Das achte Weltwunder
Das achte Weltwunder
13. April 2017

Auch er gehört in unsere Serie „Die Sieben Weltwunder“. Dabei zählte er nicht zu den klassischen. Der erste Leuchtturm der Geschichte, der mit seiner Höhe womöglich sogar den Pyramiden Konkurrenz machte, gelangte erst durch Gregor von Tours im 6. Jahrhundert zu späten Weltwunder-Ehren – anstelle der Mauern von Babylon.

Gregor von Tours, seines Zeichens Bischof und Geschichtsschreiber der Franken, verblüffte seine Zeitgenossen im 6. Jahrhundert n. Chr. mit dem Vorschlag, die Arche Noah in die Liste der antiken Weltwunder aufzunehmen. Damit konnte er sich zwar nicht durchsetzen, wohl aber mit seiner Fürsprache für den Leuchtturm auf der Insel Pharos in der Bucht vor der ägyptischen Megastadt Alexandria: „Viel anderes Neues gibt es, was die Menschen für bewundernswert halten: den Pharos von Alexandria, der auf vier hölzernen Krebsen stehen soll, wenn’s denn wahr ist. Man überliefert, dass ein Mensch, der sich über die Schere eines der Krebs ausgestreckt legt, diesen nicht abzudecken vermag.“


In den nachfolgenden diversen Rankings des Mittelalters war der Leuchtturm meist vertreten. Seit Beginn der Renaissance hatte sich der bis heute verbindliche, gleichsam kanonische Weltwunder-Pantheon mit insgesamt 51 Monumenten ausgebildet. Über die Jahre haben sich mehr als 30 diesbezügliche Aufstellungen erhalten. Dabei verdrängte der Leuchtturm endgültig die Mauern von Babylon. Gregor von Tours war daher die einzige Korrektur der rund 700 Jahre zuvor von Antipatros aufgeschriebenen klassischen Siebener-Liste zu verdanken.

Zwischen 299 und 279 v. Chr. erbaut

Die wohl älteste bekannte Quelle für den ersten Leuchtturm der Welt war ein Epigramm des Poseidippos von Pella aus der Zeit um 270 v. Chr. Der Standortname „Pharos“ wurde in den meisten romanischen Sprachen als Begriff und Synonym zur Bezeichnung der für die Seefahrt enorm wichtigen Erfindung übernommen. Für die Bauzeit wird heute der Zeitraum zwischen 299 und 279 v. Chr. angenommen. Als Bauherren sind die beiden hellenistischen Pharaonen Ptolemaios I. und II. anzusehen, die Sostratos von Knidos als Architekten verpflichtet hatten. Die Arbeiten an dem neuen Monument wurden dadurch erleichtert, dass die Insel Pharos zuvor mit dem Festland durch einen 1.316 Meter langen Damm verbunden wurde, der vom Vater des Leuchtturm-Architekten fertiggestellt worden war. Die Baukosten sollen sich laut Plinius auf die gigantische Summe von 800 Talenten belaufen haben, was umgerechnet rund 20.800 Kilogramm Silber entsprochen hatte. Der genaue Standort des Leuchtturms, der laut etwas späteren Quellen wie Strabon und Lukian als Orientierungspunkt für die Schifffahrt mit „hohen und hervorleuchtenden Zeichen“ ausstaffiert war, ist nicht sicher belegt. Viel spricht dafür, dass er sich an der Insel-Ostseite in den Himmel gereckt hatte –genau an der Stelle, an der sich seit dem 15. Jahrhundert die Mauern der Zitadelle des mamelukischen Sultans Kait Bey (Quaitbay) erheben. Der bekannte französische Archäologe Franck Godio plädiert neuerdings allerdings dafür, dass der Turm östlich der Insel mitten im an dieser Stelle nicht sehr tiefen Meer, in der Einfahrt zum großen Hafenbecken, errichtet wurde.


Der Pharos war eine echte Innovation, denn bis dahin hatte es für die antike Seefahrt als Hilfsmittel nur kleine Rundtürme gegeben, deren Feuer allerdings nicht allzu weit aufs Meer hinausstrahlen konnten. Er fand eine Reihe von Nachfolgern, überliefert sind 17 mit drei oder vier Etagen, deren Höhe bei weitem nicht an das Original vor Alexandria heranreichten. Als frühes Beispiel gilt der Leuchtturm von Messina. Auch frühe ägyptische und spanische Minarette wiesen in ihrer Baustruktur große Übereinstimmungen mit dem Pharos auf, vor allem den massiven rechteckigen Unterbau und die Dreistöckigkeit, weshalb sie wahrscheinlich den Pharos zum Vorbild hatten. Obwohl der Leuchtturm über eine sehr lange Zeit Wind, Wellen oder Eroberern trotzen konnte und erst im 14. Jahrhundert infolge mehrerer schwerer Erdbeben zerstört und als Ruine letztmals 1435 erwähnt wurde, haben sich keinerlei Original-Zeichnungen des Bauwerks erhalten. Dass dennoch die Gestalt des Turms recht genau rekonstruiert werden kann, ist vornehmlich Abbildungen auf antiken Münzen, aber auch auf Keramiken oder Mosaiken zu verdanken.

