Der Unbeugsame
Der Unbeugsame
13. April 2017

Konrad Adenauer war der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. 14 Jahre lang führte er die Geschicke der noch jungen Republik. Am 19. April vor 50 Jahren starb der weltweit geachtete Staatsmann und Machtpolitiker.

Mit seinem Namen verbindet sich der demokratische, wirtschaftliche und soziale Wiederaufbau der 1949 gegründeten Bundesrepublik, ihre Aufnahme in den Kreis der westlichen Demokratien, die Schaffung der Bundeswehr und ihre Einbindung in die NATO, dazu das Abkommen zur Wiedergutmachung mit Israel und die Aussöhnung mit Frankreich. Straßen, Brücken und Plätze tragen seinen Namen. Dabei war Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Bundesrepublik, durchaus ein Mensch mit Widersprüchen, ein mit allen Wassern gewaschener Politiker, unbequem nicht nur im Umgang mit politischen Gegnern. Der Staatsmann starb vor 50 Jahren – am 19. April 1967.

Konrad Adenauer entstammte einer kleinbürgerlichen Familie in Köln. Er hatte Jura studiert und war 42 Jahre alt, als er 1917 zum Oberbürgermeister seiner Heimatstadt gewählt wurde. Die Rheinmetropole Köln mit ihren damals 650.000 Einwohnern war zu jener Zeit die zweitgrößte Stadt Preußens, Nummer vier unter den Städten des Reiches, und ihr Stadtoberhaupt galt als der „König der Rheinlande“.


Drei Maßnahmen seiner Amtszeit galten als zukunftweisend: die Grünflächenpolitik, der Hafenbau und die Wiederbegründung der Universität. Gerühmt wurde auch die Überredungskunst des Stadtoberhauptes. In kleinem Kreis erzielte er seine größten Erfolge, wenn er „wie ein Landregen sanft und stetig“ die gegnerischen Argumente aufweichte. Kommunalpolitik als die Hohe Schule der „großen“ Politik.


Die Nationalsozialisten jagten den verhassten Oberbürgermeister, der zweimal fast Reichskanzler geworden wäre, 1933 aus dem Amt. Der zum „Blutjuden“ und „Großprotz von Köln“ gestempelte Politiker machte aus seiner Ablehnung Hitlers keinen Hehl. Er hatte den neuen Reichskanzler in der Domstadt brüskiert, Hakenkreuzfahnen entfernen lassen und Minister Göring aufgefordert, nicht nur linksstehende, sondern alle Gesetzesbrecher verfolgen zu lassen – gleichgültig welcher Partei sie angehören.

Mit 73 Jahren
zum Kanzler gewählt

Adenauers Zwangsruhestand begann, Verfolgung, Verfemung und Inhaftierung begleiteten ihn. Schwierige Jahre für eine Familie mit sieben Kindern. Als der Krieg zu Ende ging, stand Adenauer an der Schwelle des 70. Lebensjahres. Nun begann eine der erstaunlichsten Alterskarrieren der Geschichte, systematisch vorbereitet von einem alterfahrenen Politprofi. Unermüdlich Briefe schreibend, Kontakte knüpfend, Rivalen im Auge behaltend und programmatisch vordenkend, gelang es Adenauer Zug um Zug, in die vorderste Reihe der neu gegründeten Christlich-Demokratischen Union (CDU) vorzudringen.


Die CDU, so belehrte er einen Parteifreund, sei weder eine Rechtspartei noch eine Sammelpartei, weil dies „nichts in die Zukunft Weisendes“ sei. Die Union müsse „feste und klar umrissene Programmsätze“ haben und Wert darauf legen, „mindestens mit demselben Recht“ die Handarbeiter zu ihren Mitgliedern zu zählen wie die SPD. Die CDU, so dozierte er bereits, strebe die „Führung des Staates auf christlicher Grundlage“ an. Es gehe darum, den Menschen wieder Freude an ihrer Arbeit zu geben, damit sie von deren Ertrag ein anständiges Leben führen können. Es gehe nicht um Sozialismus, wehrte Adenauer ab: „Mit dem Wort Sozialismus gewinnen wir fünf Menschen – und 20 laufen weg.“


Grundsatztreue und taktisches Denken miteinander zu verbinden, das blieb ein Merkmal der Politik Adenauers. Er erkannte rasch die Zugkraft Ludwig Erhards als Verkörperung der „sozialen Marktwirtschaft“, deren sicheren Ruin die Sozialdemokraten Kurt Schumachers voraussagten. Auch Adenauer unterschätzten sie. Er sei „ein verstaubter Vertreter verstaubter Ideen“, von dem morgen niemand mehr reden werde.


Die erste Bundestagswahl am 14. August 1949 brachte die Nagelprobe. Mit der SPD scheiterte auch die Idee der Planwirtschaft, deren Einführung der DDR vorbehalten blieb. Im September 1949 wurde der Christdemokrat – inzwischen 73 Jahre alt – zum ersten Bundeskanzler gewählt. Und dies blieb er bis zu seinem Rücktritt am 15. Oktober 1963. Krisen blieben dabei nicht aus. Die schwerste war das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) am 30. August 1954 in Paris. Adenauer dachte an Rücktritt.


