldenbremse. Der Geldökonom Volker Wieland gehört dem wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums an und gilt als Kritiker der EZB-Politik in Sachen Ankauf von Staatsanleihen. Einzige Frau in der Weisen-Riege ist Isabel Schnabel. Die renommierte Wirtschaftswissenschaftlerin vertritt die Position, dass Finanzinstitute, die nicht mehr tragfähig sind, abgewickelt werden sollten.

Der einflussreiche Sachverständigenrat gibt sich in seiner Prognose pessimistischer als die Bundesregierung. Während die von einem Wachstum von 1,4 Prozent ausgeht, halten die Wirtschaftsweisen nur 1,2 Prozent für machbar.

Wie fragil solche Prognosen sind, haben die Jahre der großen Finanzkrise, Banken- und Eurorettung gezeigt. Und wie sich die Wirtschafts- und Finanzpolitik der USA unter Präsident Trump entwickeln wird, können vermutlich nicht mal die weisesten Weisen in ihren Prognosen voraussagen.

Oliver Hilt

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