„Die Kraft des  Seinlassens nutzen“
„Die Kraft des Seinlassens nutzen“
3. Februar 2017

Jonas Geißler ist Zeitforscher und bringt den Menschen bei, souverän mit ihrer Zeit umzugehen. Ein Gespräch über Burn-out, Zeitwohlstand und den eigenen Rhythmus.

Herr Geißler, Sie sind Zeitforscher und haben gemeinsam mit Ihrem Vater, Karl Heinz, eine Zeitberatungsfirma. Wie genau kann man sich Ihren Berufsalltag vorstellen?
Ich bin ganz viel in Organisationen unterwegs, mache Coaching, Beratung, Seminare, viel zum Thema Zeit, aber nicht nur. Ich habe auch andere Themen, wie systemische Organisationsentwicklung und Begleitung von Veränderungsprozessen. Und da nichts nicht zeitlich ist, taucht das Thema überall auf.

Wenn wir noch mal bei der Zeitberatung bleiben, woran merke ich, dass ich eine Beratung brauche?
Wenn ich dauerhaft das Gefühl habe, keine Zeit zu haben und mich dadurch in meinem Wohlbefinden und meiner Leistungsfähigkeit eingeschränkt fühle. Wenn man beispielsweise abends ständig müde nach Hause geht und sich fragt, was habe ich eigentlich den ganzen Tag gemacht. Ich verzettele mich in Dingen, ich kann wenig auswählen, ich habe Ansprüche, allem und jedem gerecht zu werden – wenn letztlich Momente der Entfremdung zum Dauerzustand werden. Das wären Indizien, dass es Sinn macht, Zeitberatung in Anspruch zu nehmen. Oder wenn man sich in einem Team gegenseitig stört und keiner dazu kommt, in der Tiefe zu arbeiten. Genauso eine Meeting-Kultur, in der jeder das Gefühl hat, das kostet uns nur Zeit, und es verändert sich nix.

Ein Satz, der sehr häufig fällt, ist: Ich habe keine Zeit. Was entgegnen Sie jemandem, der das sagt?
Provokant würde ich sagen: Er ist ein Lügner! Zeit ist in Hülle und Fülle vorhanden, kommt täglich neu nach und ist unheimlich gerecht verteilt.
Wir sagen das aber trotzdem so oft, weil das sehr praktisch ist und der Abgrenzung dient. Dahinter steckt eigentlich: Ich habe keine Lust, mir ist etwas anderes wichtiger, mir passt deine Nase gerade nicht – alles Dinge, die sozial schwer zu kommunizieren sind. Da krieg ich eins auf den Deckel, da entsteht Irritation oder Konflikt. Außerdem ist es attraktiv, keine Zeit zu haben. Ich sichere mir dadurch die Zugehörigkeit zu den erfolgreichen und gefragten – kurz: meinen sozialen Status.


Wenn das aber keine Ausrede ist und die entsprechende Person zumindest subjektiv das Gefühl hat, keine Zeit zu haben, was kann sie dann tun?
Dann ist das Problem nicht die Zeit, sondern, dass wir zu viel zu tun haben. Es hilft nicht, das Problem auf die Zeit zu schieben, denn die können Sie nicht vermehren, die ist gesetzt: 24 Stunden am Tag für jeden. Das ist eine Frage der Haltung. Ich kann an mir sparen und mich organisieren. Da kann ich fragen: Woran liegt es, dass ich zu viel zu tun habe? An meinen Ansprüchen, zwei Tage in einem zu leben oder an meinem Umfeld, das viel mehr verlangt als ich eigentlich bewältigen kann? Meistens ist es eine Mischung aus beidem.


