Der gutmütige Stratege
Der gutmütige Stratege
10. März 2017

Jupp Derwall setzte als Fußball-Bundestrainer auf das Führungsprinzip der langen Leine. Seine Nationalspieler dankten es ihm nicht – trotz EM-Titel und Vize-Weltmeisterschaft. Nach seinem Rücktritt 1984 wurde er in der Türkei zum Volkshelden. Am 10. März wäre Derwall 90 Jahre alt geworden.

Jupp Derwall hat in seiner Laufbahn als Fußballtrainer so manche Tiefen und Höhen durchlebt. Vor allem der unschöne Abgang als Bundestrainer nach der misslungenen Europameisterschaft 1984 hatte schwere Frustrationen und seelische Wunden hinterlassen. Die Boulevardpresse hatte sich damals auf ihn in einer bis dahin noch nie gekannten Härte in der Berichterstattung eingeschossen, und auch sein Nachfolger Franz Beckenbauer hatte sich dazu hinreißen lassen, von „Rumpelfußball“ der Nationalelf zu sprechen. Der Druck war immer größer geworden, sodass sich Derwall irgendwann genötigt sah, als erster Bundestrainer überhaupt vorzeitig seinen Hut zu nehmen.

Der in der deutschen Öffentlichkeit viel Geschmähte „flüchtete“ in die Türkei, feierte dort in den nächsten fünf Jahren beachtliche Erfolge und wurde ein von den Massen geliebter und gefeierter Held. Derwalls Unterschrift unter den Trainervertrag beim türkischen Traditionsclub Galatasaray Istanbul war hierzulande zunächst allgemein als Flucht vor medialer Häme angesehen worden. Aber offenkundig hatte Derwall anderes im Sinn. Er wollte seinen Kritikern, die vor allem seinen weichen, liberalen, antiautoritären, kumpelhaften, den Spielern viel zu große Freiheiten erlaubenden Führungsstil angeprangert hatten, beweisen, dass man damit auch große Erfolge feiern konnte.

Derwall trimmte Galatasaray auf Disziplin und Professionalität, feierte zwei Meistertitel und einen Pokalsieg. Die Fans verehrten ihn als „Fußballpascha vom Bosporus“, der glückliche Verein bot ihm gar einen Vertrag auf Lebenszeit an. Für seine Verdienste um die deutsch-türkischen Beziehungen wurde ihm von der Universität Ankara die Ehrendoktorwürde verliehen.

Vom Geächteten zum gefeierten Helden

Als Derwall 1989 auf eigenen Wunsch seine Zelte am Bosporus wieder abgebaut hatte und nach Deutschland zurückgekehrt war, hatte er mit seiner erfolgreichen Arbeit den Grundstein dafür gelegt, dass deutsche Fußball-Lehrer in der Türkei in den folgenden Jahren als Importware hoch gehandelt wurden. Man denke nur an Christoph Daum, Joachim Löw oder Karl-Heinz Feldkamp. Längst sprachen die Kritiker von einst in den höchsten Tönen von ihm. Jupp Derwall wurde mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse geehrt, erhielt die goldene Ehrennadel des DFB und wurde zum Ehrenmitglied des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer ernannt.

Josef „Jupp“ Derwall wurde in Würselen geboren, am 10. März 1927. Er hatte als Sohn eines Bundesbahn-Obersekretärs die Realschule besucht und anschließend eine Anstellung in der Ingenieur-Abteilung des Eschweiler Bergwerkvereins gefunden, weil er Maschinenbau-Ingenieur werden wollte. Der Krieg sollte ihm allerdings einen Strich durch die Rechnung machen. Derwall wurde zum Arbeitsdienst und zur Luftwaffe eingezogen, geriet zunächst in amerikanische, dann auch noch in französische Gefangenschaft. Erst 1946 kehrte er nach Würselen zurück.

Von da an sollte der Fußball sein ganzes Leben bestimmen. Schon als Elfjähriger war er zum ersten Mal im Trikot von Rhenania Würselen aufgelaufen. Mit seinem Heimatverein wurde Derwall dank eines von ihm selbst erzielten Treffers 1947 Mittelrheinmeister und stieg sensationell in die Oberliga-West auf – damals eine von fünf Staffeln der höchsten Spielklasse im deutschen Fußball. Der Provinzclub konnte sich 1948 und 1949 in der obersten Liga behaupten.

Später wechselte Derwall zu Alemannia Aachen, in 132 Spielen der Oberliga-West schoss er 51 Tore für die Schwarz-Gelben. Mit der Alemannia erreichte er 1953 auch das deutsche Pokalfinale, das jedoch trotz eines Derwall-Treffers mit 1:2 gegen Rot-Weiß-Essen verloren wurde. Damit begann sein persönlicher Pokal-Fluch, denn auch bei den späteren vier Pokalendspielen sollte er immer als Verlierer den Platz verlassen. Nach einer einjährigen Zwangspause infolge eines geplatzten Transfers Richtung Fortuna Düsseldorf schloss sich Derwall nach der Weltmeisterschaft 1954 dem rheinischen Traditionsverein an, sollte bis 1959 für die Fortuna in 110 Einsätzen 45 Tore machen, die Pokalendspiele 1957 und 1958 verlieren und 1954 zwei Länderspiele absolvieren.

