Die neue Superfrucht
Die neue Superfrucht
28. Oktober 2016

Baobabs, auch Affenbrotbäume genannt, gewinnen international immer mehr an Beliebtheit. Es gibt eine weitere Seite, die Beachtung verdient: Ernte und Verkauf von Baobab-Früchten schaffen dringend benötigtes Einkommen für die arme Bevölkerung in ländlichen Gebieten und sichern die Ernährung in schlechten Zeiten.

Der Boden unter den Füßen ist staubtrocken. Die Menschen in Chiswiti, einem Dorf in der Gegend um Mount Darwin im Nord-Osten von Simbabwe, warten vergeblich auf Regen. Die Ernten fallen aus, das Vieh verendet. Besonders schlimm trifft es die ärmere Bevölkerung auf dem Land.

Ortsvorsteher Shorty Kanzou, auch „Chief Chiswiti“ genannt, ist froh über die kräftigen Baobabs, die der Trockenheit standhalten. Er hebt eine Frucht vom Boden auf und knackt ihre harte Schale. „Manche Früchte schmecken leicht süß, andere sind sauer.“

Das Besondere: Jedes Jahr rechtzeitig zur Trockenzeit, wenn kaum etwas Anderes in der afrikanischen Sonne reift, produzieren die Giganten der Savannen ihre Superfrüchte. Anders als Äpfel oder Ananas haben sie kein saftiges Fruchtfleisch, dafür eine dicke, harte Schale. Sie umhüllt die Fruchtpulpe mit den Samen.
Damit kein kostbarer „Tropfen“ verloren geht, entzieht der Baum den Früchten Wasser. Im langsamen Reifungsprozess entsteht auf natürliche Weise hochkonzentriertes Pulver. In der unversehrten Fruchtschale lässt es sich leicht lagern und bleibt über Jahre haltbar – ein ideales Lebensmittel für die Versorgung in Dürrezeiten.

Affenbrotbäume wachsen überwiegend wild in ländlichen Regionen Afrikas südlich der Sahara. Eine Kultivierung auf Plantagen findet noch nicht statt. Die Früchte sind Wildsammlungen und meist von Natur aus „bio“. Die Landbevölkerung kann sich vielerorts weder Düngemittel noch den Einsatz von Pestiziden leisten.
Ist eine Frucht reif, fällt sie vom Baum und wird eingesammelt. Traditionell übernehmen Frauen diese Aufgabe. Durch den Verkauf an Zwischenhändler verdienen sie dringend benötigtes Einkommen.

In Fabriken in den Herkunftsländern wird das Pulver von den Samen durch Sieben getrennt. Danach folgt die Verpackung für den Export. Weitere Verarbeitungsschritte wie Trocknung oder Entkeimung sind bei hochwertigem Pulver nicht notwendig. Seit 2008 ist das Baobab-Fruchtpulver unter der Novel Foods Verordnung für die Einfuhr in die Europäische Union (EU) zugelassen. Hohe Hygienestandards müssen dafür eingehalten werden.


Baobab-Fruchtpulver ist reich an gesunden Inhaltsstoffen. Damit weckt es das Interesse Gesundheitsbewusster und erobert seit einiger Zeit internationale Märkte. Was sich die traditionelle Medizin seit Jahrhunderten zunutze machte, bestätigen jüngste Forschungsergebnisse.

Besonders beliebt
bei Veganern und Vegetariern

Je nach Standort der Bäume enthält das Pulver mehr Kalzium als Milch, mehr Magnesium als Avocados, mehr Kalium als Bananen und mehr Vitamin C als Orangen. Sein Anteil an Antioxidantien und Ballaststoffen ist hoch.

B-Vitamine, Omega 3, 6 und 9 Fettsäuren sowie Eisen ergänzen das Bild. Vitamin C hilft dem Körper zu einer besseren Aufnahme von Eisen. Das macht das Pulver besonders beliebt bei vegan und vegetarisch lebenden Menschen.

Baobab-Pulver hat eine leicht zitronig-säuerliche Note und ist dem Geschmack süßer Grapefruits ähnlich. Vielseitig einsetzbar, schmeckt es besonders gut in Limonaden, Müslis, Müsliriegeln, Smoothies, aber auch in herzhaften Gerichten wie Currys und Salatsoßen. Beim Kuchenbacken ersetzt es Backtriebmittel. Dank seiner bindenden Eigenschaften macht es Soßen cremig.