Dahinter muss aber nicht zwingend eine negative Motivation stecken, oder? Geraten nicht auch viele Menschen aus einer Art Freude am Leben unter Zeitdruck, weil sie noch so viele Wünsche und Sehnsüchte haben, die sie verwirklichen wollen?
Ja, wir leben in einer Gesellschaft, die einen enormen Möglichkeitsüberschuss hat. Das gilt gerade für junge Menschen: für 30 Euro nach Portugal fliegen, überall studieren, arbeiten, wo wir wollen. Wir haben sehr viele Möglichkeiten in unsere Reichweite gebracht. Aber unsere Bewältigungs-Ressourcen sind nicht im gleichen Maße gestiegen. Das Gefäß ist quasi gleich geblieben, nur die Möglichkeiten sind gestiegen. Damit steigen auch die Erwartungen. Wenn mein Kollege schon zum fünften Mal in diesem Jahr eine Fernreise macht und ich sitze immer noch in meinem Kaff, entsteht oft Druck, etwas zu verpassen oder abgehängt zu werden.


Was würden Sie so jemandem raten?
Die Kraft des Seinlassens nutzen. Es gibt zurzeit ja einige Trends, bei denen es darum geht, mehr in Kontakt mit sich selbst zu sein. Darum, die Zeit, die man hat, auch bewusst zu genießen, im Hier und Jetzt zu sein und nicht immer schon bei der nächsten Option. Die, die diese Optionen so absurfen, verpassen ja das Leben, weil das Leben immer nur im Jetzt stattfindet.


Das klingt immer schön und weise, aber wie kommt man da konkret hin?
Indem ich mir realistisch überlege: Was mache ich, und was lasse ich sein? Und auf das, was ich dann tue, richte ich meine volle Aufmerksamkeit, genieße das und versuche in eine Art Flow-Zustand reinzukommen. Sich mit seiner ganzen Kraft etwas zu widmen und darin aufzugehen, das sind Momente, in denen Wachstum stattfindet, und das sind Momente, bei denen die Menschen in der Rückschau sagen, wow, das hat was bewegt, das hat mich berührt. Das sind sogenannte Resonanzerfahrungen.

Wie das im Detail zu machen ist, ist individuell unterschiedlich. Was hilft Ihnen persönlich, sich auf den Augenblick zu konzentrieren? Bei manchen Menschen ist es, das Handy abzuschalten und sich zwei Stunden einen festen Rahmen zu setzen, um sich mit einem Bild zu befassen oder Sport zu machen.
Das heißt, es mangelt an bewusster Entscheidung?
Ja, und gleichzeitig ist es eben manchmal nicht so leicht, bewusst zu entscheiden, wenn mein Umfeld die ganze Zeit für mich entscheidet. Wenn das Telefon klingelt und die E-Mail eintrudelt, ist das ein Übergriff von außen. Aber es stimmt: Der Weg geht über Momente der selbstbestimmten Zeit. Die große Kunst ist, mir diesen Moment einzurichten und wenn er dann da ist, mich hineinziehen zu lassen und nicht mehr über die Selbstbestimmung nachzudenken.

Wie lernt man das?
Die meisten Menschen haben Momente, in denen das schon stattfindet. Die identifiziert man zunächst. Und dann kann ich sowas üben, indem ich mir bewusst solche Zeiträume schaffe. Zum Beispiel am Montagmorgen zwei Stunden blockieren und eine Aufgabe suchen, die mich wirklich anzieht.
Sie brechen auch eine Lanze für die Langeweile, sagen, dass diese Zeit durchaus produktiv sein kann, dass die besten Ideen oft zum Beispiel beim Entspannen auf der Couch kommen. Wenn aber selbst die Zeit, in der ich entspannen will, zur produktiven wird, wann schaltet man dann ab?
Die Langeweile, die ich meine, ist ein Zustand, in dem äußere Reize ganz stark abnehmen und ich lustvoll vor mich hindöse. Dann tritt so eine Art Muse-Effekt im Gehirn ein und das sogenannte Default Mode Network übernimmt: Mir werden Ideen, Gedankengänge und Gefühle zugespielt. Da kann viel Innovatives entstehen.Ob das jetzt Arbeit ist, muss jeder persönlich entscheiden: Kostet das Kraft oder gibt das Kraft? Sag ich, oh Gott, die Ideen dürfen jetzt nicht kommen, sonst ist es Arbeit und ich wollte entspannen oder lasse ich die Inspiration durch mich durchfließen? Für mich ist das die Produktivität von Langeweile und das widerspricht sich nicht.

