Wie Hausbau, nur rückwärts
Wie Hausbau, nur rückwärts
21. April 2017

Das umstrittene Atomkraftwerk Fessenheim an der deutsch-französischen Grenze soll in drei Jahren abgeschaltet werden. Was dann damit geschehen könnte, zeigen heute schon die deutschen Atommeiler Mülheim-Kärlich und Biblis. Der Rückbau dieser Kraftwerke dauert Jahrzehnte.

Mit Vollmaske, Sauerstoffversorgung, gelben Helmen, orangefarbenen Overalls, Trennschleifern und unter grellem Licht zerlegen zwei Männer riesige Metallrohre. Im Inneren des abgeschalteten Atomkraftwerks Mülheim-Kärlich bei Koblenz arbeiten sie in einem Zelt, aus dem die Luft abgesaugt wird, um die Ausbreitung radioaktiven Staubs zu vermeiden. Wer ein AKW abreißen will, braucht Geduld. Schon seit 2004 läuft der Rückbau des Meilers Mülheim-Kärlich – und er könnte sich noch zehn Jahre hinziehen. Ziel ist die grüne Wiese.

Die Bundesregierung hat nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima 2011 den Atomausstieg beschlossen – 2022 sollen die letzten deutschen Kernkraftwerke vom Netz gehen. Auch ihr Abriss dürfte laut dem Mülheim-Kärlicher AKW-Chef Thomas Volmar 15 bis 20 Jahre dauern. Der Essener Energiegigant RWE hat in Mülheim-Kärlich Erfahrungen gesammelt, die ihm zunächst auch beim Abriss seines stillgelegten südhessischen AKW Biblis zugutekommen können. Noch in diesem Monat will Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) dafür die Genehmigung erteilen.

Die Meiler werden
von innen nach
außen zerlegt

Von außen ist bei einem AKW-Abriss viele Jahre nichts zu sehen: Die Arbeiten laufen vorerst innen, die markanten Kühltürme bleiben zunächst stehen, so auch bis heute der von Mülheim-Kärlich. Nach und nach zerlegen innen Arbeiter in Schutzkleidung einzelne Bestandteile, leeren Räume – und hängen immer wieder Lampen provisorisch neu auf. „Das ist ein Hausbau rückwärts“, erklärt RWE-Sprecher Jan-Peter Cirkel im einzigen rheinland-pfälzischen Kernkraftwerk, dessen Wanduhren um 13 Uhr stehen geblieben sind. 162 Meter ragt der weithin sichtbare Kühlturm von Mülheim-Kärlich in den Himmel, höher als der Kölner Dom. „Viele Ideen wie ein Parkhaus oder ein Eventturm wurden dafür an uns herangetragen“, erzählt AKW-Sprecherin Dagmar Butz. „Das Problem ist aber, dass er nur sein Eigengewicht trägt.“ So wie eine Eierschale. AKW-Chef Volmar sagt: „In diesem Frühjahr beginnen wir mit dem Abbau. Der Kühlturm wird spiralförmig von oben abgeknabbert.“ Bis 2018 werde das dauern.

Der 1.300-Megawatt-Reaktor Mülheim-Kärlich war bereits 1988 nach nur 13-monatigem Betrieb für immer vom Netz gegangen – nach einer Verfügung des Bundesverwaltungsgerichts. Bei den Planungen war die Erdbebengefahr nicht ausreichend berücksichtigt worden – ein milliardenschweres Fiasko. Rund 450 Männer und Frauen hat das AKW einst beschäftigt, das laut RWE ein Drittel von Rheinland-Pfalz mit Strom hätte versorgen können. Heute arbeiten hier inklusive Fremdfirmen etwa 100 Leute am Abriss. „Alles wird gemessen, nichts bleibt unkontrolliert“, versichert AKW-Leiter Volmar. „Wir haben dauerhaft mindestens immer einen TÜV-Mitarbeiter auf der Anlage. Die Kernenergie ist eine der bestgeprüften Technologien in Deutschland.“ Die nuklearen Mülheim-Kärlicher Brennstäbe sind schon vor mehr als zehn Jahren zur französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague gebracht worden.

„Das Problem ist
das Freimessen“

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) freut sich zwar über den Abriss von Atommeilern, sieht aber das Vorgehen der Energiekonzerne sehr kritisch. „Das Problem ist das sogenannte Freimessen“, sagt der rheinland-pfälzische BUND-Umweltschutzreferent Michael Ullrich. Bauschutt mit einer Radioaktivität unterhalb einer willkürlich festgelegten Schwelle werde als normaler Abfall „aus dem Atomgesetz entlassen“. Als wiederverwerteter Stahl oder Beton könnte er dann etwa in neuen Bratpfannen, Autos und Straßen landen. „Aber auch eine niedrige radioaktive Dosis kann über längere Zeit Krebs verursachen“, mahnt Ullrich. Solcher Bauschutt sollte daher zum Beispiel in besonders gesicherten Deponien aufbewahrt werden.


Das Kraftwerk Biblis, Hessens einziges AKW, geriet einst immer wieder mit Pannen in die Schlagzeilen, etwa 1987 mit dem kurzzeitigen Entweichen radioaktiven Dampfs. Heute gibt es auch hier im Block A keine abgebrannten Brennstäbe mehr. Block B soll 2018 kernstofffrein sein. Die abgebrannten Brennstäbe werden in Castor-Behältern auf dem Kraftwerksgelände in einem Zwischenlager untergebracht. Nach einem Endlager-Standort für den hoch radioaktiven Atommüll wird in Deutschland noch gesucht. Eigentlich hätte das Atomkraftwerk Biblis je nach Auslastung bis etwa 2020 laufen können. Nach Fukushima gingen die beiden Biblis-Blöcke 2011 mit sechs weiteren deutschen AKW-Blöcken zunächst für drei Monate vom Netz. Bis dahin galt das Kraftwerk als der älteste kommerziell genutzte Atomreaktor Deutschlands. Die Blöcke A und B stammen aus den Jahren 1974 und 1976.

Biblis bot rund
1.000 Arbeitsplätze

Die Gemeinde Biblis hat das Aus für ihr Kraftwerk deutlich zu spüren bekommen. Zuvor wurden jedes Jahr Millionen Euro in ihre Kasse gespült. „Bei vielem in der Gemeinde steht der Spargedanke im Vordergrund“, sagt nun der Vorsitzende des Wirtschafts- und Verkehrsvereins Biblis, Bruno Neumann. Das AKW Biblis bot einst rund 1.000 Arbeitsplätze. Viele Beschäftigte kamen von Fremdfirmen und suchten Übernachtungen. „Da gab es Unternehmen, die hatten das ganze Jahr Zimmer gebucht“, erinnert sich Neumann. Der Mülheim-Kärlicher AKW-Leiter Volmar ist hin und her gerissen: „Als Ingenieur ist ein Rückbau eine spannende Aufgabe. Das hat viel mit Kreativität zu tun. Als Bürger dieses Landes schmerzt mich das aber schon.“

Jens Albes und Joachim Baier

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