Aufbruch ins  20. Jahrhundert
Aufbruch ins 20. Jahrhundert
17. März 2017

Nach rund 350 Jahren Rassendiskriminierung leitete vor 25 Jahren ein Referendum am 17. März das Ende der Apartheid in Südafrika ein. Zwei Jahre später wurde Nelson Mandela in den ersten demokratischen Wahlen am Kap zum Präsidenten des Landes gewählt.

Eine Woche vor dem Urnengang am 17. März 1992 hatten Umfragen lediglich einen relativ knappen Sieg mit etwa 55 Prozent für Präsident Frederik Willem de Klerk vorausgesagt. Bei einem Scheitern des Referendums, mit dem sich das von den Medien zum Gorbatschow Südafrikas erhobene Staatsoberhaupt die Fortsetzung seiner auf Abschaffung der Apartheid zielenden Politik durch seine weißen Mitbürger absegnen lassen wollte, drohte ein Aufstand der schwarzen Bevölkerungsmehrheit. Selbst der prognostizierte hauchdünne Sieg barg das Risiko eines von den Militärs unterstützten Putsches durch ultrakonservative Kräfte in und außerhalb der das Land seit 1948 regierenden Nasionale Party (NP).

Doch alle Zweifel wurden bei der Abstimmung zerstreut. Denn 68,7 Prozent der wahlberechtigen Weißen Südafrikas sprachen sich für die Unterstützung de Klerks und die daraus resultierend Abschaffung der Rassentrennung aus. Der 1912 gegründete und seit 1960 gesetzlich verbotene African National Congress (ANC), der spätestens seit seiner Wandlung zu einer militanten, im Untergrund tätigen Befreiungsorganisation von der schwarzen Mehrheitsbevölkerung als ihre einzige Interessenvertretung anerkannt war, hatte das Referendum als „rassistisch“ abgelehnt, weil nur Weiße dazu zugelassen waren. Allerdings hatte ANC-Führer Nelson Mandela, der 1962 festgenommen, 1964 wegen Hochverrats zu lebenslanger Haft verurteilt und erst auf Veranlassung de Klerks nach fast 28 Jahren Freiheitsstrafe am 11. Februar 1990 aus dem Gefängnis entlassen worden war, alle Abstimmungsberechtigen zu einem „Ja“ zu den Reformplänen des Staatspräsidenten aufgefordert. Weil ein „Nein“ von der schwarzen Bevölkerung nur als „Kriegserklärung“ angesehen werden konnte.

Sicherlich war das überwältigende „Ja“-Votum nicht ausschließlich als eine Herzensangelegenheit der weißen Südafrikaner anzusehen, mehrheitlich Nachkommen der seit 1652 in die Kolonie der Niederländischen Ostindien-Kompanie am Kap der Guten Hoffnung eingewanderten, von den Briten im Krieg zwischen 1892 und 1902 verheerend geschlagenen und 1910 eine eigene Staatbildung ermöglichende Buren. „Viele hatten“, so die Johannesburger Tageszeitung „The Star“, „das Nein im Bauch und das Ja im Hirn.“ Sprich ihre Zustimmung sei allein aus Gründen der Vernunft erfolgt, weil sie die Befürchtung gehegt hätten, dass eine Ablehnung zwangsläufig noch schärfere internationale Wirtschaftssanktionen mit einem endgültigen Ruin Südafrikas zur Folge haben würden.

Nur in einem von 15 Wahlbezirken konnten die Ultras eine Mehrheit für ihre „Nein“-Kampagne erzielen, und zwar in der Buren-Hochburg Pietersburg im nördlichen Transvaal. Dagegen gingen sogar vermeintlich sichere Wahlbezirke wie die Hauptstadt Pretoria oder Bloemfontein an de Klerk verloren. In politisch mehr aufgeschlossenen Bezirken wie Kapstadt, Durban oder Johannesburg war hingegen die „Ja“-Mehrheit nicht sonderlich überraschend.

Für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ kam der Ausgang des Referendums seinerzeit „einer Revolution gleich“: „Das Paradoxe ist geschehen: Die Weißen haben ihr letztes Wort gesprochen, und mit ihm haben sie klargestellt, dass sie nie mehr allein für Südafrika sprechen können. Die Ordnung am Kap, die bisher als gottgewollt galt, ist zerbrochen, und, ganz wider Erwarten für die Nostalgiker des Vergangenen, sind nicht Pech und Schwefel vom Himmel gefallen. Das Referendum hat auch bewiesen, dass die angenommene Zweieinigkeit von Kirche und Herrenmenschen, die das Burenvolk seit Generationen zusammenhielt, nur ein Mythos ist. Für eine Nation, deren Selbstverständnis fast 350 Jahre lang von einem geradezu religiösen Auserwähltheitswahn geprägt war, kam der Ausgang des Referendums eines Revolution gleich. Es kommt nicht allzu oft vor, dass eine Machtelite per Volksentscheid ihre Privilegien aufgibt. Und an der Spitze der Reformbewegung steht ausgerechnet die Nationale Partei, die das Apartheid-Dogma begründet und dann jahrzehntelang beharrlich verteidigte. De Klerks Perestroika soll ein ganzes Land, das sich von westlichen Demokratievorstellungen weitgehend abgekoppelt hatte und das Zeitalter der europäischen Aufklärung schlicht verpasste, ins 20. Jahrhundert überführen. Sie soll die politische Macht und den Reichtum zwischen der dominierenden und der dominierten Bevölkerungsgruppe gerecht verteilen und dabei nach Möglichkeit gewalttätige Konflikte vermeiden.“

