Diät für ein  langes Leben
Diät für ein langes Leben
9. Juni 2017

Dauerhafte Kalorienreduktion kann altersbedingte Krankheiten angeblich deutlich reduzieren. Das Leben soll sich mit einer bewusst sparsamen Ernährungsweise deutlich verlängern lassen.

Sie bezeichnen sich selbst als „CRONie“. Eine Spezies, die bislang vor allem in den USA anzutreffen ist. Wobei „CRON“ als Abkürzung für „Calorie Restriction with Optimal Nutrition“ steht, sprich für verminderte Kalorienzufuhr bei optimalem Nährwert. Es handelt sich um Menschen, die ihre Kalorienzufuhr ganz bewusst drastisch um etwa 30 Prozent herunterfahren – nicht etwa um Gewicht zu verlieren, sondern weil sie glauben, dadurch länger leben zu können. Ein CRONie kommt mit 1.600 bis 1.800 Kalorien am Tag aus – und erhofft sich als Belohnung für die Kasteiung nicht nur ein Vermeiden typischer Alterskrankheiten wie Diabetes, Krebs oder Herzinfarkte, sondern auch ein signifikantes Anti-Aging-Geschenk in Gestalt zusätzlicher Lebensjahre.

Langzeitstudien mit Primaten brachten die „Beweise“

Der US-Gerontologe Roy Walford machte Anfang der 1990er-Jahre die Idee, weniger zu essen und dadurch länger zu leben, populär. Er gründete 1995 die Calorie Restriction Society. Zu diesem Zeitpunkt war der Lebensverlängerungs-Effekt dank Kalorienreduktion allerdings nur in Versuchen mit niederen Lebewesen wie Hefezellen, Fadenwürmern und Fruchtfliegen sowie mit Nagern wie Ratten oder Mäusen nachgewiesen worden. Die Ergebnisse zweier Langzeitstudien mit Primaten, genauer gesagt Rhesusaffen, sollten erst rund zwei Jahrzehnte später veröffentlicht werden und für reichlich Zündstoff und Kontroversen in Wissenschaft und Populärmedien gleichermaßen sorgen. Allerdings konnte nur in einer der beiden Studien, nämlich der des Wisconsin National Primat Research Centers ab 1989, eine lebensverlängernde Wirkung durch Diät nachgewiesen werden. Die ab 1987 vom National Institute on Aging (NIA) in Baltimore/Maryland geführten Forschungen konnten einen solchen Effekt nicht belegen.

Doch statt sich eine lange Wissenschaftskontroverse zu liefern, setzten sich beide Forschungsteams an einen Tisch, um die Ursachen für das widersprüchliche Ergebnis und mögliche Übereinstimmungen in anderen Punkten, vor allem der Krankheitsprävention durch Kalorienrestriktion, zu ergründen. Unter Federführung von Julie A. Mattison vom NIA veröffentlichten die beiden Gruppen Anfang dieses Jahres eine gemeinsam verfasste, vergleichende Bewertung ihrer beiden Studien im Fachmagazin „Nature“. „Vermutlich wäre es einfacher gewesen zu sagen, dass die eine Studie richtig gemacht wurde und die andere falsch“, sagt Mattison. „Je nachdem, welches Ergebnis die Leute hören wollen. Doch als wir die Untersuchungen miteinander verglichen, wurde uns klar, dass beide Studien die Effekte der Kalorienreduzierung in völlig unterschiedlichen Ansätzen untersucht hatten. In der Wisconsin-Studie lebten die Tiere länger gesund und wurden auch insgesamt älter, wenn sie weniger Kalorien bekamen. In unserer Untersuchung lebten die Tiere zwar auch länger gesund, aber nicht insgesamt länger.“

Bei der NIA-Studie hatten die in zwei Gruppen aufgeteilten Affen eine wesentlich gesündere Kost bekommen, viel Obst, Gemüse, kaum Zucker. Selbst die nicht auf strenge Diät, nämlich eine Kalorienreduktion von 30 Prozent, gesetzte Kontrollgruppe hatte grundsätzlich ein niedrigeres Gewicht als die Rhesusaffen der Wisconsin-Studie.