Abbildungen
auf antiken Münzen

Unklarheit herrscht in der Wissenschaft über die Höhe des Turms, das verwendete Baumaterial und die das Monument bekrönende Statue. Die Höhenangaben bewegen sich zwischen 115 und 160 Metern. Womöglich war der Turm damit das höchste Bauwerk der Erde und hätte die Pyramiden locker übertroffen. Selbst bei einer Höhe von 142 Metern wäre der Pharos noch bis Ende des 19. Jahrhunderts das höchste Gebäude der Menschheit gewesen. Was das Material betrifft, so hatte Strabon von einem „weißen, leuchtenden Stein“ gesprochen. Lange wurde vermutet, dass es sich um Marmor gehandelt haben.

Inzwischen wurden jedoch im Hafenbecken von Alexandria Steinblöcke geborgen, die dem ehemaligen Turm zugeordnet wurden und hauptsächlich aus Granit und Sandstein, einige aus Kalkstein und Marmor bestanden. Daher wird inzwischen allenfalls eine Verkleidung mit aus Griechenland importiertem Marmor angenommen. Ein Marmorbau wäre für Alexandria im 3. Jahrhundert v. Chr. absolut singulär gewesen, zumal dieses Material selbst im weiteren Umkreis nicht vorhanden war. Was die das Monument abschließende, sieben bis acht Meter hohe Götterstatue angeht, so schwankt die Forschung zwischen der Zuweisung an Poseidon, Zeus oder Helios. Auch eine Vergöttlichung von Ptolemaios I. wird diskutiert, was ganz im Sinn des von der ptolemäischen Dynastie, die zudem Zeus als ihren Stammvater ansah, aufgegriffenen Pharaonenkultes gewesen wäre.

Der deutsche Archäologe Hermann Thiersch hat bereits 1909 nach intensiven Forschungen und Auswertung aller Quellen eine Rekonstruktion des Pharos erstellt, die auch heute noch weitgehend unbestritten ist. Demnach wurde der Leuchtturm auf einer riesigen quadratischen Granitplattform errichtet, die wahrscheinlich mit sechs Kolossalstatuen – wohl Ptolemaios I., II. und III. sowie deren Gemahlinnen darstellend –  geschmückt und womöglich von einem Säulengang eingerahmt war. Auch wenn manche Überlieferungen auf eine Turmhöhe von 160 Meter schließen lassen, ging Thiersch bei seiner dreigeschossigen Rekonstruktion von nur von rund 120 Meter aus. Demnach hatte der Pharos einen 60 Meter hohen quadratischen Grundsockel mit einer Seitenlänge von 30 Metern und einem Monumentaleingang aus Rosengranit. Dieser Bereich, in dem eine bis zur Turmspitze reichende Versorgungsrampe ihren Anfang nahm, wurde als Lager und Aufenthaltsraum für das Leuchtturm-Personal genutzt.

Eine Götterstatue
krönte das Bauwerk

Auf dem Sockel reckte sich ein achteckiger Bau mit elf Metern Durchmesser noch einmal 30 Meter gen Himmel. Darauf stand ein zylindrischer Rundbau mit acht Metern Durchmesser und 15 Metern Höhe. In dieser Laterna war die eigentliche Lichtquelle enthalten, die nachts mit Hilfe von Öl- oder Pechfeuer, bei Tag mittels eines Metallhohlspiegels ihre Signale bis auf eine Entfernung von „300 Stadien“ – umgerechnet 56,4 Kilometer  – aussenden konnte. Den Abschluss bildete die Götterstatue.

Bei den von Gregor von Tours ins Feld geführten „hölzernen Krebsen“ als Unterbau des Pharos kann es sich eigentlich nur um eine Verwechslung handeln. Denn Krebsscheren, allerdings aus Bronze, gab es durchaus als Basis eines Monuments im antiken Alexandria. Nämlich bei den von Augustus 13 oder 12 v. Chr. aufgestellten Obelisken vor dem örtlichen Caesareum.

 Peter Lempert

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