„Das Nein im Bauch und das Ja im Hirn“

Die Fragestellung, über die beim Referendum in einer heißen, dreiwöchigen, von verbalen Schlammschlachten und gewalttätigen Auseinandersetzungen mit fast 300 Toten überschatteten Wahlkampf-Schlussphase zu entscheiden war, war etwas kompliziert formuliert. Denn auf dem Stimmzettel hieß es: „Unterstützen Sie die Fortsetzung des Reformprozesses, den der Präsident am 2. Februar 1990 begonnen hat und der auf eine neue Verfassung abzielt, die aus Verhandlungen hervorgehen soll?“ Doch jeder wusste, worum es dabei ging. Um nicht weniger als das Ende der Rassentrennung und die grundlegende Veränderung der Gesellschaft. Nach seinem Wahlsieg konnte Präsident de Klerk daher am 18. März 1992 völlig zu Recht konstatieren: „Heute ist gewissermaßen der wirkliche Geburtstag einer neuen Nation Südafrika.“

Frederik Willem de Klerk, der nach dem Rücktritt Pieter Willem Bothas, Spitzname „Groot Krokodil“, am 14. August 1989 neuer Staatspräsident Südafrikas wurde, zählte eigentlich zum konservativen Flügel der NP. Aber im Unterschied zu seinem Vorgänger, dem spätestens seit dessen berühmter „Rubikon-Rede“ vom 15. August 1985 im In- und Ausland jegliche Bereitschaft zur Beendigung der Apartheid abgesprochen wurde, wusste de Klerk die Zeichen der Zeit richtig zu deuten. Trotz immensem Polizeiterrors war der Widerstand in den Schwarzen-Siedlungen, den Townships und Homelands, immer weiter gewachsen und hatte sie nahezu unregierbar gemacht. Die Kosten der Rassentrennung fraßen immer tiefere Löcher in den Haushalt.

Südafrika war international isoliert

Der Krieg gegen den im Untergrund agierenden ANC war nicht zu gewinnen. Die Ächtung der Apartheid durch die internationale Gemeinschaft, von den Vereinten Nationen schon anno 1976 als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ deklariert, hatte das Regime immer weiter isoliert. Die Handelssanktionen hatten den Burenstaat an den Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruchs geführt. Ein moderner Kapitalismus war in einer Sklavenhaltergesellschaft schlichtweg unmöglich.

Vor diesem Hintergrund muss die historische Rede bewertet werden, die de Klerk am 2. Februar 1990 vor dem südafrikanischen Parlament gehalten hatte. Er kündigte die umgehende Freilassung der politischen Gefangenen mit Nelson Mandela an der Spitze und die Aufhebung des Verbots der Oppositionsgruppen vom ANC bis hin zur Kommunistischen Partei Südafrikas an. Damit hatte de Klerk die wichtigsten Forderungen des ANC erfüllt, damit dieser, auch unter dem Druck der versiegenden Finanzflüsse aus dem zusammenbrechenden Ostblock, in offizielle Verhandlungen mit der Regierung eintreten konnte. Geheime Treffen hatte es zuvor schon jahrelang gegeben. Zwischen Mai und August 1990 einigten sich NP und ANC in ihren Gesprächen auf die Aufhebung der von der Regierungspartei nach 1948 ausdrücklich in Gesetzesform festgeschriebenen Apartheid, im Gegenzug musste der ANC seinen Gewaltverzicht deklarieren.

Am 1. Februar 1991 teilte de Klerk dem Parlament die geplante Aufhebung der zentralen Apartheid-Gesetze mit. Dies betraf beispielsweise die Land Acts, die den größten Teil der Fläche Südafrikas Weißen zugeteilt hatten, die Group Area Acts, die Städte in strikt getrennte Territorien für Weiße und Schwarze aufgliederte, die Population of Registration Acts, die jeden Südafrikaner im Melderegister einer von vier „Rassen“ zugeordnet hatte, was – wenn er nicht als „Weißer“ eingestuft war – gravierende Auswirkungen auf seinen persönlichen Lebensweg hatte. Neben dieser „großen“ Apartheid wurde das alltägliche Leben auch noch von der „kleinen“ oder „petty“ Apartheid bestimmt, die die Trennung der „Rassen“ in den öffentlichen Verkehrsmitteln, Schulen, Krankenhäusern, Theatern, Restaurants, im Sport oder im Umgang der Geschlechter vorschrieb – und nach und nach in einer bis 1994 dauernden Übergangsphase wie alle weiteren Apartheidbestimmungen abgeschafft werden sollte.

Mit all diesen Schritten hin zur Abschaffung der Apartheid weckte Präsident de Klerk den Zorn und erbitterten Widerstand burischer Extremisten, die ihm mit Gerichtsverfahren oder auch Anschlägen drohten. Von daher hatte er den Beschluss gefasst, sich sein weiteres Vorgehen mittels des Referendums vom März 1992 von der weißen Mehrheit absegnen zu lassen. Nach seinem fulminanten Sieg trafen de Klerk und Mandela im Februar 1993 die Vereinbarung über freie Wahlen, wofür die beiden Staatsmänner gemeinsam noch im gleichen Jahr mit dem Friedensnobelpreis geehrt werden sollten.

Von Peter Lempert







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