Am 23. Oktober 1955 lehnten die Saarländer das von Kanzler Adenauer und dem französischen Premierminister Mendès-France ausgehandelte Pariser Saarabkommen ab. Das führte, wenn auch auf einem anderen Weg, zu dem auch von Adenauer anvisierten Ziel der Wiedervereinigung mit dem Saarland (1957).

Adenauer hatte seit 1950 die Saarpolitik des Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann als „Separatismus“ verurteilt, die saarländische Innenpolitik als unfreiheitlich gebrandmarkt und im Februar 1955 das Ende des Hoffmann-Regimes gefordert. Schönfärber der saarländischen Nachkriegsjahre vergessen das heute gern.
Dass ihm die Überwindung der deutschen Teilung versagt blieb, bedrückte Adenauer bis zuletzt. Die „Erinnerungen“ widmete er „Meinem Vaterland“. Eher betrüblich entwickelte sich sein Verhältnis zu dem erfolgreichen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, dem der zweite SPD-Kanzler, Helmut Schmidt, freilich erst Jahrzehnte später, geniale Qualitäten attestierte. Aus Adenauers Sicht war Erhard „zu weich“, um Kanzler zu werden. Fürs erste verlor der „Alte“ den „Erbfolgekrieg“. Im Herbst 1963 war Erhard, ausgelaugt und zermürbt, am Ziel. Er blieb ganze drei Jahre Kanzler.

Kurz und knapp,
kein Wort zuviel

Adenauer war niemandes Marionette, weder die der Alliierten noch die der katholischen Kirche. Kurt Schumachers Verdächtigungen gingen an der Realität vorbei. Dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Frings, hat er nie den Bischofsring geküsst. Dessen Kommentar, er könne nicht zu allem Ja und Amen sagen, was zum Thema Elternrecht im Grundgesetz stehe, beschied der Präsident des Parlamentarischen Rates, Adenauer, mit dem trockenen Bonmot: „Sie brauchen nur Ja zu sagen, das genügt“.


Kanzlerkritiker wie Rudolf Augstein mokierten sich über Adenauers schnörkellose Sprache. Tatsächlich verfügte er über die Gabe, komplizierte Sachverhalte zu vereinfachen und so „auf den Punkt“ zu bringen. Theodor Heuss, der erste Bundespräsident, schätzte dies als „großartiges Talent.“ Dazu der Betroffene bescheiden: „Jeder von uns kann froh sein, wenn er einfach reden kann“. Typisch Adenauer: kurz und knapp, kein Wort zuviel!


Doch der gelernte Jurist konnte auch anders. Die mehrbändige Edition seiner Briefe beweist es. Arnulf Baring, beileibe kein Lobredner, nennt den Briefschreiber Adenauer „wider Erwarten“ eine „große Entdeckung“: „Meisterhaft beherrschte er diese heute fast in Vergessenheit geratene Kunst“. Die Palette seiner Ausdrucksformen sei breit gewesen: „Vernichtende Objektivität stand ihm ebenso zu Gebote wie persönliche Wärme, ja einfühlsame Herzlichkeit“. Der Kanzler war ein geborener Debattenredner, der sich gern durch Zwischenrufe anheizen ließ. In der Unionsfraktion konnte er auch schroff sein. Da wurden widerstrebende Abgeordnete auch mal abgekanzelt oder lächerlich gemacht.

„Die Eiche
ist gestürzt“

Der Rheinländer hatte den Schalk im Nacken. Er unterschied zwischen der ganzen, der reinen und der lauteren Wahrheit. Eine augenzwinkernde Bemerkung zu einem Bonner Journalisten lautete: „Sie belügen mich, und ich sage Ihnen auch nicht die Wahrheit. Auf diese Weise kommen wir ganz gut miteinander aus“. Übrigens mochte es Adenauer, für einen Fuchs gehalten zu werden. Das sei doch ein besonders kluges und tapferes Tier. Im Umgang mit der Macht nicht „pingelig“, war Adenauer ein nüchterner Menschenkenner.

Er machte sich keine Illusionen, auch nicht über die geheimen Wünsche weniger erfolgreicher Weggefährten: „Ganze Kübel schmutzigen Wassers“ werde man über ihm ausleeren, wenn er nicht mehr Kanzler sei. So zitiert ihn sein Biograph Hans-Peter Schwarz. Die befürchtete Entzauberung aber blieb aus. Als Konrad Adenauer am 19. April 1967 im Alter von 91 Jahren in Rhöndorf am Rhein starb, ging eine Epoche zu Ende. Kommentar eines italienischen Blattes: „Die Eiche ist gestürzt“. Konrad Adenauer hatte Deutschland das Vertrauen der Welt zurückgewonnen.

Albert H. V. Kraus

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