Bei dieser Studie wurde den Tieren nämlich eine fettreichere Kost mit viel Zucker verabreicht, wobei die Hälfte der Tiere etwa ein Drittel weniger zu fressen bekam, während sich die Kontrollgruppe frei nach Gusto an der Nahrung bedienen konnte. In der NIA-Studie wurden die Tiere, die aus unterschiedlichen Regionen der Welt stammten und daher deutliche genetische Unterschiede aufwiesen, zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihres Lebens auf Diät gesetzt, manche schon vor der Pubertät, andere erst als Erwachsene.

An der Wisconsin-Studie mit 76 Rhesus-Affen waren nur Tiere aus dem hauseigenen Primatenzentrum beteiligt, die in etwa dem gleichen Lebensalter auf Ernährungssparflamme gesetzt wurden. „In beiden Studien sehen wir: Tiere, die eine kalorienreduzierte Kost bekommen, leiden seltener an altersbedingten Krankheiten – unabhängig von der Zusammensetzung der Diät oder anderen Faktoren“, erklärt Mattison die Ergebnisse. „Das ist die eigentlich wichtige Erkenntnis aus beiden Studien. Und sie ist bedeutender als das Ergebnis, dass die Affen in einer Untersuchung länger lebten, wenn sie weniger zu fressen bekamen. Denn es ist schließlich wichtiger, länger gesund zu bleiben, als insgesamt älter zu werden.“


Vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Arthritis, Osteoporose und bestimmte Krebsformen traten bei den auf Diät gesetzten Tieren im Alter seltener auf. Warum weniger Kalorien die Gesundheit im Alter verbessern können, ist bisher völlig unklar. Mattison: „Sind es bestimmte Stoffwechselwege, die durch die Kalorienrestriktion beeinflusst werden, wie zum Beispiel der Zuckerstoffwechsel oder der Proteinstoffwechsel, oder sind es Immunreaktionen?“

Weniger
schädliche freie
Sauerstoffradikale

Fraglich sei es natürlich auch, so Mattison, ob man die Ergebnisse aus den Affenstudien direkt auf den Menschen übertragen kann. Doch auch für unsere Gesundheit sei es unbestritten förderlich, weniger Kalorien zu sich zu nehmen und dass sich „die vorteilhaften Effekte der Kalorienrestriktion auch beim Menschen“ zeigen könnten. Ihr Kollege Eric Ravussin vom Pennington Biomedical Research Center in Louisiana führt als Erklärung für geringeren Blutdruck und gesundere Blutfettwerte bei Probanden der Calorie Restriction Society die „Rate of living“-Theorie ins Feld: „Vereinfacht kann man sagen, dass man länger lebt, weil der Körper seine Stoffwechselvorgänge herunterfährt. Dabei gewöhnt er sich an das verringerte Kalorienangebot.“ Sinkender Grundumsatz und Körpertemperatur seien die Folge, und es entstünden weniger freie Sauerstoffradikale, die Zellen und Organe schädigen und die Alterung beschleunigen könnten.

Ach ja: Bei der Wisconsin-Studie lebten die auf Sparflamme gesetzten Affen deutlich länger als ihre schlemmenden Artgenossen. Die Männchen lebten zwei Jahre, die Weibchen sogar sechs Jahre länger. Der Methusalem unter ihnen, ein Männchen, hat inzwischen mit 43 Jahren den Langlebigkeitsrekord seiner ganzen Art aufgestellt. Ein Weibchen hat es auch schon auf 38 Lenze gebracht. Obwohl das Durchschnittsalter der Tiere in Gefangenschaft lediglich 26 Jahre beträgt.


Peter Lempert

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