Die traditionelle Medizin setzt das Pulver bei Durchfällen und Darm­erkrankungen ein. Seine probiotischen Eigenschaften wirken sich positiv auf die Darmflora aus. Zur Fiebersenkung verabreicht man das Pulver mit Wasser vermischt Malariapatienten. Regulierende Wirkung entfaltet es bei Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen, die aufgrund der Veränderungen im Lebenswandel seit Jahren in afrikanischen Ländern auf dem Vormarsch sind.

Der Goldschatz vor der eigenen Haustür kam in manchen Ursprungsländern aus der Mode und tut sich auf den heimischen Märkten schwer. Gus Le Breton, Wahlsimbabwer und Geschäftsführer der Baobab Export Firma B‘Ayoba erklärt: „Ein Stigma hängt dem Verzehr von allem an, das einen ländlichen Hintergrund hat.“ Wer es sich leisten kann, kauft in Zeiten der Globalisierung lieber Fast Food und Soft Drinks. Das reicht bis in die entlegensten Winkel des Landes. Baobab gilt als „Hungerfood“, und wer damit gesehen wird als arm.

„Die Menschen betrachten Baobab nicht als wichtig, weil sie Früchte haben, die besser schmecken und einfacher zu bekommen sind“, sagt die südafrikanische Ökologin Dr. Sarah Venter zur Situation in Südafrika. „Man isst lieber einen Apfel oder eine Orange statt einer Baobab-Frucht.“

In Simbabwe ist man optimistisch, dass sich mit der internationalen Aufmerksamkeit für die Früchte auch das Verhalten der Menschen ändert. Die Bevölkerung in Chiswiti jedenfalls hat die Vorzüge des Baobab wiederentdeckt. „Die meisten Früchte blieben früher einfach im Busch liegen“, meint der Chief. Das ändere sich nun, da Verkauf und Vermarktung Geld in die Region bringen.

Bis zur Vermarktung des Pulvers auf Augenhöhe ist es ein weiter Weg. Die Landbevölkerung verfügt kaum über das Wissen und die nötige Infrastruktur für den Exporthandel. Einhaltung von Hygienevorschriften, Transportwege, Zugang zu Märkten, faire Preise und die Nachhaltigkeit bei der Ernte der Früchte stellen Herausforderungen dar, der die Fruchtsammler nicht gewachsen sind.

Das Hilfswerkt Austria International setzt an diesem Punkt mit seinem Konzept der „Hilfe zur Selbsthilfe“ an. Zusammen mit lokalen Projektpartnern wie KAITE, B‘Ayoba oder Organic Africa und weiteren hat es vor Ort 15.000 Menschen in ländlichen Gebieten gefördert.

Im Fokus stand die Nutzung 20 heimischer und besonders dürreresistenter Pflanzen. Da kommt auch der Baobab ins Spiel. Der Baum kann aufgrund spezieller Eigenschaften mit wenig Wasser auf mageren Böden trotzdem nahrhafte und gesunde Früchte produzieren.

Die meisten Affenbrotbäume wachsen im Busch

Doch die meisten Bäume wachsen im „Busch“. Der Zugang über Straßen ist sehr eingeschränkt, Transport und Vermarktung sind daher schwierig. Das Hilfswerk organisierte zusammen mit lokalen Partnern finanzielle Mittel und Trainingsmaßnahmen.

Bäuerinnen und Bauern lernten, was für die Ernte, Verarbeitung und Vermarktung der Früchte wichtig ist. B’Ayoba und weitere Organisationen sorgten für den Transport, die Verarbeitung in Fabriken und den internationalen Export. Das Pulver erhielt eine Bio-Zertifizierung und ist zum Teil sogar zertifiziert durch Fairtrade.

Langfristig sollen die Menschen vor Ort ohne Unterstützung von außen die Früchte ernten und verkaufen. Erwartet wird neben neuen Einkommensquellen für Familien auch die Ernährungssicherung in Dürrezeiten. Außerdem setzen die beteiligten Organisationen auf die wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Baobab-Region.

Bislang hat sich das monatliche Haushaltseinkommen der am Projekt beteiligten Bäuerinnen und Bauern von 30 Dollar auf 150 Dollar pro Monat erhöht. Aus westlicher Sicht mag das gering erscheinen.

Für Familien vor Ort macht es einen großen Unterschied bei der Bewältigung des Alltags. Besonders Frauen profitieren vom Extra-Einkommen aus dem Verkauf von Baobab-Früchten. Sie sind für die Versorgung der Kinder zuständig und oft auf sich allein gestellt. Häufig wandern die Männer mangels Arbeitsmöglichkeiten in die Städte ab.