Acht Jahre Co-Trainer unter Helmut Schön

Anschließend wechselte er als einer der ersten deutschen Fußballer ins Ausland. In der Schweiz ließ er seine Karriere langsam ausklingen. Von 1959 bis 1961 arbeitete er als Spielertrainer beim FC Biel in der ersten Schweizer Liga, wurde Vize-Meister und schaffte es bis ins Pokalfinale. In der Saison 1961/1962 heuerte er als Spielertrainer beim FC Schaffhausen an. Seinen Trainerlehrgang hatte er an der Schweizer Turn- und Sportschule in Magglingen dank des Examens als Diplom-Sportlehrer erhalten, später sollte er zusätzlich an der Kölner Sporthochschule die Fußball-Lehrer-Lizenz des DFB erwerben.

In der Saison 1962/1963 wurde er Übungsleiter bei Fortuna Düsseldorf, erreichte mit seinem Team das Pokalfinale und verlor in der Verlängerung unglücklich mit 1:2 gegen den 1. FC Nürnberg. Vom Rhein aus wechselte Derwall für sechs Jahre an die Saar, von 1964 bis 1970 war er als Verbandstrainer beim Saarländischen Fußballverband tätig. Während dieser Zeit wäre ihm fast der Aufstieg mit dem 1. FC Saarbrücken in die Bundesliga geglückt. Mitten in der Saison 1965 als Nachfolger von Helmut Schneider bei den Blau-Schwarzen eingesprungen, sollte er mit seiner Mannschaft in der Aufstiegsrunde letztlich am FC Bayern München scheitern.

1970 holte ihn Bundestrainer Helmut Schön als Assistenten in seinen Trainerstab und vertraute ihm vor allem die Verantwortung für die Deutsche Amateur-Auswahl an, die bei den Olympischen Spielen 1972 antrat und 1974 gemeinsam mit Jugoslawien Amateur-Europameister wurde. Nachdem Derwall seinem Förderer Helmut Schön fast neun Jahre lang mehr oder weniger unauffällig zur Seite gestanden hatte, wurde er nach dem altersbedingten Rücktritt seines bisherigen Chefs 1978 verabredungsgemäß dessen Nachfolger im Amt des Bundestrainers.

Verspottet als „Häuptling Silberlocke“

Doch von Anfang an gab es eine Reihe prominenter Kritiker, mit Trainer-Legende Max Merkel an der Spitze, die dem jovialen, meist gut gelaunten Rheinländer den knallharten Job nicht zutrauten. Merkel verspottete Derwall in einem „Spiegel“-Artikel Anfang 1979 gar als „Häuptling ondulierte Silberlocke“. Und sprach ihm unter Berufung auf einen verdienten Nationalkicker im gleichen Beitrag jegliche fachliche Kompetenz ab: „Der Gerd Müller meint, Taktik hielte er für eine jugoslawische Grillspezialität“. Die Qualifikation für die Europameisterschaft 1980 sei mit „Derwalls Schlafwagengesellschaft“ mehr als ungewiss.

Doch zur allgemeinen Überraschung sollte Derwall der bis heute einzige Bundestrainer werden, der gleich bei seinem ersten Turnier einen Titel gewinnen konnte. Dank der beiden Tore seines Lieblingsschülers Horst Hrubesch wurde Deutschland 1980 nach dem Finalsieg über Belgien zum zweiten Mal Europameister. Gleichzeitig legte er von seinem Amtsantritt bis nach der Europameisterschaft eine bis heute unerreichte Rekordserie von 23 Länderspielen ohne Niederlage hin. Überhaupt liest sich seine Bilanz als Bundestrainer bis zum Juni 1984 durchaus beeindruckend: In 67 Partien gab es 45 Siege, elf Remis und lediglich elf Niederlagen.

Bei der Weltmeisterschaft in Spanien 1982 erreichte Derwalls Truppe nach wenig überzeugenden Auftritten in den Qualifikationsspielen immerhin das Finale. Eigentlich hätte man den zweiten Platz nach der Niederlage gegen Italien als Erfolg bewerten können. Doch stattdessen blieben vor allem zwei Skandale in Erinnerung: das als „Schande von Gijon“ berüchtigte Spiel gegen Österreich mit dem für beide Kontrahenten zum Weiterkommen hilfreichen Nichtangriffspakt sowie der brachiale Kung-Fu-Tritt von Toni Schumacher, mit dem der Torwart im Halbfinale den Franzosen Patrick Battiston ins Krankenhaus beförderte.

Als dann auch noch bekannt werden sollte, dass sich eine Reihe von Kickern im WM-Vorbereitungs-Trainingslager am Schluchsee alles andere als professionell benommen hatten – wegen zahlloser Trinkgelage wurde das Quartier in den Medien in „Schlucksee“ umgetauft – begann der Stern Derwalls zu sinken. Endgültig sollte er bei der Europameisterschaft in Frankreich 1984 verglühen, als peinliche Kicks einer deutschen Mannschaft bei einem großen Turnier erstmals das Ausscheiden bereits in der Gruppenphase bescherten. Derwall musste als erster Bundestrainer seinen Posten vorzeitig räumen – zugunsten von Teamchef Franz Beckenbauer.

Bis zu seinem Tod schrieb er als Kolumnist für den „Kicker“

Nach seinem Triumph in der Türkei und einem 1991 erlittenen Herzinfarkt zog sich Derwall zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück. Nur für den „Kicker“ blieb er bis zu seinem Tod nach kurzer, schwerer Krankheit am 26. Juni 2007 ständig als Kolumnist tätig. Zu der Trauerfeier fanden sich 500 Weggefährten in St. Ingbert zusammen. Darunter der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger, der Derwall als „eine der größten Sport-Persönlichkeiten“ würdigte: „Er war ein vornehmer Mensch, dem auch manche Schmerzen der Niederlage zugemutet wurden.“

Von Peter Lempert





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