Sie sprechen davon, dass jeder Mensch einen eigenen Rhythmus hat, der in der heutigen Zeit oft verloren geht. Was ist damit gemeint und wie kann man den wieder­finden?
Alles Natürliche ist rhythmisch organisiert. Rhythmus ist Wiederholung mit Abweichung. Wir werden jeden Abend müde, aber jeden Abend ein bisschen anders. Unser Körper hat auch seinen eigenen Rhythmus. Der zeigt sich zum Beispiel in Herzschlag, Stoffwechsel und Hormonhaushalt. Aber auch beim Schlaf, es gibt die berühmten Eulen: spät ins Bett gehen, lange schlafen. Und es gibt die Lerchen: früh zu Bett, früh wieder raus. Es macht Sinn, diesen Rhythmus zu kennen und zu schauen, wie ich den in mein Leben integrieren kann.
Ich kann ihn wiederfinden, indem ich zum Beispiel im Urlaub ins Bett gehe, wenn ich müde bin und solange schlafe, bis ich wieder aufwache. Habe ich nach dem Mittagessen das Bedürfnis kurz zu schlafen, dann gehe ich dem nach. Das ist genau das, was gemacht wird, wenn Menschen in eine Burn-out-Klinik kommen. Die sind vom eigenen Rhythmus entfremdet. Es gibt dann zahlreiche Möglichkeiten, ihn wiederzufinden: über Schlaf, Licht, Bewegung, Ernährung, Kunst oder Musik zum Beispiel.

Eine Art Gegenbewegung zum Burn-out ist ja die Forderung nach Zeitwohlstand. Wie lässt sich der erreichen?
Die Frage ist: Was kann ich sein lassen? Und in diesem Verzicht dann keinen Mangel zu sehen, sondern eine Ressource. Zu sagen, das brauche ich nicht, davon bin ich nicht abhängig, das ist häufig eine große Form der Befreiung.
Ich würde jemand, der zu mir kommt, aber erst mal fragen: Wie ist denn Deine Situation? Es macht einen Unterschied, ob jemand ein Haus und drei Kinder hat und hoch verschuldet ist, oder ob jemand alleine lebt und sagt, ich kann auf halbtags gehen und auf Karriere verzichten.

Sie selbst sind dreifacher Familienvater, sind in Ihrem Job auch an Termine gebunden. Wie gut gelingt Ihnen selbst, was Sie verkaufen? Leben Sie im Zeitwohlstand?
Jein. Über den Daumen gepeilt, gelingt mir das insgesamt gut. Da bin ich mit meiner Zeit sehr zufrieden. Aber ich habe nicht den Anspruch, dass es immer in allen Situationen super klappt. Wir haben als Familie manchmal auch total stressige, chaotische Situationen, in denen ich an den Rand meiner Kompetenzen und meiner Energie komme. Manchmal ist alles sehr getaktet, dann wiederum kann ich mal unter der Woche Skifahren gehen oder am Mittwoch den Sonntag nachholen.

Interview: Laura Kutsch

 

 

Zur Person:
Jonas Geißler wurde 1979 in München in einen Zeitforscher-Haushalt hineingeboren. Er hat Soziologie und Medienmanagement studiert und als Media-Producer und Produktionsleiter gearbeitet. Außerdem ist er Trainer, Coach und Berater für unterschiedliche Organisationen, sowie Gründer und Teilhaber des Instituts für Zeitberatung timesandmore. Gemeinsam mit seinem Vater, dem Zeitforscher Karl-Heinz Geißler, hat er das Buch „Time is honey. Vom klugen Umgang mit der Zeit“ geschrieben.

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