Mit dem zusätzlichen Geld bezahlen sie die Schule und Lernmittel für ihre Kinder und sorgen für ausgewogenere Ernährung. Kranke können sich wieder eine medizinische Grundversorgung leisten.

Neben dem Einkommen sind es die niedrigen Investitionskosten, die den Baobab attraktiv machen. Anders als bei Baumwolle oder anderen kapital- und ressourcenintensiven Produkten benötigen die Frauen keine weiteren Arbeitsmittel, Kapital oder teure Gerätschaften. Sie investieren beim Sammeln lediglich ihre Zeit.
Für Silvia Weninger, Projektleiterin für das Hilfswerk Austria in Simbabwe, ist der Baobab eine Erfolgsgeschichte: „Man kann Baobab-Früchte schnell sammeln, verarbeiten und vermarkten.“ Als Wildobst benötigen die Bäume keine besondere Pflege oder lange Anbauzeiten.

Heike Pander

 

 

 

 

INFO: Hilfswerk Austria International
Hilfswerk Austria International ist eine österreichische und weltweit tätige Hilfsorganisation, die Entwicklungszusammenarbeit und Katastrophenhilfe leistet. Seit Jahrzehnten unterstützt sie Menschen in Krisensituationen. Gemeinsam  mit ihnen verbessert sie die Lebensbedingungen und schafft neue Perspektiven. Sie unterstützt benachteiligte Familien in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Soziales, Landwirtschaft und wirtschaftliche Entwicklung. Hilfswerk Austria International hilft Menschen dabei, ihre eigenen Potenziale (wieder) zu entfalten.
Spenden:
IBAN AT71 6000 0000 9000 1002, BIC OPSKATWW
Kennwort: Simbabwe
Mehr Informationen im Internet: www.hilfswerk.at/hwa+

 

 

INFO:  Ein Baum mit vielen Aspekten
Der Baobab hat nicht nur in Bezug auf seine Nutzung viel zu bieten. Der Überlebenskünstler besticht durch seine Größe, skurrile Erscheinung und die Tatsache, dass er die meiste Zeit des Jahres ohne Blätter verbringt. So kam er auch zu seinem Namen „Upside Down Tree“.
1.000 Jahre und älter können die Giganten werden. Unzählige Mythen und Geschichten ranken sich um sie. Ikonengleich stehen sie mit ihrer fast mystischen Aura in den Grassavannen und dem trockenen Buschland Afrikas.
Bedeutung haben sie auch in traditionellen Glaubenssystemen. Gerade in Sambia und Simbabwe sieht man den Baobab als Sitz von Geistern und mitunter als Wohnort der Ahnen. In Kombination mit Eulen oder Chamäleons sind sie angstbesetzt und gelten als Orte der Hexerei.
Aufgrund ihrer Größe dienen sie dem Menschen seit Jahrhunderten als Orientierungshilfe. Schon Entdecker wie David Livingstone, James Chapman und andere hinterließen in der Rinde ihre Namen und nutzten die Bäume für den Austausch von Nachrichten.
Das „Ökosystem“ Baobab ist Lebensraum für verschiedene Tiere und Pflanzen gleichermaßen. Besonders alte Exemplare haben die Angewohnheit, im Laufe ihres Lebens von innen auszuhöhlen. In diesen Höhlen leben die unterschiedlichsten Tierarten.
Auch Menschen machten sich die Höhlen zunutze – als Wohnraum, Viehstall, Wasserspeicher, Begräbnisort, Kapelle oder Gefängnis. In Katima Mulilo im Norden von Namibia steht ein Baobab mit installiertem Wasserklosett. In Südafrika nutzte man einen ausgehöhlten Baobab lange Zeit als Bar und Eventlocation bis ein Teil des Baums zusammenbrach.
Beliebt sind die Bäume auch in Kunst und Kultur. Sie sind Inspiration für Gemälde und Skulpturen und finden sich als Schmuck, auf Briefmarken, Münzen und als nationale Symbole wieder.
Ralph Stutchbury, Fotograf und Dokumentarfilmer aus Simbabwe, bringt es passend auf den Punkt: „Baobabs sind die größten lebenden Bäume auf dem afrikanischen Kontinent. Man kann nicht einfach an einem Baobab vorbeigehen, ohne ihn zu sehen.“

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